Serie

Der Junge muss mal an die frische Luft

Schirmherr: Jörg Föste an der Remscheider Talsperre. Die Runde drumherum haben wir ihm aber erspart.
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Schirmherr: Jörg Föste an der Remscheider Talsperre. Die Runde drumherum haben wir ihm aber erspart.
  • Andreas Dach
    VonAndreas Dach
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An der frischen Luft mit . . . Jörg Föste, dem BHC-Macher. Diesmal ist alles etwas anders.

Remscheid. Wer sich mit Jörg Föste im Juli zu einem Spaziergang um die Remscheider Talsperre verabredet, geht von schönem Wetter aus. Von Sonnenschein, von milden Temperaturen und von vielen Menschen, die unterwegs sind. In diesem Fall ist alles anders.

Aus der geplanten Runde mit dem Geschäftsführer des Bergischen HC am vergangenen Mittwoch wird ein kurzweiliger Plausch in Ledersesseln – im Restaurant Talsperre. Bei einem schönen Tässchen Cappuccino und mit Blick hinaus auf den Starkregen, der in dieser Intensität lange nicht über der Region niedergegangen ist und letztlich für verheerende Folgen sorgen soll.

RGA-Sportredakteur Andreas Dach und Jörg Föste (v.l.): Da konnte noch niemand ahnen, welche Folgen der ergiebige Regen später haben sollte.

„Ich wäre aber gegangen“, vermittelt der 60-jährige Solinger glaubhaft. Wir nehmen ihm das ab. Ehrlich gesagt: Die deutlich angenehmere und trockenere Alternative ist auf dem Mist der RGA-Sportredaktion gewachsen. Zum ersten Mal, seitdem diese Serie im November 2020 von uns ins Leben gerufen wurde. Es soll eine Ausnahme bleiben. Wie hoffentlich auch der Starkregen.

Jörg Föste: Der BHC-Macher hat einen außergewöhnlichen Werdegang

Endlich haben wir einmal Zeit für Föste. Und er für uns. Meist sieht man sich bei Spielen des Handball-Bundesligisten BHC in der Solinger Klingenhalle oder der Wuppertaler Unihalle. Ein paar kurze Sätze, eine schnelle Einschätzung – das ist es dann schon. Aber wer ist dieser zwei Meter große Geschäftsmann wirklich? Was treibt ihn an? Und wie ist er als Ex-Fußballer in eine mächtige Position im deutschen Handballsport gekommen? Gesprächsstoff genug.

In der Grundschule Widdert erkennt man schnell, dass Föste „ein etwas anderes Kind ist“, wie er sich selbst beschreibt. Hochbegabt würde man heute sagen. Jedenfalls ist der Solinger gerade einmal acht Jahre alt, als er aufs Gymnasium Schwertstraße wechselt. „Das“, erinnert er sich genau, „war für mich wie ein kleiner Kulturschock.“ Ein anderer Kosmos: „Der liebe kleine naive Junge wird in die große Stadt entlassen.“ Aus Widdert in die Solinger City. Behaglichkeit hier, schroffe Welt dort. Föste meint es gar nicht böse, wenn er das so beschreibt.

Er wird verschlossener, ist zunehmend in sich gekehrt. Die Lust am Lernen geht flöten. Wie gut, dass es den Sport gibt. „Ich bin im Spiel sozialisiert worden“, sagt er mit Blick in den Rückspiegel. Bei den SF Widdert spielt er Fußball. Frei nach dem Kerkeling-Motto: „Der Junge muss mal an die frische Luft.“ Das tut ihm gut. So gut, dass sein Leben Fahrt aufnimmt. Föste macht sein Abitur, danach bei der Bundeswehr in Köln eine Offiziersausbildung. Was auffällig ist und auch für die Zeit danach von Bedeutung ist: Man traut ihm auf all seinen Stationen zu, Verantwortung zu übernehmen. Im Gymnasium ist er Klassensprecher, hält später auch die Abi-Rede. Bei der Bundeswehr wird er zum Zugführer.

