Wollen alle nur „nach oben“, gibt es keinen Frieden

Eine Geistliche macht sich Gedanken

Von Elke Mielke, Pfarrerin in der Ev. Kirchengemeinde Dabringhausen

Stolz erzählt die alte Dame von ihren Kindern. Vor allem die kürzlich erfolgte Beförderung ihres Sohnes lässt sie strahlen. „Mein Junge ist in seiner Firma aufgestiegen. Sie haben ihn zum Abteilungsleiter gemacht.“

Was für eine Freude für die alte Mutter: der Sohn – ein „Aufsteiger“! Aufsteiger werden bewundert, gegebenenfalls auch beneidet. Aus sogenannten „einfachen Verhältnissen“ aufgestiegen zu sein, etwa zum Vorstandsmitglied eines Unternehmens oder zum Politiker in verantwortlicher Position, das nötigt allen Respekt ab. Gute Aufstiegschancen machen einen Job attraktiv. Aufzusteigen bedeutet im Normalfall: mehr Verantwortung – aber auch mehr Macht, mehr Einfluss, mehr Ansehen, mehr Gehalt.

Und deshalb: Ob im beruflichen Umfeld oder in der Bundesliga, alle möchten aufsteigen – und alle fürchten nichts mehr als den Abstieg. Um einen ganz anderen „Aufstieg“ geht es in diesen Wochen des Kirchenjahres. Der kommende Sonntag ist in diesem Jahr der erste Sonntag der Passionszeit. „Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem“ – mit diesen Worten kündigt Jesus seinen Vertrauten den Beginn seines Leidensweges an. Seht, wir gehen hinauf. . .  – ein Aufstieg wird das, der zu einem einzigartigen Abstieg wird. Es geht auf diesem Weg nur geografisch hinauf. In Wirklichkeit aber geht es hinab – hinab in die Niederungen des Menschlichen, hinab in all das Dunkle, das Menschen erleiden müssen und das Menschen einander antun können. Jesus wollte nicht „nach oben“, nicht „hoch hinaus“ – er wollte „unten“ sein, bei den Menschen. Er wollte lieber dienen als sich bedienen lassen.

Denn wenn alle nur aufsteigen wollen, dann gibt es keine Barmherzigkeit. Wenn alle nur ihr Fortkommen suchen, dann gibt es keine Solidarität. Und wenn alle nur „nach oben“ wollen, dann gibt es keinen Frieden.

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