Reaktion

Zwölf Terminanfragen, eine Zusage

In 2023 gibt er seine Fahrschule auf, obwohl er sagt, dass er gerne noch weitergemacht hätte: Jörg Hinterholzer.
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In 2023 gibt er seine Fahrschule auf, obwohl er sagt, dass er gerne noch weitergemacht hätte: Jörg Hinterholzer.

Fahrlehrer Jörg Hinterholzer erhält vom Tüv kaum Prüftermine. Er schließt deshalb kommendes Jahr.

Von Stephan Singer

Für Jörg Hinterholzer ist das Maß voll. Der 61-Jährige, der nach eigenen Angaben noch gerne „drei, vier Jahre weitergemacht“ hätte, stellt im kommenden Jahr den Betrieb seiner Fahrschule an der Oberen Remscheider Straße ein. „Wir Fahrschulen werden da alleine gelassen“, sagt Jörg Hinterholzer, der seine Fahrschule als „Einzelkämpfer“ betreibt. Das Problem: Seit der Corona-Pandemie bekommen die Fahrschulen für ihre Fahrschüler keine absehbaren Prüftermine mehr. „Wenn ich jetzt einen Termin anfordere, landen wir im November“, berichtet Jörg Hinterholzer auf Nachfrage unserer Redaktion.

„Ich hätte im September gerne zwölf Prüftermine – also drei pro Woche – gehabt und konnte letztlich einen vereinbaren. Alle anderen liegen im Oktober.“ Jörg Hinterholzer sieht die Fahrlehrer als „Prellbock“ für die Organisation der Fahrprüfungen durch den Tüv Rheinland, der gemeinsam mit dem Tüv Nord in Nordrhein-Westfalen von Staats wegen ein Monopol auf die Führerscheinprüfungen hat.

„Die Fahrschüler und auch deren Eltern werden natürlich sauer. Nicht nur weil sie warten müssen, sondern auch weil sich die Sache verteuert, denn wenn ein Prüftermin erst in beispielsweise sechs Wochen liegt, müssen bis dahin einige Fahrstunden absolviert werden, damit der Prüfling fit bleibt“, beschreibt Hinterholzer: „Manche vergreifen sich dabei durchaus im Ton, beschimpfen die Fahrschulen als Abzocker oder ähnliches. Das hält man nervlich nicht durch.“

Hinterholzer, der reichlich Erfahrung im Geschäft hat, kann sich an keine vergleichbar schwierige Situation, wie sie derzeit herrscht, erinnern: „Natürlich bringt es keine schnelle Lösung, wenn das gesetzliche Monopol des TÜV aufgehoben wird. Denn: Die anderen Organisationen, die da mitmachen könnten, haben ebenso keine Fahrprüfer zur Hand und müssten eine entsprechende Infrastruktur erst einmal aufbauen.“ Die Ursache des seit Monaten immer heftiger schwelenden Problems macht Hinterholzer in der Pandemie aus: „Im Lockdown mussten die Fahrschulen schließen. Seither schieben wir einen Riesenberg an Prüfungen vor uns her.“

Das bestätigt Wolfram Stahl, Pressesprecher des Tüv Rheinland: „Derzeit gibt es in einigen Gebieten in Nordrhein-Westfalen bei der praktischen Fahrerlaubnisprüfung durch Tüv Rheinland längere Vorlaufzeiten als die von uns angestrebten und auch in der Vergangenheit üblichen drei Wochen für die Planungs- und Terminvorbereitungsphase. Ursache hierfür sind nicht zuletzt die langfristigen Auswirkungen der Corona-Pandemie, die uns ebenso treffen wie viele andere Branchen.“ Man stelle seit Mitte 2021 eine extrem hohe Nachfrage nach Prüfungen fest. Dadurch sei bei der Führerscheinnachfrage eine hohe „Bugwelle“ entstanden, die sich weiterhin bei allen bemerkbar mache, die an der Ausbildung beteiligt sind, sagt Stahl: „Bei den Fahrschulen, den Behörden, die die Führerscheinanträge bearbeiten, und auch bei uns als Fahrerlaubnisprüfern. Hinzu kommt, dass es unverändert Terminausfälle im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie gibt, weil entweder Fahrlehrer oder -schüler oder wir als Prüfer kurzfristig Termine coronabedingt absagen müssen.“ Kurzfristig könnten solche abgesagten Prüftermine nicht anderweitig besetzt werden.

„Die Fahrschüler und Eltern werden sauer. Weil sie warten müssen und es teurer wird.“

Fahrlehrer Jörg Hinterholzer

Wolfram Stahl sagt, dass sich der Tüv um die Abarbeitung der Welle bemühe: „Trotz der schwierigen Rahmenbedingungen sind wir im südlichen Nordrhein-Westfalen, wo wir als Tüv Rheinland Prüfung anbieten, im Zeitraum Januar bis einschließlich August 2022 erheblich mehr praktische Fahrerlaubnisprüfungen gefahren als in den Jahren zuvor. Konkret 101 359 praktische Prüfungen. Das waren nicht nur deutlich mehr Prüfungen als in den von Corona-Schutzmaßnahmen geprägten Jahren 2020 und 2021, sondern sogar deutlich mehr Prüfungen als im Vergleichszeitraum 2019, dem bisher stärksten Vor-Corona-Jahr, wo im selben Zeitraum insgesamt 93 600 Fahrprüfungen abgenommen wurden.“

Fahrlehrerverband und Tüv im Austausch über Maßnahmen

Das sei trotz einer Gesetzesnovelle, die seit dem 1. Januar 2021 für jede Fahrprüfung eine Dauer von 55 statt zuvor 45 Minuten vorschreibt, gelungen. Dennoch stünde der Tüv im Austausch mit den Fahrlehrerverbänden, betont Stahl: „Wir sprechen über Lösungsansätze und Maßnahmen, um Verbesserungen bei den Vorlaufzeiten und bei der Planung zu erzielen. Auch vor dem Hintergrund, dass eine erneute Corona-Welle im Herbst wieder zu Einschränkungen führen könnte.“ Der Tüv ziehe schon qualifiziertes Personal von den Prüfstellen ab, um es für Fahrprüfungen einzusetzen, und suche ständig neue Mitarbeiter, was der Fachkräftemangel erschwere.

Keine Lösung in Sicht

Frank Niewöhner, Fahrschullehrer in Wermelskirchen, sieht das Problem mangelnder Prüftermine generell: „Davon sind auch die Fahrschulen in Remscheid oder Solingen betroffen.“ Seiner Ansicht nach sei keine Lösung in Sicht, das Problem bleibe über Jahre. „Die Nachfrage ist hoch. Der TÜV Rheinland hat versäumt, für Nachwuchs bei den Prüfern zu sorgen, obwohl die Situation abzusehen war.“ Für alle Fahrlehrer bestehe die große Schwierigkeit, diese Situation den Fahrschülern zu erklären. „Meine letzte Motorradführerschein-Prüfung in 2022 sollte Ende September sein, ist jetzt aber im November, wenn die Motorradsaison vorbei ist“, sagt Niewöhner.

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