An der frischen Luft mit . . .

Die Zeit ist wie im Fluge vergangen

Desirée Blicke strahlte am vergangenen Freitag beim Spaziergang um die Eschbach-Talsperre in Remscheid mit der Sonne um die Wette. Foto: Peter Kuhlendahl
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Desirée Blicke strahlte am vergangenen Freitag beim Spaziergang um die Eschbach-Talsperre in Remscheid mit der Sonne um die Wette.
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Desirée Blicke – die Ex-Topschwimmerin ist heute eine berufstätige Mutter.

Von Peter Kuhlendahl

Wo ist nur die Zeit geblieben? Diese Frage stellt sich Desirée Blicke am vergangenen Freitag an der Eschbach-Talsperre einige Male. Und damit meint die Remscheiderin, die unter ihrem Mädchennamen Mahle einst zu den besten Schwimmerinnen in Deutschland gehörte, die unterschiedlichsten Ebenen.

Weil der rund 60-minütige Spaziergang wie im Fluge vergeht und die Themen einfach nicht ausgehen wollen, hat sie kurz vor dem Erreichen der Staumauer auch einen ganz praktischen Vorschlag: „Komm, wir drehen noch eine Runde. Und ihr nennt eure tolle Serie einfach um in: Zwei Runden um die Talsperre.“ Die zweite Runde schenken wir uns dann zwar, bleiben aber bei herrlichem Sonnenschein noch einige Zeit am Geländer der Staumauer stehen und plaudern einfach weiter.

Im Jahr 2013 ist Desirée Blicke (2. v. l.) mit den Frauen der SG Remscheid in die 2. Bundesliga aufgestiegen. Archivfoto: Holger Battefeld

Irgendwann sind wir dann aber wieder auf dem Parkplatz. Und plötzlich fällt der 36-Jährigen doch noch wieder etwas Neues ein. „Habe ich eigentlich schon erzählt, dass ich unter die erfolgreichen Hobbygärtner gegangen bin? Ich wusste gar nicht, dass ich einen grünen Daumen habe.“ Zum Beweis zeigt sie auf ihrem Smartphone stolz ein Foto einer Staude, die voller roter Tomaten ist.

2019 haben Desirée Blicke und ihr Ehemann Christian in Mixsiepen ein Haus gekauft. Im heimischen Garten wuchsen im vergangenen Sommer aber nicht nur Tomaten, sondern auch Gurken. „Dieses Jahr versuche ich es auch mal mit Radieschen“, verrät Blicke zudem eine ganz eigene Art des Säens: „Das mache ich wie beim Kamelle-Werfen im Karneval.“

Zu viel mehr Hobbys bleibt ihr aber kaum Zeit. Da sie ihr Smartphone gerade zu Hand hat, scrollt sie bei den Fotos weiter: „Das sind meine drei Männer.“ Neben Ehemann Christian sind das der vierjährige Finn und der zweijährige Leon. Und da der Nachwuchs ganz nach den sportlichen Eltern kommt, ist im Hause Blicke oft Action angesagt.

Der Nachwuchspreis „Victoria“ von 2001 hat bei Desirée Blicke einen Ehrenplatz.

Christian Blicke, der als IT-Consulter arbeitet und vor der Pandemie bei Kunden in ganz Europa unterwegs war und langsam wieder ist, ist Triathlet. Gemeinsam mit dem Remscheider Ausnahmeläufer Daniel Schmidt hat das Ehepaar sehr erfolgreich Staffeln bestritten: „Mein Mann auf dem Rad, Daniel als Läufer und ich als Schwimmerin.“

Ein Paar sind Desirée und Christian bereits seit 2008. 2015 wurde dann geheiratet. Als sie sich kennenlernten, hatte sie ihre ganz große Karriere beendet. Oder besser unterbrochen. Im Jahr 2004 fanden die Olympischen Spiele in Athen statt. Als 20-Jährige wollte sich die Remscheiderin, deren Paradedisziplinen die 50- und 100-Meter-Bruststrecken waren, ihren ganz großen Traum erfüllen. Doch für Blicke, die 2002 von der SG Remscheid zu Bayer Wuppertal gewechselt war, platzte der Traum an einem einzigen Wochenende: „Damals hatte man nur die Chance, bei einem Wettkampf die geforderten Zeiten zu schaffen. Ich war einfach nicht gut drauf.“

Dass danach Schluss mit dem Hochleistungssport war, hatte aber in erster Linie andere Gründe. „Irgendwie begann ein neuer Lebensabschnitt“, erzählt sie rückblickend. Das Abitur hatte sie da bereits längst in der Tasche. Sie begann dann bei der BKK Vaillant eine Ausbildung zur Sozialversicherungsfachangestellten. Ihrem Arbeitgeber ist sie übrigens bis heute treu. Auch wenn die Remscheider Betriebskrankenkasse vor einigen Jahren unter das Dach der Leverkusener Pronova BKK geschlüpft ist.

Ich fürchte, dass viele Kinder nicht wiederkommen.

Desirée Blicke

In Leverkusen, wo sie im Bereich der Pflegeberatung tätig ist, würde auch eigentlich ihr Schreibtisch stehen. Im Herbst vergangenen Jahres ist sie aus dem Mutterschutz an ihren Arbeitsplatz zurückgekehrt. Seit Anfang dieses Jahres arbeitet sie allerdings von daheim aus. „Wir nennen es aber nicht Home-, sondern Mobile-Office.“

Als zweifache, berufstätige Mutter hat sie dann auch im Oktober vergangenen Jahres ihr Traineramt bei der SG Remscheid aufgegeben. Dort, wo auch für Blicke alles angefangen hatte, kümmerte sie sich um den jüngsten Nachwuchs. „Mein Amt liegt aktuell auf Eis“, sagt sie und bringt so den Zeitfaktor wieder ins Spiel.

