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Ein Schiedsrichter kennt keinen Regen

Der ordentliche Regenguss konnte André Berger (r.) nichts anhaben. RGA-Sportredakteur Andreas Dach war da vorsichtiger. Foto: Lars Faßbender
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Der ordentliche Regenguss konnte André Berger (r.) nichts anhaben. RGA-Sportredakteur Andreas Dach war da vorsichtiger.
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An der frischen Luft mit André Berger – Der Fußball-Schiri will den Menschen etwas zurückgeben

Es regnet. Ordentlich sogar. Äußere Bedingungen, bei denen gerne davon gesprochen wird, dass man dabei keinen Hund rausjagt. Wohl aber einen Fußball-Schiedsrichter und einen Sportredakteur. Verabredet ist schließlich verabredet. Und um eine RGA-Serie mit Schön-Wetter-Garantie handelt es sich beim wöchentlichen Spaziergang um die Remscheider Talsperre sowieso nicht.

Also los, André Berger. Der Mann kennt keinen Regen, keinen Schnee, keinen Hagel, keine Hitze, keine Sonne. Er ist Fußball-Schiri. Da spielt es (fast nie) eine Rolle, ob es stürmt oder schneit. Dementsprechend erscheint der 39-Jährige ohne Schirm zu unserem Treffpunkt, setzt sich auf der rund drei Kilometer langen Runde auch keine Kapuze auf. „Das habe ich bei einem Spiel doch auch nicht“, sagt er lachend. Na, das kann ja heiter werden . . .

Erst kürzlich hat André Berger noch an der Linie gestanden, war einer der Assistenten beim Halbfinalspiel des Niederrheinpokals zwischen dem Wuppertaler SV und dem MSV Duisburg (6:2) im Zoo-Stadion. Es war eine tolle Partie. „Ich empfand es als Privileg, in Coronazeiten Sport treiben zu dürfen beziehungsweise ganz nah dran zu sein.“ Der Wermelskirchener („Ich bin ein alter Dellmann“) reflektiert sein Tun. Täglich und immer wieder. Das gilt für den Sport, für den Beruf und für sein Privatleben. Für ihn steht fest: „Nur gemeinsam sind wir stark.“ Das gilt für alle Bereiche.

Geboren ist er im Mai 1982 in Leverkusen, aufgewachsen in Wermelskirchen-Sellscheid, in der Nähe des Tierheims. Grundschule Hünger, Gymnasium Wermelskirchen („Bis zum Fachabi“) – logisch, dass die emotionale Verbindung zur Stadt groß ist. Auch jetzt noch, da er seit Dezember 2018 mit seiner Partnerin Carmen und dem gemeinsamen Sohn Lasse (zwei Jahre alt) einige Kilometer entfernt im Odenthaler Ortsteil Glöhbusch lebt. Im November erwarten die beiden ihr zweites Kind. „Errechneter Termin ist der 11.11.“, verrät Berger. Wie jeck.

Bei TuRa Pohlhausen („Dort bin ich heute noch Mitglied“) hat André Berger von der F- bis zur D-Jugend Fußball gespielt, seine Leidenschaft für das runde Leder entdeckt. Er ist 13 Jahre alt, als er gemeinsam mit seinem Kumpel Jochen Dirkling an einem ersten Schiedsrichter-Lehrgang teilnimmt. Jugendleiter Heinz Dirkling, der Vater von Jochen, hatte die beiden dafür begeistert. Heute kann Berger mit Fug und Recht behaupten: „Als Fußballer hätte ich es nie so weit geschafft wie als Schiri.“

1995 pfeift er sein erstes Spiel. In Struck war das. Eine E-Jugend-Begegnung. Berger hat Talent, ein gutes Gefühl für Situationen und den Umgang mit den Sportlern. Keinesfalls zufällig darf er schon im Alter von 17 Jahren sein erstes Seniorenspiel leiten. Mit einer Ausnahmegenehmigung. „Es ging schnell bei mir“, sagt er. Bezirksliga mit 18, Landesliga mit 19, Verbandsliga mit 20, Oberliga mit 21 – bei solch einem Aufstieg hätte ihm glatt schwindelig werden können. Doch Berger bewahrt die Bodenhaftung. Auch als er es in die Regionalliga schafft, anfangs als Assistent, dann als verantwortlicher Spielleiter. In der A-Junioren-Bundesliga bekommt er es mit späteren Stars wie Lukas Podolski und Bastian Schweinsteiger zu tun. Solche Erlebnisse prägen, lassen ihn reifen.

Gut gelaunt im Regen: André Berger ließ sich die unangenehmen Begleiterscheinungen nicht eine Sekunde anmerken.

