Coronavirus-Impfung

Rückschlag: Zero-Residual-Spritzen sind nicht geprüft

Dr. Hans-Christian Meyer hatte gehofft, mit den speziellen Spritzen Vorteile für die Patienten zu erwirken und mehr impfen zu können. Archivfoto: Doro Siewert
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Dr. Hans-Christian Meyer hatte gehofft, mit den speziellen Spritzen Vorteile für die Patienten zu erwirken und mehr impfen zu können. Archivfoto: Doro Siewert
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Dr. Hans-Christian Meyer und der Kreis hätten laut einer Vereinbarung die Injektionsfläschchen nicht ordern dürfen

Von Anja Carolina Siebel

Es ist ein Thema, das derzeit die Gemüter erhitzt: das Impfen. Und zwar auch in Wermelskirchen, denn wie berichtet hatte der Wermelskirchener Impfarzt Dr. Hans-Christian Meyer zum einen eine Impfaktion in der Lebenshilfe mit 500 behinderten und nicht behinderten Mitarbeitern initiiert, zum anderen hatte er als kassenärztlicher Impfarzt beim Rheinisch-Bergischen Kreis für sogenannte Zero-Residual-Spritzen geworben, von denen der Kreis daraufhin 25 000 Stück in den Niederlanden bestellt hatte.

Laut Meyer könnten die Impfärzte bei Verwendung dieser Spritzen, die offenbar auch in Holland zum Einsatz kommen, bewirken, dass die Mediziner beim Impfen eine zusätzliche Dosis des Impfstoffs herausbekommen. Beides, sowohl die lokal initiierte Impfaktion bei der Lebenshilfe als auch den Einsatz der Zero-Residual-Spritzen, untersagte das Ministerium für Gesundheit des Landes NRW. Was bei vielen Wermelskirchenern, unter anderem bei Ortspolitikern und Mitgliedern des Behindertenbeirats, Empörung und Unverständnis auslöste.

Nur Apotheker dürfen die Rekonstitution übernehmen

Achim Hermes, Sprecher des Ministeriums für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen, bringt auf Nachfrage Licht in das für medizinische und gesundheitspoltische Laien recht schwer verständliche Regelwerk des Impfens. „Ärztinnen und Ärzte dürfen nicht die Rekonstitution der Covid-19-Impfstoffe übernehmen, sondern lediglich Apotheker und Pharmazeutisch Technische Assistenten (PTA)“, erklärt Hermes. Unter der „Rekonstitution“ eines Arzneimittels versteht man die Verarbeitung in seine anwendungsfähige Form unmittelbar vor der Verabreichung. Die Corona-Impfstoffe müssen direkt vor ihrer Verabreichung entsprechend rekonstituiert werden. Täglich müssen also neue Impfstoffdosen bereitgestellt werden.

Das Land habe mit den Apothekerkammern einen Vertrag geschlossen, wonach Apotheker und PTA für die beschrieben Rekonstitution in den Impfzentren verantwortlich seien. Das Haftungsrisiko liege dabei grundsätzlich beim Land. Der Ablauf der Rekonstitution und die zu verwendenden Spritzen seien in einer Verfahrensanweisung per Erlass abschließend geregelt.

„Der Rheinisch-Bergische Kreis hat nunmehr entgegen der Erlasslage Zero-Residual-Spritzen beschafft“, sagt Hermes. Das Gesundheitsministerium habe die Kassenärztliche Vereinigung Nordrhein (KVNO) gebeten, insbesondere vor dem Hintergrund des Haftungsrisikos, den Sachverhalt zu prüfen. Hermes: „Die KVNO kam dabei zu dem Ergebnis, dass die Vorgehensweise gegen den Vertrag zwischen Land und den KVen verstößt und dass zunächst eine fachliche Prüfung der Zero-Residual-Spritzen und Autorisierung durch das Ministerium erforderlich sei. Der Einsatz muss deshalb solange ausgesetzt werden bis die Frage geklärt ist.“

Gemäß Erlasslage beschafft ausschließlich das Land das für die Verimpfung erforderliche und geeignete Impfzubehör wie Spritzen, Kanülen und die Kochsalzlösung. Laut Achim Hermes sei allerdings auch mit den vom Land beschafften Spritzen die Entnahme eines siebten Impfstoffes möglich.

Die Entnahme einer siebten Impfdosis hänge, so Hermes, ausdrücklich nicht mit den Spritzen beziehungsweise Kanülen zusammen, sondern sei abhängig von mehreren Faktoren, unter anderem den Erfahrungswerten der Pharmazeuten. Die sogenannten Zero-Residual-Spritzen seien somit keine Bedingung für die Entnahme der siebten Dosis. Auch die vom Land beschafften Spritzen verfügten gemäß Hersteller über kein Totraumvolumen. Ob die Zero-Residual-Spritzen für die Gabe des Biontech-Impfstoffs geeignet seien, sei nicht erwiesen.

Hintergrund

Gemäß europäischer Zulassung sind in jedem Vial (Injektionsfläschchen) des Impfstoffes der Firma Biontech sechs Dosen enthalten. Um diese Entnahme zu garantieren, erfolgt regelhaft aus technischen Gründen eine Überfüllung der Vials. Sofern aus einem Vial sieben vollständige Einzeldosen (0,3 ml) entnommen werden können, bestehen keine Bedenken, damit eine weitere Person zu impfen.

Standpunkt

Von Anja Carolina Siebel

anja.siebel @rga-online.de

Die Empörung bei vielen Bürgern ist verständlich. Nun soll es doch endlich richtig losgehen mit dem Impfen. Und das soll doch auch möglichst rasch gehen, damit so etwas wie Normalität bald wieder möglich ist. Was schert einen da schon der Behördenkram? Aber leider kann man den gerade bei einem so sensiblen Thema wie der Gesundheit von Menschen nicht einfach umgehen. Es gibt strenge Vereinbarungen, die einzuhalten sind. Und wenn man sieht, welche Skepsis den in Windeseile entwickelten Impfstoffen in großen Teilen der Bevölkerung entgegenschlägt, ist das auch sehr nachvollziehbar.

Der Einsatz des Wermelskirchener Impfarztes also in allen Ehren. Aber dieser Schuss ging nach hinten los. Besser hätte er sich an die Landesvorgaben gehalten. Diese dann öffentlich zu kritisieren, ist ja völlig legitim und auch nachvollziehbar. Denn schließlich wollen alle, dass möglichst bald in der Breite geimpft wird, möglichst in den Hausarztpraxen und mit erhöhter Schlagzahl. Bleibt zu hoffen, dass das bald möglich sein wird – mit welcher Art von Spritzen dann auch immer.

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