Mit den Gedanken ist sie allerdings auch weiter bei ihrem Verein und weiß, wie schwierig die Situation dort wegen der Pandemie ist. „Die Bambini in den Fußballvereinen dürfen seit ein paar Tagen ja wieder trainieren. Bei den Schwimmern geht weiter nichts. Ich fürchte, dass viele Kinder nicht wiederkommen.“

Dies dürfte bei ihrem Sohn Finn ganz anders sein. Der Vierjährige löchert seine Mutter schon seit geraumer Zeit, wann er endlich wieder ins Wasser kann. „Da muss ich ihn weiter leider vertrösten.“

Im Alter von fünf Jahren hatte Desirée Blicke mit dem Schwimmsport begonnen. „Ich habe das Schwimmen im damaligen Hallenbad an der Freiheitstraße gelernt. Da bin ich mit meiner Schwester Vanessa hin. Sie ist dann zum Handball gegangen. Ich bin beim Schwimmen geblieben.“

Lang, lang ist es her. Desirée Blicke feierte vor 20 Jahren die größten Erfolge. (Archivfoto).

Ende der 90er-Jahre öffnete dann das neue Sportbad am Park seine Pforten. „Wir sind kurz vorher in die Nähe des Stadtparks gezogen. Dafür bin ich meinen Eltern noch heute dankbar.“ Doch trotz der kurzen Wege musste Blicke oft zur nachtschlafenden Zeit aus den Federn. „Um 5.20 Uhr musste ich aus dem Bett. Da ich ein Morgenmuffel bin, ist mir heute noch ein Rätsel, wie meine Mutter das mit mir immer geschafft hat.“ Aber Petra Mahle war nicht nur für den Weckdienst zuständig, sondern begleitete ihre Tochter auch zum Frühtraining. Und auch Vater Heinz-Georg Mahle förderte sie, wo er nur konnte. Mit der Betonung auf Fördern und nicht auf Fordern. „Meine Eltern waren nie die berühmt-berüchtigten Eislauf-Eltern, die ihre Kinder triezten.“

Die großen Erfolge stellten sich dennoch schnell ein. Besonders auf dem Parkett, das Desirée Blicke am liebsten war. „Ich fand es immer toll, international zu starten.“ Allerdings hatte sie vor 20 Jahren das Pech, dass die nationale Konkurrenz unglaublich stark war. „Bei den Qualis zur WM oder EM, bei der es um zwei Startplätze ging, bin ich oft Dritte geworden.“ Allerdings gewann sie 1999 in Moskau und 2000 in Dünkirchen bei den Junioren-Europameisterschaften jeweils Titel. Und 2000 war sie dann auch bei der Kurzbahn-Europameisterschaft in Valencia am Start.

Dass dies bereits mehr als zwei Jahrzehnte her ist, sorgt für Kopfschütteln bei ihr. „Eigentlich unfassbar“, sagt sie und berichtet von einer Episode, die sich jüngst ereignet hat. „Ich bin mit einem Nachbarn in unserer Siedlung ins Gespräch gekommen. Ich weiß zwar nicht mehr, wie ich drauf kam, aber ich erzählte ihm, dass ich auch mal im Fernsehen aufgetreten sei. Er wurde neugierig, und mir fiel ein, dass es fast genau 20 Jahre her ist.“ Das war 2001. Da wurde sie zur besten deutschen Jugendsportlerin gekürt und bekam bei der großen Sportshow in der ARD die Victoria verliehen. Blicke: „Die hat heute einen Ehrenplatz in unserem Wohnzimmer.“

Nach dem Spaziergang gab es für Desirée Mahle und RGA-Sportredakteur Peter Kuhlendahl noch das obligatorische Selfie.

Viel hatte sie in dieser Zeit ihrem damaligen Trainer Jürgen Schmitz zu verdanken. Dennoch wechselte sie dann von Remscheid nach Wuppertal. „Ich war bei der SG auf dem Leistungsniveau die Alleinunterhalterin.“ Bei Bayer war sie dann in einer Trainingsgruppe mit den Topschwimmern Thomas Rupprath oder Antje Buschschulte.

Nach der verpassten Olympia-Quali und einer Auszeit von ein paar Jahren bekam sie vor über zehn Jahren aber wieder Lust und kehrte zu den Remscheider Schwimmern zurück. 2013 schaffte sie mit den SG-Frauen den Aufstieg in die 2. Bundesliga. Und qualifizierte sich noch einmal für die Deutsche Meisterschaft. „Da habe ich es über 50- und 100-Meter-Brust ins B-Finale geschafft. Es war irgendwie eine Genugtuung.“ Aber auch das endgültige Ende einer sehr langen erfolgreichen sportlichen Karriere. Die rückblickend wie im Fluge vergangenen ist.

Serie: An der frischen Luft mit...

Seit Mitte November 2020 spazieren wir wöchentlich mit einem Sportler oder einer Sportlerin um die Eschbach-Talsperre in Remscheid. Bislang mit: Björn und Katrin Seide, Gerd Kentschke, Hans-Jürgen Middendorf, Hans-Werner und Christiane Baus, Horst Mettler, Yannick Peinke/Antonia Hoff, Frank Berghoff, Thomas Merten, Frank Alsdorf, Rainer Sondern, Knut Kolk, Dennis Bonna, Lars Althoff, Ines Neumann, Mike Kupfer, Bodo Monschau, Hartmut Behrensmeier, Inge Raabe und jetzt Desirée Blicke.

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