Corona-Krise

Wermelskirchener hamstern Bücher

Viele Kunden dachten, dass die Bücherei vom „Lockdown light“ betroffen sei, berichtet Mitarbeiterin Sabrina Ollig. Foto: Anja Carolina Siebel
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Viele Kunden dachten, dass die Bücherei vom „Lockdown light“ betroffen sei, berichtet Mitarbeiterin Sabrina Ollig.

So viele Besucher wie lange nicht mehr kamen in die Stadtbibliothek und die Buchläden.

Von Jennifer Preuß

Toilettenpapier, Küchenrolle, Nudeln und Mehl gehören zu der Grundausstattung eines Hamstervorrates. Mit Bekanntwerden der Bund-Länder-Beschlüsse schien in der vergangenen Woche ein weiteres Must-have hinzuzukommen: Bücher. Am Donnerstag und Freitag suchten so viele Menschen wie lange nicht seit Beginn der Corona-Pandemie die Wermelskirchener Stadtbücherei auf. Hier wurde die Verunsicherung offenbar. „Die Leute dachten, dass wir ab Montag geschlossen haben, was zum Glück nicht der Fall ist“, sagt Büchereimitarbeiterin Sabrina Ollig.

Auffällig war, dass vor allem Kinderbücher ausgeliehen wurden. Auch die Bibliothek der Dinge, zu der unter anderem Hörspielfiguren für die Tonie-Box gehören, wurde stark nachgefragt. „Die sind der absolute Renner“, sagt Sabrina Ollig. „Was auch immer geht, sind Thriller und DVDs – trotz der Streaming-Dienste.“ Ob jetzt im Teil-Lockdown weitere Vorsichtsmaßnahmen in der Stadtbücherei umzusetzen sind, ist unklar. Auf größtmögliche Sicherheit wird seit der Wiedereröffnung ohnehin geachtet. Nur registrierte Nutzer haben Zugang zur Bücherei, um eine Rückverfolgbarkeit sicherzustellen. Jeder wird darum gebeten, sich am Eingang die Hände zu desinfizieren. Die Maske ist Pflicht. An den Tischen auf der oberen Etage lange zu verweilen, ist nicht erwünscht. „Man soll sich hier nicht lange aufhalten, sondern möglichst zielgerichtet Bücher ausleihen und zurückgeben“, betont Sabrina Ollig. Das klappe ganz gut. Mit den neuen Regeln haben sich die treuen Büchereinutzer schnell vertraut gemacht.

„Erst nach den Sommerferien wurde es wieder belebter.“

Sabrina Ollig, Büchereimitarbeiterin, über die Verunsicherung der Besucher

Und doch lief es nach dem ersten Lockdown im Frühjahr, als die Stadtbücherei tatsächlich schließen musste, erst schleppend wieder an. Es dauerte seine Zeit, bis die Nutzer zurückkehrten. „Wir hatten den Eindruck, dass die Menschen sich zurückhalten“, sagt Sabrina Ollig. „Erst nach den Sommerferien wurde es wieder belebter.“ Auch in den vergangenen Wochen war es verhältnismäßig ruhig – bis zu den besagten Tagen Ende Oktober. Sabrina Ollig und das Bücherei-Team hoffen nun, dass es sich rumspricht, dass die Bücherei weiterhin geöffnet ist. Sie selbst bedauert, dass die Veranstaltungen für die jungen Leser momentan nicht stattfinden können. Dazu gehört die Krabbelgruppe „Bücherknirpse“, die sie selbst leitet, und das Bilderbuchkino.

Viel los war Ende der vergangenen Woche in der Buchhandlung Marabu. „Viele hatten nur das Wort Lockdown im Ohr und befürchteten, dass auch der Einzelhandel wieder schließen muss“, berichtet Leiterin Barbara Busch. „Sie wollten noch ganz schnell die Weihnachtsgeschenke kaufen.“ Die Unsicherheit, ob im Dezember weitergehende politische Maßnahmen ergriffen werden, sorgt nochmals für mehr Kundschaft, die einfach vorsorgen will. „Außerdem wollen aufgrund von Corona viele einfach nicht in das Getümmel des Weihnachtsgeschäfts. Sie kommen früher“, sagt Barbara Busch. Nachgefragt werden Adventskalender, Kinderbücher und Belletristik, vor allem neue Kriminalromane. Generell werde im November mehr gelesen – witterungsbedingt.

Das kann Gabriele van Wahden bestätigen. Die Inhaberin der Buchhandlung van Wahden hatte noch vor wenigen Wochen große Sorgen, wie sie mit ihrem Geschäft über den Winter kommen soll, und hat sich Aktionen für die Kundschaft überlegt. Die Existenzsorgen sind nicht gänzlich weg, die gestiegene Nachfrage in den letzten Tagen beruhigte van Wahden dennoch sehr.

„Die Kunden kommen gezielter. Sie arbeiten Listen ab und kaufen dann direkt mehrere Bücher“, berichtet Gabriele van Wahden. „Ich glaube schon, dass jetzt im Teil-Lockdown mehr gelesen wird. Bei uns steht aber das Weihnachtsgeschäft im Vordergrund. Wir müssen viele Bücher verpacken.“ | Standpunkt

Geöffnet

Die Stadtbücherei öffnet auch im November wie gewohnt. Es gelten die Corona-Schutzmaßnahmen wie das Tragen einer Maske, das Desinfizieren der Hände und das Einhalten des Mindestabstands. Die Besucher werden gezählt. Da die Bücherei eine Grundfläche von etwa 400 Quadratmetern hat, wurde die Höchstzahl an Besuchern, die zeitgleich in der Bücherei sein dürfen, bisher nicht erreicht.

Standpunkt: Ein Signal für den Handel

Von Leon Hohmann

leon.hohmann@rga.de

Dass die Wermelskirchener in den Tagen vor der Zwangsschließung von Freizeitstätten, Restaurants und Co. noch einmal an die Einzelhändler in ihrer Stadt denken, ist als positives Signal zu werten. Insbesondere während der ersten Corona-Welle im Frühjahr, als auch die Geschäfte schließen mussten, zeigte sich doch sehr deutlich, dass der Onlinehandel immer mehr zunimmt. Egal ob bei Lebensmitteln, Kleidung oder auch beim Nachschub an Lesestoff. Angesichts der trüben Aussichten, dass im „Lockdown light“ kaum Freizeitmöglichkeiten bestehen und selbst das Rausgehen bei November-Wetter keinen Spaß macht, könnte dies den Buchhändlern und der städtischen Bücherei in die Karten spielen – es wird laut Aussage der Händler generell im ungemütlichen November mehr gelesen als im übrigen Jahr. Es bleibt nur zu hoffen, dass dieser Besucherandrang nicht sofort wieder abebbt und sich vielleicht auch über das Weihnachtsgeschäft hinaus hält. Denn nur von zwei, drei Wochen mehr Umsatz können die Einzelhändler die Corona-Krise nicht überstehen.

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