Interview der Woche

Ein wenig verrückt muss man sein

Tony und Franco Sedivi sowie Matthias Hülsenbeck und Frank Bittner (v.l.) überzeugten als Team.
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Tony und Franco Sedivi sowie Matthias Hülsenbeck und Frank Bittner (v.l.) überzeugten als Team.
  • Peter Kuhlendahl
    VonPeter Kuhlendahl
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Der Radevormwalder Franco Sedivi hat mit dem Fahrrad des Race Across Germany gemeistert.

1120 Kilometer beträgt die Distanz von Flensburg nach Garmisch-Partenkirchen. Die Vorgabe beim Race Across Germany ist, mit dem Rad unter 50 Stunden zu bleiben. Gestatten Sie die Frage: Wie verrückt muss man sein, um sich das anzutun?

Franco Sedivi (lacht): Das ist natürlich eine sehr gute Frage. Und ein wenig verrückt muss man schon sein. Aber meine Teilnahme hat allerdings auch einen ernsten Hintergrund.

Verraten Sie welchen?

Sedivi: Ich hatte vor einigen Jahren Vorhof-Flimmern am Herz und bin auch operiert worden. Das ist aber alles kein Thema mehr, und ich bin natürlich längst wieder richtig fit. Es war aber immer meine Ambition an einem solchen Rennen teilzunehmen. Im Juni bin ich nun 60 Jahre alt geworden. Und irgendwann denkt man sich, wenn man es jetzt nicht macht, dann gar nicht mehr.

Wie haben Sie sich auf diese Extrem-Tour vorbereitet?

Sedivi: Wir haben uns im September vergangenen Jahres angemeldet. Von diesem Zeitpunkt an bin ich in der Woche jeden Tag rund 80 Kilometer gefahren. An den Wochenenden dann 150.

Gab es auch noch andere Trainingselemente?

Sedivi: Grundsätzlich kann man einfach nicht trainieren, was bei der zu erwartenden Belastung auf einen körperlich wartet. Ich habe ansonsten noch viele Rückenübungen gemacht. Zumal ich während der Vorbereitung auch Probleme mit den Bandscheiben hatte.

Sie sind die Strecke als Duo gemeinsam mit Matthias Hülsenbeck aus Ennepetal gefahren. Wie waren die Regularien?

Sedivi: Beim Race Across Germany kann man als Einzelkämpfer oder als Team fahren. Im Team wechselt man sich auf der Straße ab. Unserer Taktik war, tagsüber nach einer Stunde zu wechseln und in der Nacht nach zwei Stunden. Mein Bruder Tony und Frank Bittner haben mit einem Wohnmobil außerdem das sogenannte Support-Team gebildet.

Was war die Aufgabe der beiden?

Sedivi: Im Grunde waren sie die wichtigsten Personen. Sie haben die Fahrt koordiniert, alles organisiert und waren natürlich auch für Reparaturen zuständig. Außerdem darf man nicht unterschätzen, wie anstrengend es ist, stundenlang im relativ langsamen Tempo hinter einem Radfahrer herzufahren.

Wann ging es los?

Am 1. Juli sind wir morgens um 9 Uhr auf die Strecke an der Hafenspitze in Flensburg gegangen. 31 Teams sind im Abstand von zwei Minuten gestartet. Wir sind als vorletztes Duo auf die Strecke gegangen. Ins Ziel sind wir dann übrigens dann als Vierte gekommen.

Bis dahin war es ein weiter Weg. Wie lange waren Sie unterwegs?

Sedivi: Neben den 1120 Kilometern darf man nicht die Zahl der Höhenmeter unterschätzen, die wir absolvieren mussten. Das waren insgesamt rund 7500 Meter. Am Rathaus in Garmisch-Partenkirchen sind wir nach 47 Stunden und 35 Minuten angekommen.

Gab es Momente, in denen Sie oder Ihr Teamkollege Matthias Hülsenbeck vom Rad steigen wollten?

Sedivi: Es war eine mega Erfahrung mit allen Höhen und Tiefen. Entscheidend war grundsätzlich die Teamarbeit. Sonst wäre es nicht gegangen. Besonders hart war die erste Nacht. Neun Grad und starker Regen. Es war alles nass. Und die komplette Ausrüstung, die im Wohnmobil hing, hat kaum gereicht. Da hat man sich schon gefragt, was machst Du hier eigentlich.

Haben Sie nachts in den zwei Stunden, in denen Sie nicht im Sattel saßen, geschlafen?

