Coronavirus

Stadt: Luftfilter in Schulen sind nicht das Mittel der Wahl

„Fenster auf“, wird es auch in diesem Herbst und Winter wieder heißen müssen in den Schulen. Archivfoto: Roland Keusch
+
„Fenster auf“, wird es auch in diesem Herbst und Winter wieder heißen müssen in den Schulen. Archivfoto: Roland Keusch
  • Anja Carolina Siebel
    VonAnja Carolina Siebel
    schließen

Sie seien nicht so wirksam, wie viele glauben, und gelüftet werden muss trotzdem.

Wermelskirchen. Die kältere Jahreszeit beginnt bald wieder, und noch ist leider das Coronavirus nicht Schnee von gestern. Anlass für die Wermelskirchener Grünen, einen Antrag für den Ausschuss für Umwelt und Bau sowie den Rat an die Stadtverwaltung zu richten.

Demnach möge der Rat beschließen, dass die Stadt kurzfristig für Klassenräume, in denen Kinder bis zu zwölf Jahren unterrichtet werden, Luftfiltergeräte beschaffen werde – möglichst bis zum Herbst 2021. Dabei sollten nach Wunsch der Grünen energiesparende Luftfilteranlagen genutzt und für deren Anschaffung entsprechende Fördermittel akquiriert werden.

„Vor allem in der kalten Jahreszeit, wenn sich die Menschen wieder häufiger in geschlossenen Räumen aufhalten und zeitgleich wohl die Inzidenzen wieder steigen werden, müssen Ansteckungen mit allen Mitteln verhindert werden“, schreibt die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen, Conchita Encina Finken. Gerade Schüler seien zudem noch vielfach ohne Corona-Schutzimpfung. Luftfilteranlagen könnten gute Dienste leisten, um die Verbreitung von Aerosolen in Innenräumen zu vermindern. Sagen die Grünen.

Stadt, Schulen und Kitas sind von der Wirksamkeit der Luftfilter nicht überzeugt

Bei der Stadtverwaltung sieht man das etwas anders. „Wir haben uns nun schon sehr lange mit dem Thema beschäftigt“, sagt Stefan Görnert, Erster Beigeordneter. Schon vorigen Herbst habe die Verwaltung sich Angebote für solche Luftfilter eingeholt und sich aber auch über deren Wirksamkeit informiert. Unter anderem beim Umweltbundesamt. Bis vor kurzem hieß es von dort: „Ob die Minderungen ausreichen, eine Infektionsgefahr in dicht belegten Klassenräumen abzuwenden, ist nach jetzigem Wissensstand unsicher. Da die Geräte weder CO2 noch Wasserdampf aus der Raumluft entfernen, empfiehlt das Umweltbundesamt weiter auch in der kalten Jahreszeit die Fensterlüftung als prioritäre Maßnahme.“

Nun gibt es Presseberichte, in denen Experten des Amtes offenbar doch Luftfilter in Klassenräumen empfehlen und die Unsicherheit wächst. „Wir haben allerdings bis heute keine gesicherte Information über die Wirksamkeit“, sagt Stefan Görnert. Im Gegenteil laute immer noch die Empfehlung, zusätzlich die Fenster sporadisch zu öffnen.

Ein weiteres Problem sei die Lautstärke vieler Geräte. „Sie überschreiten eindeutig die für Klassenräume vorgeschriebene Dezibelzahl“, erläutert Görnert.

Und: Eine Umfrage bei den sieben städtischen Schulen und zum Teil auch in den Kindertagesstätten habe ergeben, dass die Schul- und Kitaleitungen ebenfalls nicht vollständig überzeugt vom Einsatz der Luftfilter während des Unterrichts oder der Kita-Zeit seien.