Föste ist ein neugieriger Mensch, bezeichnet sich zu dem Zeitpunkt als „fast schon volkstümlich“. Erstaunlich, wenn man an die Anfänge denkt. Vor allem folgt er einer klaren Linie, welche heute in der Matrix des Bergischen HC fest verankert ist: „Es geht immer darum, einer Sache zu dienen und persönliche Dinge total auszublenden.“ Kommunikation ist sein Ding. Föste hospitiert bei Medien in Remscheid und Solingen, schreibt Artikel. Über die Fußballer von Union Solingen, über die Handballer der Lenneper TG. „Ich war permanent im Gespräch mit Menschen und habe mich in die journalistische Arbeit gestürzt“, sagt er. Vor allem von Sportredakteur Jürgen Coburger habe er viel gelernt.

Es folgen zwei Semester Wirtschaftswissenschaft, dann reicht es Jörg Föste: „Ich habe alles erfahren, was ich erfahren wollte.“ Im Alter von 26 Jahren macht er sich selbstständig im Bereich Marketing, gründet in Solingen die Firma Conceptum. Er kann sich austoben, seine Vorlieben einbringen. Da ist der Kontakt mit Menschen, da gibt es reichlich gestalterische Möglichkeiten, und da gibt es viel Kommunikation. Föste erlebt eine sehr erfolgreiche Zeit, auch wenn sie extrem kräftezehrend und substanzraubend ist. Der Kaufmann, der in zweiter Ehe mit Anja verheiratet ist und aus erster Ehe zwei Söhne hat, spricht sogar von „gesundheitsschädlich“. Nach sehr intensiven Jahren mit teilweise bis zu 50 Mitarbeitern fährt er den Aufwand irgendwann sehr bewusst zurück: „Wenn die Administration die Gestaltung frisst, dann muss man etwas tun.“

Ohnehin ist der Solinger zu dem Zeitpunkt schon längst tief ins Handballgeschäft eingestiegen. Er sagt: „Als Aktiver hat mir der Fußball mehr gelegen, der Handball hat mir als Sportart besser gefallen.“ Seinem Prinzip folgend („Ich mache nur Dinge, wenn ich gefragt werde“), übernimmt er Anfang der 90er die Abteilungsleitung beim Sportring Höhscheid. Ebenfalls eine Erfolgsgeschichte. Es geht von der Verbandsliga hoch in die 2. Bundesliga. „Intensive Jahre“ nennt Föste das. Und spricht von „blühenden Landschaften“ im Bergischen (Handball)-Land. Ein Bob Hanning kommt nach Solingen, ein Torsten „Toto“ Jansen, ein Florian Kehrmann. Es geht aufwärts, immer weiter. Als die SG Solingen – so heißt sie inzwischen – im Jahr 2000 die Bundesliga erreicht, zieht sich Föste aus dem operativen Geschäft zurück.

Immer nah dran an der Mannschaft: Hier überrascht Jörg Föste (r.) den BHC-Rechtsaußen Arnor Thor Gunnarsson mit einem Präsent.

Jedenfalls für einige Jahre. Weg ist er nie, gehört im Hintergrund im Wirtschaftsrat zu den Strippenziehern. Längst ist er jetzt zurück an vorderster Stelle. Die SG Solingen und der LTV Wuppertal sind 2006 zum Bergischen HC verschmolzen, eine Marketing GmbH ist gegründet, und der BHC hat sich in der Bundesliga nach diversen Aufs und Abs als feste Größe etabliert. Föste hat 2011 die Verantwortung als Geschäftsführer übernommen und seinerzeit die Nachfolge von Stefan Adam angetreten, der zum THW Kiel gewechselt ist. Föste nennt die Haupttriebfeder, weshalb er mittlerweile schon wieder seit zehn Jahren als Geschäftsführer tätig ist: „Wir wollen dafür sorgen, dass der BHC die Flagge hochhält, damit das Bergische Land hinsichtlich des Profisports kein weißer Fleck auf der Landkarte ist.“