Inzwischen lässt er es ruhiger angehen. Er pfeift in der Oberliga, steht in der Regionalliga an der Linie. Wie lange noch? „Ich denke von Saison zu Saison“, versichert der 39-Jährige. Auf der Ebene gibt es keine Altersgrenze. Anders als in der Bundesliga, wo gerade erst ein Manuel Gräfe in den Ruhestand verabschiedet wurde. Was viele nicht wirklich nachvollziehen können. Auch nicht Berger: „Ich würde das an Leistungsparametern festmachen.“

Mit Patrick Ittrich, ebenfalls ein Bundesliga-Referee, verbindet ihn eine gute Freundschaft: „Ich bin Patenonkel seiner Tochter.“ Wobei der Kontakt zu dem Hamburger auf beruflicher Ebene zustande gekommen ist. Beide sind Polizeibeamte, haben sich 2002 kennengelernt. Da befindet sich Berger gerade in der Ausbildung, hat sich ein Jahr zuvor dafür entschieden, den gehobenen Polizeidienst anzustreben. Warum? „Mir ist der Kontakt zu den Menschen wichtig. Und kein Tag ist wie der andere.“ Die Parallelen zu seiner Schiedsrichterei sind unverkennbar. Überall müssen Entscheidungen getroffen werden. Meist schnell. Nach bestem Wissen und Gewissen.

Auch bei der Polizei geht es für ihn schnell aufwärts. Nach einem dualen Studium darf er sich 2004 Polizeikommissar nennen. Er sammelt in Wuppertal seine ersten Erfahrungen. Im Polizeipräsidium, in der Vohwinkeler Wache, bei der Bereitschaftspolizei. Während der Fußball-WM 2006 in Deutschland wird er dem Standort Gelsenkirchen zugewiesen: „Plötzlich stehen Leute wie Beckenbauer und Maradona vor einem.“ Bergers Augen schimmern feucht. Es ist die Rührung, nicht der anhaltende Regen.

„Der Fußballkreis Remscheid ist meine Heimat. Dort fühle ich mich wohl.“

André Berger (Schiedsrichter)

Es geht immer weiter für ihn. Er lässt sich zum Polizeikradfahrer ausbilden, übernimmt erste Führungsaufgaben. Es folgt eine dreijährige Zeit bei der Pressestelle („Das hat mich auch sehr weitergebracht.“) Plötzlich sind Kameras und Mikrofone auf ihn gerichtet. Als Wuppertal wegen der Scharia-Polizei in aller Munde ist, muss er Rede und Antwort stehen. Seine Sätze werden bundesweit ausgestrahlt. Von ARD über RTL bis SAT1. Inzwischen, nach einem Masterstudium in Münster, leitet André Berger seit 2019 die Polizeiinspektion Witten. Endstation seines beruflichen Aufstiegs? Abwarten!

Vor einem Spiel des Regionalligisten Wuppertaler SV auf dem Uellendahl: André Berger bereitet sich auf seinen Einsatz als Assistent vor.

Berger ist dankbar für sein bisheriges Leben, auch wenn eine Ehe vor Jahren gescheitert ist. Er will den Menschen etwas zurückgeben. Für das Vertrauen, welches ihm im Beruf und beim Sport entgegengebracht worden ist. Deshalb ist er zum Beispiel immer dem Fußballkreis Remscheid treu geblieben: „Das ist meine sportliche Heimat. Dort fühle ich mich wohl.“ Dirk Margenberg sieht er als seinen Förderer: „Mit ihm habe ich tolle Spiele erlebt.“ Berger wird nicht müde zu predigen: „Schiedsrichter müssen absolute Teamplayer sein.“ Polizisten auch. Er hat seine Berufung gefunden. Sogar in doppeltem Sinne.

Ein paar Jahre jünger, aber Berger hat sich wenig verändert.

Ach ja, auf dem gesamten Weg hat es nicht eine Sekunde aufgehört zu regnen. Bergers Haare liegen tipptopp. Sie scheinen einiges gewohnt zu sein. Wir sehen uns, André Berger. Irgendwann, irgendwo. Wahrscheinlich auf einem Fußballplatz. Vielleicht scheint dann ja die Sonne. Der Redakteur klappt seinen RGA-Schirm zusammen.

| Info: Dieses Gespräch wurde bereits Ende Mai geführt. Damals war die Temperaturen erträglicher und es regnete w-i-r-k-l-i-c-h.

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Seit Mitte November des vergangenen Jahres spazieren wir wöchentlich mit einem Sportler, einer Sportlerin oder Funktionären um die Remscheider Talsperre . Bislang dabei: Björn und Katrin Seide, Gerd Kentschke, Hans-Jürgen Middendorf, Hans-Werner und Christiane Baus, Horst Mettler, Yannick Peinke und Antonia Hoff, Frank Berghoff, Thomas Merten, Frank Alsdorf, Rainer Sondern, Knut Kolk, Dennis Bonna, Lars Althoff, Ines Neumann, Mike Kupfer, Bodo Monschau, Hartmut Behrensmeier, Inge Raabe, Desirée Blicke, Tiberius Jeck, Lothar Steinhauer, Jürgen Schmitz Anne Ueberholz, Henning Weber, Jörg Musset, Lena Henning, Stephanie Probst Ralf Hesse, Arnd Bader, Caro Reinert, „Howie“ Paasch und nun André Berger.

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