Hilfsbereitschaft

Wermelskirchener Journalist bietet ukrainischen Familien eine Bleibe

Burkhard Kress musste sein Patenkind Wladi in der Ukraine zurücklassen. Foto: Burkhard Kress
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Burkhard Kress musste sein Patenkind Wladi in der Ukraine zurücklassen.

Die Ereignisse nach dem grausamen Angriffskrieg von Wladimir Putin in der Ukraine bewegen derzeit wohl die ganze Welt.

Von Anja Carolina Siebel

Entsetzen, Besorgnis, Trauer und Wut wechseln sich bei den meisten ab. So ist es wohl auch bei Burkhard Kress. Der Wermelskirchener TV-Journalist fühlt seit Beginn des Krieges am 24. Februar aber auch ganz persönlich mit.

Denn die Familie seines fünfjährigen Patenkindes Wladi lebt in Lwiw (Lemberg), nahe der polnisch-ukrainischen Grenze. „Igor, der Vater des Jungen, ist ein alter Freund von mir“, erzählt Kress im Gespräch – und zeigt Bilder von der Taufe. Damals, als noch niemand ahnte, dass Wladimir Putin eines Tages tatsächlich diesen entsetzlichen Krieg beginnen würde.

„Zuerst war im Gespräch, dass ich die Familie einfach raushole, sie hier nach Wermelskirchen bringe“, erzählt Kress im Gespräch. Er fuhr kurzerhand an die Grenze, um zumindest die befreundete Familie zu treffen. „Aber dann stellte sich heraus, dass das schwierig würde mit ihrer Flucht. Sie betreibt eine Hilfsorganisation für geflüchtete Menschen dort an der Grenze, und sie denkt, dass sie jetzt erst recht gebraucht werden. Außerdem haben sie Eltern, die nicht bereit gewesen wären, ins Ungewisse zu reisen.“

Aber Verwandte von Igor und seiner Familie wollten weg. Das sind Julia (36) und Anna (29) mit ihren Kindern, die bis zum 24. Februar in einem Ort nahe der ukrainischen Hauptstadt Kiew lebten. „Es war natürlich klar, dass wir auch ihnen eine Bleibe besorgen“, sagt Burkhard Kress. Die beiden Frauen leben mit ihren Kindern nun in Solingen-Burg bei seiner Schwester.

Bis zur Ankunft im Bergischen erlebten die Familien indes dramatische Tage. Vor allem erinnern sich Julia und Anna an jenen Tag, der ihr Leben komplett veränderte: der 24. Februar 2022. „Morgens um 5 Uhr hörten wir die Bomben“, erzählt Anna. „Aber wir wussten nicht, was es ist.“ Es waren die Russen, die einen nahe gelegenen Militärflughafen angriffen. „Sie haben sich überall im Land zuerst die Militärflughäfen vorgenommen“, erzählt Julia. „Mein Vater rief dann an und sagte, das sei jetzt der Krieg“, erzählt Anna. Ein Gefühl sei das gewesen, „wie ich es noch nie im Leben gehabt habe.“

Sie waren glücklich in der Ukraine

Als sie langsam realisierten, was da tatsächlich passiert, machten sich die Familien sofort auf gen Westen. Nach Lemberg, den Ort, der ihnen zunächst noch sicher erschien. Mit dem eigenen Auto. Hunderte von Kilometern.

„Später gab es aber auch dort Luftalarm – „und wir wollten einfach weg. Burkhard, den wir ja kannten, hat uns geholfen.“ Ihre Männer mussten sie in Lwiw zurücklassen. Anna sagt: „Ihnen geht es aber gut. Wir telefonieren jeden Abend.“ Mehrere Tage Fahrt lagen vor ihnen. Tage an der Grenze, wo sie zunächst in einer riesigen Autoschlange auf die Überfahrt wartete. Denn sie waren nicht die Einzigen, die weg wollten. Dann durch Polen und Deutschland. „Aber egal, wo wir hinkamen, wir haben überall große Hilfe erfahren.“

