Handball

Den 6. April 1996 vergisst er niemals

Achim Schulz und die linke Hand in der Hosentasche – mit besonderer Lässigkeit hat das beim Schiedsrichter des WTV absolut nichts zu tun.
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Achim Schulz und die linke Hand in der Hosentasche – mit besonderer Lässigkeit hat das beim Schiedsrichter des WTV absolut nichts zu tun.
  • Andreas Dach
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Achim Schulz stand als Handballer vor einer tollen Laufbahn – ein Motorradunfall veränderte sein Leben.

Von Andreas Dach

Er hat trotz seines Schicksalsschlags nichts von seiner Fröhlichkeit verloren: Achim Schulz.

Viele wissen, dass er Handball-Schiedsrichter ist. Zuletzt hat Achim Schulz mit seinem Solinger Kollegen Oliver Saam die Kreispokalpartie zwischen dem Lüttringhauser TV und dem Wald-Merscheider TV geleitet. Viele wissen auch, dass der 52-Jährige seinen linken Arm nicht bewegen kann. Aber nicht viele wissen, dass der Wermelskirchener früher ein exzellenter Rechtsaußen gewesen ist und über Jahre hinweg in der Regionalliga seine Leistung gebracht hat. Bis ihn ein schwerer Motorradunfall im April 1996 aus den kühnsten Karriereträumen riss.

Zeit für Erinnerungen. So wehmütig machend sie möglicherweise auch so viele Jahre danach noch sein mögen. Gleichzeitig können sie Mut machen. Weil ein austrainierter Körper auch ein Leben retten kann. Wie im Fall von Achim Schulz.

Es war der 6. April 1996. Schulz hatte mit seinem früheren WTV-Mannschaftskameraden Günter Seiffert eine Motorradtour gemacht. An der Eich in Wermelskirchen trennten sich ihre Wege. Beide wollten nach Hause. Im Falle von Schulz war das in Richtung Remscheid der Fall. Etwa 40 Meter vor der Autobahnbrücke und vor der Rechtskurve touchierte er talwärts fahrend mit der linken Schulter ein entgegenkommendes Auto an der A-Säule.

Der Rest? Schulz kam in einem Solinger Krankenhaus wieder zu sich. 17 Tage nach dem Crash. So lange hatte er im Koma gelegen. Die Ärzte hatten seine Eltern schon einmal darauf vorbereitet gehabt, dass er möglicherweise nicht mehr aufwachen würde. Schreckliche Momente. Sämtliche Nerven in der linken Schulter kaputt, Schädel-Hirn-Trauma und „noch ein paar Kleinigkeiten“, wie er es heute nennt – es hatte ihn (diagnostisch) böse erwischt.

Zeugen gab es keine. Sein Unfallgegner hatte damals Fahrerflucht begangen, war später ermittelt worden. Letztlich bekamen beide Parteien 50 Prozent der Schuld zugesprochen. Schulz: „Mir ist heute noch ein Rätsel, wie das so weit vor der Kurve passieren konnte, dass wir uns in der Mitte berührt haben.“ Erinnerungen daran hat er keine.

Stattdessen sagt er: „Mir geht es sehr, sehr gut, und ich bin froh zu leben.“ 18 Monate dauerte es, bis er seinerzeit ein Stück weit in die Normalität zurückkehren konnte. Mit einer Operation in Hannover, bei der versucht worden war, Nervenbahnen zu legen. Und mit einer Rehamaßnahme in Hessisch Oldendorf in Niedersachsen. „Sie“, sagt Schulz heute, „war sehr positiv.“ Den Grund nennt er auch: „Es wurden dort viele nach Motorradunfällen behandelt, und ich konnte erleben, wie gut es mir vergleichsweise ging.“

Im linken Unterarm hat er vom Ellenbogen abwärts kein Gefühl. Weiter hoch in Richtung Schulter gibt es ein paar Stellen, in denen er ein Gefühl verspürt. Gleichwohl: Er kann den linken Arm nicht nutzen. Wenn er Spiele als Schiedsrichter leitet, steckt er die Hand in die Hosentasche. Dort bleibt sie für die komplette Spieldauer. „Ich mache das nicht, weil ich so cool bin, sondern weil es für mich am angenehmsten ist.“ Ein Satz, den er oft genau so auch Mannschaften mitteilt, die er noch nicht gepfiffen hat. Schulz geht offensiv mit seiner Behinderung um.

