Musik

„Wir können heute aus allen Kisten schöpfen“

Ein Friedenszeichen in der Wermelskirchener Innenstadt: Der evangelische Posaunenchor spielte im Februar „Friedenslieder“.
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Ein Friedenszeichen in der Wermelskirchener Innenstadt: Der evangelische Posaunenchor spielte im Februar „Friedenslieder“.

Der Evangelische Posaunenchor feiert in diesem Jahr sein 140-jähriges Bestehen. Seit der Gründung hat sich musikalisch viel verändert.

Von Theresa Demski

Wermelskirchen. Wer früher in der Blaskapelle aushalf, der musste zahlen. Die kirchlichen Posaunenchöre befanden sich im harten Wettkampf um die Musiker mit den weltlichen Blaskapellen. Wer also im Evangelischen Posaunenchor in der Stadtkirche mitspielen wollte, der blieb gefälligst den Proben im Gasthaus fern – oder musste mit einem Strafgeld rechnen.

„Die Zeiten haben sich verändert“, sagt Friedhelm Preyer und schmunzelt. Wenn der heutige Vorsitzende des Evangelischen Posaunenchores in Wermelskirchen in die Geschichtsbücher blickt, dann fallen ihm immer mal wieder diese kleinen Anekdoten in die Hände.

Inzwischen spielt auch der Posaunenchor auf der Empore der Stadtkirche zuweilen ein weltliches Lied. „Klassischer Choral und Filmmusik: Wir können heute aus allen Kisten schöpfen“, sagt Dirigent Martin Weidner. Und das hat nicht nur damit zu tun, dass sich die Musiker an der Stadtkirche breit aufgestellt haben, sondern auch damit, dass sie beide Notenschreibweisen beherrschen – die Kuhlo-Notation und die Militärschreibweise. Hatten weltliche und geistliche Blasensembles die Schreibweisen ursprünglich streng untereinander aufgeteilt, bleiben viele Gruppen auch heute bei dieser Entscheidung.

Anders die Wermelskirchener: „Hier hat man sich auch mal gekäbbelt“, sagt Friedhelm Preyer, „alle Musiker können heute beide Schreibweisen spielen.“ Und das machen sich die Musiker zu nutzen – auch bei der Auswahl ihrer Stücke: Wenn der Posaunenchor „Großer Gott, wir loben dich“ anstimmt, dann sind die Musiker in ihrem Element. Und wenn sie wenige Augenblicke später zum Auszug des Gottesdienstes „Der Fluch der Karibik“ spielen, dann gelingt ihnen das mit nicht weniger Begeisterung. „Das war für viele Zuhörer auch eine Umgewöhnung“, weiß Martin Weidner, „aber diese Offenheit gefällt uns Musikern gut.“ Gleichzeitig pflegt der Evangelische Posaunenchor die Tradition: „Gott loben, das ist unser Amt: So lautet seit jeher unser Leitsatz“, sagt Friedhelm Preyer.

140 Jahre nach der Gründung: Der Evangelische Posaunenchor probt immer freitags im Gemeindezentrum am Markt.

Unter ihm traten auch im Herbst 1882 die 16 Männer des Männer- und Jünglingsvereins an. Im Verein war der Wunsch laut geworden, sich musikalisch ins Gemeindeleben einzubringen. „Es war die Zeit, in der die Posaunenchöre entstanden“, sagt Martin Weidner. Kaum einer der Männer habe damals ein Instrument spielen können. Aber sie brachte Begeisterung mit. Pfarrer Dellmann unterstützte bei der Gründung, und ein Dirigent aus Wuppertal nahm die Fahrt mit dem Fahrrad zu den Proben auf sich. Aber er blieb nicht lange.

„Auch das hat sich geändert“, erzählt Weidner und lacht. In den vergangenen 60 Jahren habe der Posaunenchor zwei Dirigenten gezählt, auch die Vorsitzenden blieben lang. „Es gibt Menschen, die haben diesen Posaunenchor sehr geprägt“, sagt Friedhelm Preyer und denkt an Lothar Knispel und Herbert Pfeiffer, an Lothar Gründer und Karl Wilhelm Wilke. Und es gibt Traditionen, die auch dank dieser Männer zu vertrauten Säulen der Posaunenchorarbeit wurden. So hatte die Nachwuchsarbeit im Posaunenchor immer eine besondere Bedeutung: Versierte Musiker engagierten sich bei den Jungbläsern und brachten ihre Erfahrung und ihr Wissen ein.

Auch das Turmblasen am Heiligabend gehört zu jenen Säulen, die der Gemeinde längst wichtig geworden sind. Dann klettern die Musiker mit Tuba, Trompete und Posaune auf den Turm der Stadtkirche, um der Stadt die gute Nachricht zuzuspielen. Zwischen 35 und 50 Auftritten hat der Posaunenchor jedes Jahr – in Gottesdiensten, Konzerten, bei Beerdigungen, Hochzeiten und zahlreichen Martinszügen. „Manchmal sind wir dabei auch so eine Art Botschafter für die Kirchengemeinde“, sagt Henrike Esgen.

In all den Jahren seines Bestehens hat der Posaunenchor nur während der Weltkriege seine Proben ausgesetzt. Selbst die Corona-Pandemie ließ die Instrumente nicht verstummen. Dann trafen sich die Musiker in ganz kleiner Runde oder sie spielten aus offenen Fenstern, sie probten auch mal digital oder verabredeten sich, zur gleichen Zeit an unterschiedlichen Orten ihre Melodien anzustimmen: Unter den Folgen der Pandemie leidet das Ensemble trotzdem. Die Nachwuchsarbeit muss neu aufgebaut werden, der Probenbesuch ist noch nicht wieder so verlässlich.

Aber der Posaunenchor spielt weiter: Inzwischen melden sich die Musiker per App zur Probe an, pflegen musikalische Freundschaften nach Österreich. Das Gefühl für ihre Musik haben sie nie verloren. Sie spüre noch immer diese Gänsehaut bei bestimmten Melodien, sagt Henrike Esgen.

Und manchmal hören die Musiker das erstaunte Rufen der Zuhörer über ein Stück bis rauf auf die Empore. „Das macht dann auch Spaß“, sagt Amrei Fuchs und lacht, „wir können immer noch überraschen.“

Hintergrund

Termin: Zum 140. Jahresfest lädt der Posaunenchor der Evangelischen Kirchengemeinde Wermelskirchen für Sonntag, 4. Dezember, ein. Traditionsgemäß gestalten die Bläser bereits den Gottesdienst am Sonntagmorgen in der Stadtkirche mit. Das Adventskonzert beginnt dann um 17 Uhr – ebenfalls in der Stadtkirche.

Nachwuchs: Musiker, die Lust haben, mitzuspielen, sind herzlich willkommen und können sich an den Vorstand wenden.

www.posaunenchor-wk.de

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