Sie seien glücklich gewesen in der Ukraine. Anna war noch in der Elternzeit, ihr Mann arbeite bei einem Gaslieferanten. „Ich wollte eigentlich gerade dieser Tage unseren zweieinhalbjährigen Sohn Danilo in einer Kita anmelden und wieder als Buchhalterin arbeiten“, erzählt sie. Julia ist Juristin und betreibt mit ihrem Mann ein Speditionsunternehmen. „Das Gebäude ist zerstört“, sagt sie leise. „Und wo die Lkw mit den Fahrern abgeblieben sind, das wissen wir natürlich auch nicht. Sie waren ja im ganzen Land unterwegs.“

Für Julias Kinder Alexander (7) und Andrej (9) und Annas Sohn Danilo (2) sei der Krieg nichts Reales: „Wir waren ja auch zum Glück nicht mehr da, als es richtig losging.“

Was sie sich wünschen? „Wieder zurückzugehen. In ein freies Land“, sagt Julia. „Wir gehören nicht nach Russland. Wir leben selbstbestimmt, westlich. Wir sind Europäer.“

Und was, wenn der Krieg nicht so schnell endet? Eigentlich möchten die Frauen das nicht glauben. „Wenn es aber so ist, möchten wir Deutsch lernen, um uns besser verständigen zu können“, sagt Anna. „Unsere Kinder sehnen sich nach Gleichaltrigen. Danilo würde gern in den Kindergarten, die anderen in die Schule.“

Pläne, das sagen die beiden, hätten sie aber nicht. Wie sollten sie die auch haben, nachdem sie wie aus dem Nichts ihre Heimat verloren haben. „Wir möchten nach Hause“, bringt es Julia auf den Punkt. „Nur nach Hause.“ | Standpunkt

Hintergrund

Die Stadt Wermelskirchen hat damit begonnen, die in Wermelskirchen bereits angekommenen Kriegsflüchtlinge auf die von Bürgern angebotenen Gästezimmer zu verteilen. Sozialamtsleiterin Tanja Dehnen sagte: „Aktuell sind es etwa 30 Flüchtlinge, und es kommen stündlich weitere hinzu.“ Die meisten seien zu Verwandten und Bekannten gekommen und hätten sich dann an die Stadt gewandt, und um Hilfe nachgefragt. Inzwischen hätten sich weit mehr als 50 Bürger bei der Stadt gemeldet, die Gästezimmer für Flüchtlinge angeboten hätten. Die ersten seien auch schon belegt. -tei-

Standpunkt: Ein kleiner Trost

Von Anja Carolina Siebel

anja.siebel@rga.de

Wer mit Geflüchteten aus der Ukraine spricht, der kann nur entfernt erahnen, was diese Menschen gerade fühlen. Aber das Entsetzen, von dem furchtbaren Angriff praktisch über Nacht eiskalt überrascht worden zu sein, das teilen sie mit den meisten Menschen in Europa und der Welt. Es macht sprachlos, wenn man hört, wie alltäglich das Leben in den ukrainischen Städten und Dörfern noch vor diesem Tag, dem 24. Februar, gewesen sein muss. Die Menschen arbeiteten, buchten Reisen, planten Häuser und Wohnungen, lebten. Und dann wurde alles mit einem Schlag ganz anders. Es ist beklemmend, Geschichten wie die von Anna und Julia zu hören und praktisch hilflos daneben zu sitzen. Weil man so gern etwas tun würde, und es doch nicht kann. Dass die Ukrainer die Solidarität und Hilfsbereitschaft ihrer westlichen Nachbarn indes trotz der unfasbaren Schicksalsschläge, die ihnen widerfahren, noch registrieren, ist vielleicht ein kleiner Trost. Und sollte Motivation dazu sein, diesen Zusammenhalt nicht enden zu lassen. Damit es in der Zukunft nie wieder so einen sinnlosen Krieg geben muss.

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