Sedivi: Eigentlich nicht. Man war zwar kaputt, aber trotzdem aufgedreht. Ähnlich war es bei der Nahrungsaufnahme. Man wusste gar nicht, ob man Hunger hatte oder auch nicht. Man war irgendwie durcheinander. Mal wollte man ein Wasser, mal eine Cola oder mal ein Radler. Dann gab es Heißhunger auf Pommes oder man wollte einfach nur einen Müsliriegel.

Wie motiviert man sich da?

Sedivi: In die Sonnenaufgänge zu fahren, war ein Traum. Oder wenn man plötzlich Wild wie Rehe, Mardern oder Füchsen begegnet ist.

Gab es auf der Strecke auch gefährliche Momente?

Sedivi: Natürlich gab es den einen oder anderen auf den Landstraßen, der hupend an uns vorbeigeschossen ist. Wir waren aber durch das Wohnmobil, das am Heck einen entsprechenden Warnhinweis hatte, gut geschützt.

Was war neben der ersten Nacht der anstrengendste Teil?

Sedivi: Das waren die Kasseler Berge. Dieses Mittelgebirge ist unglaublich brutal. Dazu kam, dass wir da auch noch ein GPS-Problem hatten. In einer Baustelle habe ich einen Abzweig verpasst. Das Team wartete, weil sie dachten, ich hätte eine Toilettenpause eingelegt. Ich bin aber weiter gefahren. Am Ende hat es mir 50 zusätzliche Kilometer eingebracht.

Franoc Sedivi ließ sich trotz des einen oder anderen Problems auf der Mammuttour die gute Laune nicht nehmen.

Und dann gab es den Moment, als klar war, dass Sie es bald geschafft hätten. . .

Sedivi: Das war am Sonntagmorgen gegen 8 Uhr. Es war ein unglaubliches Gefühl. Die letzten 15 Kilometer bis ins Ziel sind Matthias und ich dann zusammengefahren.

Wie war schließlich die Zielankunft?

Sedivi: Im Grunde war die dann völlig unspektakulär. Da gab es keine Zuschauer. Keiner wusste doch, wann die Teams einfahren. Es war ein Offizieller des Veranstalters da. Wir haben noch ein Foto gemacht, und das war es. Uns war es egal. Wir hatten es geschafft.

Was passierte dann?

Sedivi: Ich habe ein Radler getrunken. Ansonsten ist man irgendwie in ein Loch gefallen. Richtig realisiert, was man geschafft hat, hat man da noch nicht. Am frühen Nachmittag haben wir dann die Heimreise angetreten.

Da Sie die Vorgabe, unter 50 Stunden zu bleiben, erreicht hatten, haben Sie eine ganz besondere Qualifikation in der Tasche.

Mehr als 47 Stunden waren die Beteiligten auf den Landstraßen zwischen Flensburg und Garmisch-Partenkirchen unterwegs.

Sedivi: Die für das legendäre Race Across America.

Und wann geht es los?

Sedivi (lacht): Wenn ich im Lotto gewonnen habe. Oder genügend Sponsoren zusammen hätte. Aber im Ernst. Die Teilnahme daran wäre die Erfüllung eines ganz großen Traums. Aber neben dem finanziellen Aspekt ist das eine unglaubliche Herausforderung. Von der Ost- zur Westküste in den USA sind es mehr als 4500 Meilen.

Es gibt aber auch noch in Europa Veranstaltungen, oder?

Sedivi: Vorstellen könnten wir uns die Teilnahme am Rade Across Italien oder Österreich. Allerdings muss man sich da bewusst sein, dass man dabei extrem viele Höhenmeter meistern muss.

Geschafft - am Rathaus in Garmisch gab es für Franco Sedivi (r.) und Matthias Hülsenbeck das Erinnerungsfoto.

Gibt es schon eine Veranstaltung, für die Sie gemeldet haben?

Sedivi: Ende Juli nehme ich im bayerischen Dießen am Ammersee an der Europameisterschaft im Zwölf-Stunden-Rennen teil. Auf einem Rundkurs, der 7,5 Kilometer lang ist und 140 Höhenmeter hat, wird dann gefahren.

Zur Person

Franco Sedivi wurde am 16. Juni 1962 in Radevormwald geboren. Dort lebt er und betreibt in der Bergstadt eine Autovermietung. Außerdem kann man bei ihm E-Bikes mieten. Er bietet auch Touren an. Sedivi ist geschieden und hat eine Tochter. Bevor er zum Radsport fand, war der Radevormwalder erfolgreicher Fußballer. Begonnen hat er bei der damaligen Spvg. Radevormwald. Sedivi hat im Seniorenbereich große Erfolge gefeiert und für den Wuppertaler SV in der 2. Bundesliga gespielt. Später auch für den SV 09 Wermelskirchen. Bis vor wenigen Jahren ist er für die Alten Herren des WSV aufgelaufen.

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