„Auch Philipp sieht die Sache im Vordergrund und nicht die eigene Person!“

Jörg Föste über Philipp Tychy

Für den Solinger ist sein Mitstreiter Philipp Tychy nach eigenen Angaben „ein Glücksgriff“ im Führungsgremium. Gerade will Föste begründen, warum das so ist, da wird die zweite Tasse Cappuccino serviert, während draußen weiter der Regen vor die Fenster peitscht. „Vielen Dank“, sagt er in Richtung der sympathisch lächelnden Serviererin, und setzt dann fort in seiner Erklärung: „Auch Philipp sieht die Sache im Vordergrund und nicht die eigene Person.“

Immer wieder landen wir im Laufe des Gesprächs an diesem Punkt, welcher zur Matrix des BHC gehört. Der wesentlichste Aspekt einer solchen Formel oder Organisationsform ist indes noch ein anderer. Föste bringt den Verzicht ins Spiel: „Wir vermeiden die Dinge, die in der Vergangenheit zum Scheitern geführt haben und Fehler, die andere gemacht haben.“

Erfahrungswerte gibt es reichlich. Nicht alles war immer nur rosig in der sportlichen Geschichte des BHC und seiner Vorgängerclubs. Weshalb man die Sinne schärft. Täglich. „Die Kraft ins uns“ ist keinesfalls zufällig der Slogan der Clubs. Föste: „Diese Grundidee muss weiterleben.“ Und weiter: „In einer Welt der Unwägbarkeiten müssen Konstanten gebaut werden.“ Wo er den BHC in fünf Jahren sieht? „In der 1. Liga.“ Und in zehn Jahren? „Das hängt von vielen Faktoren ab.“

Ein wesentlicher ist der Neubau einer Halle. „Man wird den BHC auf bergischem Boden als Erstligist nicht ohne Arena halten können“, sagt er klipp und klar. Und ist froh, dass Oberbürgermeister der drei bergischen Städte das erkannt haben. Im dritten Quartal des Jahres soll es eine Übereinkunft und Entscheidung geben, wann und wo gebaut wird. Mit etwas Glück könnte drei Jahre später die neue Heimspielstätte des Bergischen HC stehen. Auf Solinger oder Wuppertaler Boden.

Noch sind wir aber auf Remscheider Untergrund. Und machen uns durch Sturm und Regen vom Restaurant aus auf den Weg zur Sperrmauer. Ein Fotobeweis soll schließlich noch her, dass wir an diesem fürchterlichen Tag am späten Vormittag wirklich vor Ort waren. „Ich wäre wirklich gegangen“, wiederholt Jörg Föste noch einmal. Ja, ja, wir glauben es. Aber so war es angenehmer. Und höchst informativ dazu.
Hier geht´s zur Folge der letzten Woche: An der frischen Luft mit Jörg Henseler – Der Vorsitzende der HSG Rade/Herbeck möchte Erfolg mit Augenmaß

RGA-Serie: An der frischen Luft mit...

Seit November des vergangenen Jahres spazieren wir wöchentlich mit einem Sportler, einer Sportlerin oder Funktionären um die Remscheider Talsperre. Bislang dabei: Björn und Katrin Seide, Gerd Kentschke, Hans-Jürgen Middendorf, Hans-Werner und Christiane Bauss, Horst Mettler, Yannick Peinke und Antonia Hoff, Frank Berghoff, Thomas Merten, Frank Alsdorf, Rainer Sondern, Knut Kolk, Dennis Bonna, Lars Althoff, Ines Neumann, Mike Kupfer, Bodo Monschau, Hartmut Behrensmeier, Inge Raabe, Desirée Blicke, Tiberius Jeck, Lothar Steinhauer, Jürgen Schmitz, Anne Ueberholz, Henning Weber, Jörg Musset, Lena Henning, Stephanie Probst, Ralf Hesse, Arnd Bader, Caro Reinert, „Howie“ Paasch, André Berger, Andrew Lux, Klaus Kreutzer, Jörg Henseler und nun Jörg Föste.

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