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Ein(e) „Tanne“ lässt sich nicht verbiegen

Erinnerungsfoto an der Sperrmauer: Lothar Steinhauer (r.) und RGA-Sportredakteur Andreas Dach kennen sich seit vielen Jahren. Foto: ad
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Erinnerungsfoto an der Sperrmauer: Lothar Steinhauer (r.) und RGA-Sportredakteur Andreas Dach kennen sich seit vielen Jahren.
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An der frischen Luft mit Ex-BVL-Torjäger Lothar Steinhauer – Heute pendelt er zwischen Teneriffa und Holland.

Udo Jürgens hat das Lied einst voller Inbrunst geschmettert. „Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an“ – so hieß es aus dem Munde des viel zu früh verstorbenen Komponisten, Pianisten und Sängers. Eine Ode an einen Rentner, der so richtig hinlangt, sobald der Stress vorbei ist. Der auf heißer Typ macht, den Bauch einzieht und das Haar lässig föhnt.

Lothar Steinhauer ist seit wenigen Tagen 66 Jahre alt, hatte am 27. März Geburtstag. Er zieht den Bauch beim Spaziergang um die Remscheider Talsperre nicht ein und ist auch für sonstige unnötige Sperenzien nicht zu haben. Er lebt sein Leben schon lange. Sehr intensiv. Sehr bewusst.

Vor allem seitdem die frühere Fußballgröße des BV 08 Lüttringhausen (als Spieler) und des FC Remscheid (als Trainer) unter schwerer Diabetes leidet. Im Jahr 2007 wurde die Stoffwechselerkrankung bei ihm diagnostiziert und hat seitdem in erheblichem Maße Einfluss auf sein Leben genommen. „Ich spritze viermal täglich Insulin“, sagt „Tanne“. Die meisten kennen ihn nur unter diesem Spitznamen.

34 Jahre lang hat Lothar Steinhauer bei der Firma Rinde Regeltechnik gearbeitet, war dort im Industriegebiet Großhülsberg als Betriebsleiter tätig. Mit 63 war Schluss. Es ging in den vorgezogenen Ruhestand. Ehefrau Ingrid hat nun zu Jahresbeginn nachgezogen, ist ebenfalls Rentnerin. Was bedeutet: Die beiden haben Zeit ohne Ende. Welche sie ausgiebig nutzen. Zunächst einmal muss Steinhauer aber seinen dreifachen Bandscheibenvorfall in den Griff bekommen. Die Einschränkungen im Nackenbereich sind erheblich. Umso mehr genießt der ehemalige Zweitliga-Fußballer die Runde um das Gewässer.

Aufstiegsjubel: Im Jahr 1982 gehörte Lothar Steinhauer auf dem Weg in die 2. Fußball-Bundesliga zu den prägenden Figuren des BVL.

Schön gemütlich, schön langsam, schön vorsichtig. „Ist das herrlich hier“, sagt Steinhauer, während er sich die Schwäne anschaut, die sich sonnen. „Das ist nicht das letzte Mal, dass ich herkomme.“ Früher als Fußballer war er häufig hier, als Trainer auch. Aber seitdem sind Jahre vergangen, in welchen sich bei ihm eine Menge getan hat. Die Steinhauers haben ihr Haus am Kranerhof sehr bewusst verkauft, sind stattdessen in eine Mietwohnung in der Lüttringhauser Innenstadt gezogen. „Es war uns zu groß geworden“, sagt der einstige Torjäger, dessen Kopfballspiel und Torinstinkt gleichermaßen gefürchtet waren. Jetzt haben sie es bequem. Müssen sich nicht mehr um den Garten kümmern, nicht mehr ums Schneeschaufeln.

Fast 40 Jahre danach: Lothar Steinhauer schaut gedankenverloren auf die Remscheider Talsperre.

„Wir haben auch nur noch ein Auto“, berichtet Steinhauer. „Die meiste Zeit sind wir ja sowieso nicht da.“ Das Reisen ist das große Hobby des Ehepaars. Lothar und Ingrid Steinhauer sind oft unterwegs. Gerade erst waren sie sechs Wochen auf Teneriffa, haben die Wärme und die Sonne genossen. Nun geht es in ihr Chalet nach Holland. Genauer: nach Burgh-Haamstede. Nicht weit von Rennesse. „Wir begeben uns dort erst einmal in Quarantäne“, sagt Steinhauer. „Wir haben ja Zeit.“

Zumal sie wissen, dass die Familie gut versorgt ist. Der ältere Sohn Marco (40) lebt mit Ehefrau Kate und den Söhnen Quinn (7) und Oden (5) in Sydney. „Er ist Finanzchef von Paypal Australien“, berichtet Steinhauer. Sein jüngerer Nachwuchs, Christian (37), ist mit Sohn Luis (13) in Lüttringhausen zu Hause und arbeitet in einer Versicherungsagentur in Köln. „Wir sind sehr, sehr stolz, dass aus unseren beiden Jungs etwas geworden ist“, stellt „Tanne“ heraus. „Sie sind gut abgesichert. Das beruhigt, weil man ja nie weiß, was alles passieren kann.“

Womit wir indirekt bei seinem vor wenigen Wochen verstorbenen Freund Wernfried „Mac“ Bachor sind. Viel zu früh, nach schwerer Krebserkrankung, mit nur 69 Jahren. „Zu erleben, wie sehr Mac gelitten hat, war schrecklich“, gibt Steinhauer zu. „Das hat mir unglaublich wehgetan.“ Die beiden waren Brüder im Geiste. Oft polterig und stur. Aber wenn man erst einmal ihr Herz erobert hatte . . .

