Beim Tagträumen wird das Gehirn neu formatiert

Tagträume sind Zeitverschwendung? Von wegen! Sie helfen dem Gehirn beim Ordnen und  Verstehen… „Du brauchst nur den Kopf nach links zu drehen und …“ Schon ist J. D., Arzt aus der amerikanischen Serie „Scrubs“, in seiner ganz eigenen Welt. Was aber geht im Gehirn vor, wenn wir der realen Welt entfliehen?

Und kann das gefährlich sein? „Tagträume sind etwas Schönes und Sinnvolles. So erträumen wir uns beispielsweise unsere Zukunft, sehen uns am Ziel unserer Wünsche. So orientieren wir uns, indem wir uns ausmalen, wie es sein soll und was wir dafür tun müssen“, erklärt Psychologin Regina Edling.

Bewusstes Gegensteuern

Tagträume werden dazu benutzt, der langweiligen Vorlesung, dem eintönigen Unterricht oder der monotonen Bahn- oder Busfahrt zu entfliehen. „Das kann ganz bewusst gesteuert werden, zum Beispiel vom letzten Surfurlaub zu träumen“, sagt die Psychologin. Szenarien, die entspannend sind, sind immer von Ruhe und Überschaubarkeit geprägt, sie sind friedvoll, positiv und es fühlt sich angenehm an.

Dann wird mit offenen Augen von weißen Stränden oder einer Waldlichtung mit Vogelzwitschern geträumt. Diese Art von Tagträumerei werde bewusst in Therapien angewandt, um sich zum Beispiel allein durch die eigene  Vorstellungskraft zu entspannen.

Typisch Pubertät …

Gerade junge Leute würden sich sehr oft ausmalen, wie ihre Zukunft sein wird. „Neurologen nehmen an, dass das jugendliche Gehirn während der Pubertät noch einmal neu formatiert wird und deswegen verstärkt zu Tagträumen neigt“, erklärt Edling dazu. Außerdem forderten viele Situationen geradezu heraus, die Gedanken schweifen zu lassen. „Dann können aus kleinen Gedankenfetzen ganze Bilder entstehen.“

Aber auch in Stresssituationen eignen sich Tagträume dazu, sich geradezu wegzuträumen. „Dann kommen wir in einen Wachzustand, in dem wir die reale Welt verlassen und aktuelle Sinneseindrücke ausblenden. Dann lässt sich das Gehirn auf bereits gespeicherte Emotionen und Bilder ein und greift alles auf, was da gerade so herumblubbert“, erklärt Edling.

Nachtträume räumen auf

Gegenüber nächtlichen Träumen unterscheiden sich Tagträume in ihrer Funktion: „Nächtliche Träume räumen sozusagen die Festplatte auf. Sie sortieren Gedanken und Eindrücke, das über den Tag hinweg Erlebte. Das bewusste Kopfkino dagegen hilft uns, schreckliche oder langweilige Situationen zu überstehen oder uns die Zukunft zu erträumen. Deswegen sind auch die Inhalte der beiden Traumarten verschieden.“ Die Seele baumeln zu lassen hilft übrigens, kreativ zu werden. Auch zur Regeneration des Gehirns und zur Stärkung des Gedächtnisses ist das Schweifen der Gedanken notwendig, wie Hirnforscher herausgefunden haben. Der Gegensatz zum Tagtraum ist nämlich die Reizüberflutung.

„Gefahren“ berge das Abschweifen am Tag aber auch: „Die Dosis macht das Gift“, meint die Psychologin. Schädlich werde es dann, wenn dadurch das reale Leben ganz vernachlässigt wird, wenn ich von einer grandiosen beruflichen Zukunft träume, darüber aber beispielsweise die Haus-aufgaben ständig vergesse.

Gehirn arbeitet im Leerlauf

Doch was passiert eigentlich im Gehirn beim Tagträumen? Der Neurologe Marcus Raichle stellte 1998 bei einer Studie mit Kernspintomografen fest, wie das Gehirn bei Leerlauf arbeitet. Es entsteht ein neuronales Muster, das Raichle „Leerlauf-Netzwerk“ nannte. Bestimmte Regionen im Gehirn werden bei entspannten Tagträumen aktiviert, die gleichen wie auch beim Schlafen und bei Patienten, die im Koma liegen. Bei zielgerichtetem Denken waren diese Gehirnregionen dagegen weniger betriebsam.

Er stellte fest, dass gerade in Situationen, in denen der äußere Anreiz fehlt, das Gehirn beginnt, sich mit sich selbst zu beschäftigen. Dann sorgt es für Ordnung: Gelerntes wird verarbeitet, und das Gedächtnis wird sortiert.

Eine Nebenwirkungen haben Tagträume dann aber doch: Wenn ihr zu sehr versunken seid und plötzlich zu kichern anfangt, irritiert das euer Umfeld. Dann schauen euch die Leute sicher so an wie die Ärzte diesen J. D. bei „Scrubs“, wenn er wieder einen ausgeflippten Tagtraum hatte.

 

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