Zwei Geräte sind bereits im Einsatz

Dennoch sind in Wermelskirchen solche Geräte bereits in Gebrauch: nämlich zwei in der Schwanenschule. „Wir werden auch weitere für weitere Schulen bestellen“, kündigt Görnert an. „Allerdings nur für Räume, in denen die Fenster allenfalls gekippt werden können.“ Nur unter diesen Voraussetzungen gäbe es nämlich auch Fördergelder für die Luftfiltergeräte. Görnert rechnet entsprechend mit einer Bestellung vereinzelter Geräte für Herbst und Winter.

Voriges Jahr hatten bereits andere Fraktionen einen Antrag zur Anschaffung sogenannter Co2-Ampeln gestellt. Das sind Signalgeräte, die anzeigen sollen, wenn in einem mit Menschen gefüllten Raum die Luft so mit Schadstoffen angereichert ist, dass gelüftet werden muss. „Da hat aber jeder Lehrer auch ein Smartphone in der Tasche, das nach 20 Minuten ein Signal aussendet, dass Lüften jetzt angezeigt wäre“, merkt Görnert an. Dennoch hatte die Stadt auch diese Ampeln angeschafft.

Das Fazit fällt zugegeben etwas ernüchternd aus: Ums Lüften wird auch in diesem Winter keine Schulklasse herumkommen. Und somit auch nicht darum, sich dicke Winterjacken mit ins Klassenzimmer nehmen zu müssen. Denn das zuverlässig wirksamste gegen Viren bleibt immer noch frische Luft.

Das sagt das Umweltbundesamt

Beim Umweltbundesamt heißt es aktuell: „Geräte zur Luftreinigung dienen der Reduzierung von in Raumluft enthaltenen Partikeln (...). Je nach technischer Auslegung sind sie in der Lage, Viren aus der angesaugten Luft zu entfernen bzw. zu inaktivieren. Allerdings hängt die Effizienz neben der Gerätetechnik von (...) vielen Faktoren ab. Da mobile Luftreinigungsgeräte kein anfallendes Kohlendioxid (CO2) und keine anfallende Luftfeuchte aus der Raumluft entfernen, können sie Lüftungsmaßnahmen nicht komplett ersetzen.“

Standpunkt: Fenster bleiben offen

Kommentar von Anja Carolina Siebel

anja.siebel @rga.de

Es könnte so einfach ein: die Stadt beantragt Fördergelder für Luftfilter, vor allem für die Klassenzimmer von Schulen, die werden in Menge geliefert und die Schüler und Lehrer sind in der Herbst- und Winterzeit geschützt vor Aerosolen und fiesen Coronaviren. So einfach ist es aber eben scheinbar nicht. Denn sonst, das wollen wir mal unterstellen, hätte die Verwaltung längst etwas unternommen, um Schülern und Lehrern zu ersparen, dass sie im Winter während des Unterrichts frösteln und Jacke tragen müssen. Die Luftfilter scheinen in ihrer Wirksamkeit nicht annähernd zu halten, was sie versprechen. Zudem sind sie laut und überschreiten Dezibelwerte, die wiederum behördlich vorgeschrieben sind. Das ist zugegeben sehr deutsch, aber eben nun mal Fakt. Vorher waren es die „Co2-Ampeln“, von denen man sich Großes versprach. Am Ende machen auch sie aber nur deutlich, dass nach einer Zeit Lüften angesagt ist. Das kann einem aber auch der gesunde Menschenverstand vermitteln. Und so bleibt es dabei: Die Fenster müssen auf. Und das nicht nur in Wermelskirchen, sondern überall, wo Menschen zusammenkommen.

Das könnte Sie auch interessieren

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

Medizinerin eröffnet neue Hautarztpraxis
Medizinerin eröffnet neue Hautarztpraxis
Medizinerin eröffnet neue Hautarztpraxis
Senioren wollen moderne Themen angehen
Senioren wollen moderne Themen angehen
Senioren wollen moderne Themen angehen
Bauhof ist auf den Winter vorbereitet
Bauhof ist auf den Winter vorbereitet
Bauhof ist auf den Winter vorbereitet
Versuchter Mord: Haftbefehl gegen 28-Jährigen
Versuchter Mord: Haftbefehl gegen 28-Jährigen

Kommentare