„Wir haben mit unseren Frauen bestimmt 20 Urlaube gemeinsam gemacht“, sagt Lothar Steinhauer. Borkum, Gran Canaria, Holland – sie tickten bezüglich ihrer Vorlieben einfach ähnlich. „Oder Mac hat mal eben Karten für ein Konzert von Andrea Berg organisiert“, erinnert sich der gebürtige Dresdner Steinhauer, der aber schon im Baby-Alter mit der Familie nach Meinerzhagen übergesiedelt ist.

Dort hatte der legendäre Horst vom Bruch ihn per Zufall entdeckt. Wegen einer Autopanne musste sich der frühere BVL-Macher ein wenig die Zeit vertreiben und schaute sich in unmittelbarer Nähe ein Fußballspiel an. Steinhauer überzeugte ihn im Meinerzhagener Dress. Weshalb Tage später Peter Nattermann den langen Mittelstürmer noch einmal unter die Lupe nehmen sollte. Er verschwand schon zur Pause beim Spielstand von 0:2 und vermittelte seinem Chef: „Den brauchen wir nicht zu holen.“ Was er nicht wusste: Die Partie endete 6:2. Und Steinhauer schoss nach dem Wechsel alle sechs Tore. Vom Bruch verpflichtete ihn. Zum Glück für den BVL, der bis in die 2. Bundesliga durchstartete.

„Manchmal schaue ich mir die Spiele auf Youtube an!“

Lothar Steinhauer

„Das waren fantastische Zeiten“, sagt Steinhauer nachdenklich. „Die unter Trainer Detlef Pirsig waren großartig, auch wenn er manchmal ein Drecksack sein konnte.“ Auch die Co-Trainer kommen gut weg bei ihm: „Rudi Sommavilla und Reinhard Schröder haben auch tolle Arbeit geleistet.“ Vor allem die Aufstiegsspiele zur 2. Bundesliga haben sich für alle Zeiten in sein Gedächtnis eingebrannt. Die Gegner hießen 1982 TuS Schloss Neuhaus, Arminia Hannover und Tennis Borussia Berlin. Steinhauer traf in jedem der drei Spiele. Unvergessen. „Manchmal“, sagt er, „schaue ich mir die Spiele noch mal auf Youtube an.“ Wie auch die erste Saison in der 2. Liga. Zwölf Tore in 32 Partien waren ein höchst respektabler Wert für ihn, den Feierabend-Profi.

Temperamentvoll: Lothar Steinhauer war als Trainer – hier für den FCR – an der Seitenlinie oft eine Heißdüse.

Mindestens genauso gerne erinnert sich der Lüttringhausener an seine Zeit beim SV 09 Wermelskirchen. Was viel mit dem damaligen Macher Jürgen Betz zu tun hat: „Er war zwar ein Choleriker, hat aber immer zu allem gestanden, was er versprochen hatte.“ Auch heute schaut er mit Anerkennung auf all das, was im Eifgen passiert: „Beim SV 09/35 leistet man gute Arbeit. Sehr ruhig und sehr sachlich.“ Vereine, mit denen er als Trainer den Aufstieg realisiert hat, werden von ihm ebenfalls bewusst wahrgenommen. Wie Struck, wie Dhünn, wie Hackenberg: „Sie gehen ihren Weg und machen das gut.“

Zack, schon ist die Runde um die Talsperre fast vorbei. Dabei sind wir langsam gegangen, fast geschlendert. „Wunderschön!“ Steinhauer meint das ernst: „Wenn ich wiederkomme, bringe ich Hugo mit.“ Bitte wen? Es handelt sich um die französische Bulldogge seines Sohns Christian. Der Vierbeiner mag „Tanne“. Und umgekehrt. Nicht umsonst verbringen die beiden gerne Zeit miteinander. Im Auto ist auf dem Rücksitz eine Hundebox zu sehen. „Ich habe keinen eigenen Hund, aber so ein Teil auf der Rückbank.“ Steinhauer muss grinsen.

Und dann ist da noch so ein blau-weißes Teil, welches am Fenster baumelt. Ein kleiner Ball, mit Schalke-Emblem. Steinhauer ist ein Knappe, durch und durch. Dass die Zeit gerade nicht die beste ist, um über die desaströse Saison des Kultclubs zu diskutieren, liegt auf der Hand. Doch er stellt sich, sagt: „Ich habe mich mit dem Abstieg abgefunden, auch wenn das keinen Spaß macht.“ Die beiden Dauerkarten hat er vorerst an seinen Neffen abgegeben: „Wir sind ja sowieso kaum da.“ Glückauf, Lothar Steinhauer.

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Seit Mitte November 2020 spazieren wir wöchentlich mit einem Sportler oder einer Sportlerin um die Eschbach-Talsperre in Remscheid. Bislang waren wir unterwegs mit: Björn und Katrin Seide, Gerd Kentschke, Hans-Jürgen Middendorf, Hans-Werner und Christiane Baus, Horst Mettler, Yannick Peinke und Antonia Hoff, Frank Berghoff, Thomas Merten, Frank Alsdorf, Rainer Sondern, Knut Kolk, Dennis Bonna, Lars Althoff, Ines Neumann, Mike Kupfer, Bodo Monschau, Hartmut Behrensmeier, Inge Raabe, Desirée Blicke, Tiberius Jeck und jetzt Lothar Steinhauer.

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