Gedenken an die Pogromnacht

„Wir tragen die Verantwortung, in Frieden zu leben“

Rund 90 junge und alte Menschen kamen zum Gedenken an die Reichspogromnacht.
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Rund 90 junge und alte Menschen kamen zum Gedenken an die Reichspogromnacht.
  • Susanne Koch
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Gedenken an die Reichspogromnacht: Die Aufforderung auch heute noch hinzuschauen und zu handeln, wo Leid geschieht.

Wermelskirchen. „Wir gedenken an die vielen Millionen Opfer der Nazis: Und eine oder einer davon hätten auch wir sein können“, sagte Pfarrerin Almuth Conrad. „Viele Menschen hatten damals Ängste gehabt und schauten weg, doch spätestens am 9. November 1938 hätte allen klar sein können, dass die Nazis nichts Gutes im Schilde führten.“

„Gegen das Vergessen – 9. November 1938“ stand auf dem Banner, das zwei Jugendliche der evangelischen Gemeinde Wermelskirchen am Mittwochabend hochhielten. Die rund 90 Kinder, jungen und alten Menschen trugen brennende Kerzen in ihren Händen. Sie hatten sich am Markt versammelt, um gemeinsam der Opfer der Nationalsozialisten zu gedenken.

Nach einer kurzen Begrüßung durch Pfarrerin Almuth Conrad, ergriff Bürgermeisterin Marion Lück das Wort. Sie betonte, dass wir angesichts des Leids, den der Krieg gerade über die Bevölkerung der Ukraine bringt, niemals Friede, Freiheit, Toleranz, Menschlichkeit und Mitgefühl als selbstverständlich hinnehmen dürfen. Vor 84 Jahren, am 9. November 1938, wurden Synagogen in Deutschland zerstört, Geschäfte wurden geplündert, Menschen verletzt und getötet. „Es war der Beginn des großen Völkermordes“, sagte Marion Lück. „Eines der dunkelsten Stationen unserer Geschichte. Wir tragen die Verantwortung dafür, dass wir weiter frei und in Frieden leben können.“

Die Bürgermeisterin schloss ihre Ansprache mit einem Gedicht von Selma Meerbaum-Eisinger, das sie schreib, als sie ins Zwangsarbeitslager Michailowka deportiert wurde. Sie sah ihre Liebe nie mehr wieder. Selma Meerbaum-Eisinger war gerade 18 Jahre alt, als sie entkräftet an Fleckfieber starb. „Glück“ hatte sie das dreistrophige Gedicht überschrieben, welches so endet:

„Sehnsucht hab' ich

Wohl nach dem Glück?

Nach dem Glück.

Fragen möcht' ich:

Kommt es zurück?

Nie zurück.“


„Das Gedicht nimmt uns traurig gefangen“, sagte Bürgermeisterin Marion Lück. „Das Licht der Kerzen soll uns ein Zeichen sein an diesem dunklen Abend für Frieden, Freiheit und Demokratie.“

Im Anschluss stimmten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ein Lied an, dessen Text von Dietrich Bonhoeffer geschrieben wurde: „Von guten Mächten wunderbar geborgen. . .“ Er schrieb es ein Jahr vor seinem Tod im KZ. Dietrich Bonhoeffer wurde am 9. April 1945 im KZ Flossenbürg auf ausdrücklichen Wunsch Adolf Hitler hingerichtet. Dietrich Bonhoeffer hatte bereits ab 1933 öffentlich gegen die Judenverfolgung Stellung bezogen.

„Eines der Opfer hätten auch wir sein können“, sagte Pfarrerin Almuth Conrad anschließend. Und sie fing an exemplarisch Wermelskirchener Bürgerinnen und Bürger aufzuzählen, die während des dritten Reichs verfolgt wurden, inhaftiert waren oder sogar zu Tode kamen. „Friedrich Brosius, der als Zeuge Jehova in 14 Lagern und Gefängnissen gefangen genommen war, Ernst Fastenrath, Mitglied der KPD, der am 28. Februar 1945 ermordet wurde, Walter Bach, ein evangelischer Pfarrer aus Dhünn und Hilgen-Neuenhaus. Hans Schopphoff, ein elf Jahre alter, behinderter Junge, der in Hadamar umgebracht wurde, die Zwangsarbeiterin und Ukrainerin Maria Minischenko, die mit 13 Jahren nach Tente verschleppt wurde, und später in der Ukraine als Kollaborateurin galt und Zeit ihres Lebens nie von dieser Zeit in Deutschland sprach, Esther Ilse Khan, die an der Kölner Straße 3 lebte und 1943 in Auschwitz in der Gaskammer starb, ihre Schwester Edith und ihre Mutter Anne, die ebenfalls zu Tode kamen. Heute liegen vor der Kölner Straße 3 drei Stolpersteine. Unvergessen sollen alle Opfer der Nationalsozialisten sein.“

Im Anschluss wiederholte Leon, ein Jugendlicher aus der Konfirmationsgruppe in Hünger, vor den Anwesenden, was er am Tag zuvor in der Gruppe verlesen hatte: Er wünscht sich, „dass arme Menschen genauso viel zu sagen haben wie reiche Menschen und dass Religionen nie mehr unterdrückt werden.“

Es folgte das israelische Lied „Hine ma tov uma naim
schewt achim gam jachad – schön ist's wenn Brüder und Schwester friedlich beisammen wohnen . . .“

Und zum Schluss sprach Pfarrerin Almuth Conrad für alle Anwesenden den Segensspruch. Und verabschiedete die Gruppe bis zum Gedenken im kommenden Jahr am gleichen Ort und zu der gleichen Zeit.

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