Was war der heute selbstständige Finanzanlagenberater und gelernte Bankkaufmann für ein starker Handballer. Dass er sich beim WTV als torgefährlicher Linkshänder einbrachte, machte ihn noch attraktiver. Von der E-Jugend an („Mein erstes Training habe ich bei Zdravko Ackun gehabt“) blieb er den Wermelskirchenern treu. Von der A-Jugend gelang der Sprung zu den Senioren – mittenrein in die Regionalliga. Dort hatte er Mitspieler wie Vladimir Vukoje, Ralf Sieger, Knut Albert, Jörg Plesch, Ilja Fuchs und später auch Tiberius Jeck. Echte regionale Größen an der Seite eines 18-Jährigen, der sich so prima entwickeln konnte.

„Mir ist heute noch ein Rätsel, wie das passieren konnte!“

Achim Schulz über den Unfall mit seinem Motorrad im Jahr 1996

1994 wechselte Schulz zur DJK Unitas Haan, wurde dort Westdeutscher Meister und spielte mit seinem Club um den Aufstieg in die 2. Liga. Das missglückte. Als der Unfall passierte, war Schulz noch bei den Haanern. Heute ist er längst wieder ein WTVer. Er ist Schiedsrichter auf Kreisebene, hat früher an der Seite von Knut Kolk aber auch schon Spiele bis hin zur Oberliga gepfiffen. „Einmal“, weiß er noch, „war ich wegen eines Landesligaspiels insgesamt sieben Stunden unterwegs. Das war mir dann einfach ein zu großer Zeitaufwand.“

Den reduzierte er, hat aber immer noch reichlich zu tun. Als Schiedsrichterwart beim WTV gehört er gleichzeitig auch dem Leitungsteam der Handball-Abteilung an und schraubt damit an den wichtigsten Entscheidungen mit. Zudem trainiert er die D-Jugend des Vereins, in welcher sein jüngerer Sohn Quinn (11) spielt. Der ältere, Ben, ist 15. Beide sind der ganze Stolz von Achim Schulz und seiner Ehefrau Manuela.

Warum er Schiedsrichter geworden ist? Nach seinem Unfall hat er eine Zeit lang die Zweite des WTV trainiert, wo er sich oft über die Schiris geärgert habe. Er entschied sich: „Ich versuche, es besser zu machen.“ Heute sagt er: „Ich hätte mir nicht vorstellen können, dass die Schiedsrichterei so viel Spaß macht.“ Klar werde auch schon mal von Spielerseite gemeckert, aber extrem sei das nie. „Besonders schön ist es“, findet Schulz, „wenn man nach einem Spiel sogar von der Verlierermannschaft gelobt wird.“

Manchmal ist er nachdenklich. Zwiespältig in dem, was durch seinen Kopf geht: „Ohne den Handballsport hätte ich Günter Seiffert nicht kennengelernt und wäre nicht am 6. April 1996 mit ihm Motorrad gefahren. Gleichzeitig hat mir der Handballsport das Leben gerettet, weil ich so ein starkes Kreislaufsystem hatte.“ Gedanken, die erlaubt sind. Und die auch so viele Jahre danach noch deutlich machen, um was für einen Einschnitt es sich damals gehandelt hat.

Der Sport ist ein Teil seines Lebens geblieben: „Dreimal pro Woche versuche ich, etwas zu tun.“ Schulz läuft, fährt Rad. Wo andere absteigen, bleibt er im Sattel. In Altenberg, in Dhünn-Halzenberg. Oder bei seiner jährlichen Drei-Tages-Tour mit Kumpels in Belgien oder Luxemburg. Alles mit nur einem funktionstüchtigen Arm. Ein starker Typ, dieser Achim Schulz.

Zur Person

Achim Schulz wurde am 8. Juli 1970 in Wermelskirchen geboren. Der Ehemann und Vater ist in unterschiedlichen Funktionären für die Handball-Abteilung des Wermelskirchener TV tätig. Längst nicht alle wissen, dass er nach einem Motorradunfall 1996 mit dem Tod kämpfte. Er gewann den Kampf.

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