Zuspruch kann wie eine Vitaminspritze wirken

Manfred Jetter ist Pfarrer in Wermelskirchen. Archivfoto: HD
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Manfred Jetter ist Pfarrer in Wermelskirchen. Archivfoto: HD

Ein Geistlicher macht sich Gedanken über die emotionale Erschöpfung in der Corona-Krise

Von Pfarrer Manfred Jetter, Ev. Kirchgemeinde Wermelskirchen

„Du schaffst es“, höre ich eine Mutter zu ihrer kleinen Tochter sagen. Die Familie kommt an mir vorbei, in steilem Gelände, in brütender Hitze, beim Aufstieg zur Spitalalpe im Kleinen Walsertal. Du schaffst es. Es ist, als bekäme das Mädchen neue Kraft. Die Erschöpfung weicht und munter setzt sie den Weg fort. Eine halbe Stunde später sitzt sie oben auf der Aussichtsterrasse und trinkt fröhlich ihren Johannisbeersaft.

„Du schaffst es.“ Eine Aufmunterung, ein Zuspruch. Wie eine Vitaminspritze. Wir alle brauchen diesen Zuspruch. Ehrlich und rücksichtsvoll, nicht überfordernd. Auch unsere Lebens-Anstiege sind oft erschöpfend. Gerade in Corona-Zeiten. Die Strecke droht lang zu werden. Da droht emotionale und finanzielle Erschöpfung. Trauen wir noch einander? Trauen wir noch einander zu? Dass wir alle das Beste und Mögliche tun, um gut und gesund durchzukommen? Ja, es ist herausfordernd. Aber das waren die Zeiten immer: Eine Herausforderung, unser Leben sinnvoll, miteinander und füreinander zu gestalten.

Du schaffst es. Kinder brauchen ein ausgewogenes Maß an Herausforderung und Zutrauen. So können sie sich entfalten, Selbstvertrauen entwickeln. Wir alle brauchen dieses ausgewogene Maß. So können wir hineinfinden in neue Umstände. Uns mit Freude und Lust ausprobieren. Wenn wir ausziehen von zu Hause, wenn wir einen Beruf erlernen, eine Familie gründen, Schwierigkeiten erleben, Trennung, sogar Tod: „Du schaffst es“, sagt Gott dann uns zu.

Gott will, dass wir es schaffen. Und dass aus unserem Lebenspflänzchen ein schöner Baum wächst voller reifer Früchte. Dazu können wir mithelfen, Seite an Seite mit Gott. An uns selbst arbeiten und uns achtsam hingeben an unseren Mitmenschen. Doch schaffen wir es auch als Gesellschaft? Je länger Corona unseren Alltag bestimmt, umso radikaler schaukeln sich die Stimmungen hoch. Eine gefährliche Gemengelage braut sich zusammen. Die versuchte Erstürmung des Reichstages vor zwei Wochen lässt erschaudern und Schlimmes ahnen. Gewalt wird angedroht, anonym gehetzt. Wie lange halten wir das als Gesellschaft noch durch?

Man darf Zweifel daran haben, dass alle Hygiene-Maßnahmen richtig sind oder das Virus „so schlimm“ ist. Man darf annehmen, dass Unternehmen sich an einem Impfstoff eine goldene Nase verdienen wollen. Aber: Man darf nicht den gesellschaftlichen Konsens aufgeben, zur Spaltung aufrufen. Wir gehören zusammen, sind solidarisch. Wir schützen die Schwächsten unter uns. An einer demokratischen Form, diese Pandemie zu bewältigen, kommen wir nicht vorbei. Den jeweils besseren Weg zu suchen. In der offenen, aber respektvollen Diskussion. Mit dem Feuer zu zündeln, ist verantwortungslos. Ein versöhnliches Leben ist verantwortungsvoll. Lasst uns nicht hassen und spalten. Lasst uns lieben mit der Tat und mit der Wahrheit (1. Johannes 3,18).

Auf der Sonnenterrasse bereitet sich die junge Familie auf den Abstieg vor. Das Mädchen packt seinen Rucksack. Ein kurzer Blick nach oben, ein langer Blick nach unten: „Gell, Mama, ich schaffe das?!“

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