Offenes Ohr für Belastungen

Psychologische Telefonberatung soll Familien helfen

Manfred Bartos und Sozialarbeiterin Jana Koch sind für die Anrufenden da. Foto: Kathrin Kellermann
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Manfred Bartos und Sozialarbeiterin Jana Koch sind für die Anrufenden da.

Die Beratungsstelle für Eltern, Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene erweitert ihr Angebot in der Pandemie.

Von Anja Carolina Siebel

Wermelskirchen. Manfred Bartos glaubt, dass es mehr psychologischen Beratungsbedarf gibt in der Bevölkerung. Mehr, als aktuell bei den Fachleuten sichtbar wird. Deshalb richten der Leiter der Beratungsstelle für Eltern, Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene und sein Team jetzt Telefonsprechstunden ein; als Erweiterung des Angebots an Familien mit Kindern.

Das habe gute Gründe, sagt Manfred Bartos. Denn zwar sei aktuell nicht mehr zu tun bei den Therapeuten und Sozialarbeitern der Beratungsstelle. „Aber die Qualität der Beschwerdebilder bei Kindern und Jugendlichen, mit denen wir es zu tun haben, hat sich verändert“, sagt der Experte. Er schließe deshalb darauf, dass es viel mehr psychische Not gebe, als aktuell bekannt.

Ab kommendem Montag, 14. Februar, soll es deshalb zusätzlich telefonische Sprechzeiten in der Beratungsstelle geben (siehe Infokasten). Vorerst bis zu den Osterferien werden an drei Tagen in der Woche die Mitarbeitenden der Beratungsstelle für Fragen, Sorgen und Nöte ansprechbar sein. „„Wir bieten allen ein offenes Ohr für ihre Belastungen an. Wir hören zu und können ihnen so unkompliziert eine erste Unterstützung geben, die sie in diesem Moment brauchen“, beschreibt Bartos das niederschwellige Angebot.

Nach dem ersten Lockdown seien die Reaktionen der Menschen, die Kontakt mit der Beratungsstelle für Eltern, Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene der Stadt Wermelskirchen aufgenommen haben, sogar noch positiv gewesen: „Da hieß es oft, dass die Entschleunigung den Familien auch gut getan hat“, sagt Manfred Bartos, Leiter der Beratungsstelle. Das habe sich jedoch komplett gewandelt. „Wir haben in den vergangenen Monaten leider verstärkt gesehen und erlebt, dass die Auswirkungen der Pandemie deutliche Spuren hinterlassen hat“, sagt er besorgt. „Es gibt kaum noch Beratungsanliegen, die nicht mit Corona zu tun haben.“

Und: „Irgendwie geht es bei jeder Problematik, die wir sehen, auch immer um die Pandemie.“

Zwangsstörungen bei Kindern, Vereinsamung bei Jugendlichen

Einige Kinder hätten im Laufe der letzten 22 Monate beispielsweise Zwangsstörungen entwickelt. „Da geht es dann zum Beispiel darum, dass im Kinderzimmer alles gleich aussehen muss“, erläutert der Therapeut. Das sei noch keine Zwangserkrankung im klassischen Sinne, „aber durchaus eine Vorstufe“. Und es sei erklärbar: „Wir haben es in der Pandemie mit einer gewissen Unvorhersehbarkeit zu tun, die auch nicht ohne Weiteres zu beseitigen ist“, erklärt Manfred Bartos. „Wir wissen nicht, was noch geschieht, ob und wie uns Corona weiter begleitet und was das für uns bedeutet. Diese Unsicherheit überträgt sich natürlich auch auf Kinder und Jugendliche.“

Bei Jugendlichen gäbe es indes Tendenzen von Vereinsamung. „Das geht zum Teil auch in Richtung Depression“, sagt Bartos.

Entwicklungen, denen auch Eltern oft hilflos gegenüberstünden. „Denn auch sie können zumindest in Bezug auf die Pandemie ja nicht die Sicherheit vermitteln, die sie im Normalfall ihren Kindern geben können.“ Hinzu kämen Stressfaktoren wie Schnelltests vor dem Unterricht, die vielfach vor Schulbeginn in den Familien durchgeführt werden mussten, Homeschooling und Existenzängste in Familien.

Der schnelle Griff zum Telefon, um unkompliziert mit jemandem vom Team der Beratungsstelle zu sprechen, soll nun Unterstützung bieten. „Kinder und Jugendliche müssen schnell fragen können, ob das, was sie spüren, normal ist“, so Manfred Bartos, der festgestellt hat, dass die psychischen Belastungen durch die Pandemie in allen Altersgruppen zugenommen haben. Aber auch Eltern, Erzieher oder Lehrer können die telefonischen Sprechzeiten nutzen: „Es geht darum, dass wir uns die Probleme und Belastungen anhören und überlegen, wie wir die Anrufenden unterstützen können.“

Anrufe und auch Termine in der Beratungsstelle sind immer freiwillig, kostenfrei und alle Gespräche unterliegen der Schweigepflicht. Und: „Keine Frage ist falsch“, so Manfred Bartos.

Kontakt

Die Fachberatenden der Beratungsstelle sind montags von 11 bis 12.30 Uhr sowie dienstags und donnerstags jeweils von 14 bis 15.30 Uhr unter der Telefonnummer Tel. (0170) 33 50 063 zu erreichen.

Die Telefonsprechstunden sind ein zusätzliches Angebot der Beratungsstelle für Eltern, Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene in der Jahnstraße 20 in Wermelskirchen. Persönliche Gespräche in der Beratungsstelle können  weiterhin  unter Tel. (02196) 1022 vereinbart werden.

Standpunkt: Hilfe an richtiger Stelle

Ein Kommentar von Anja Carolina Siebel

anja.siebel@rga.de

Familien in Ausnahmesituationen. Und das schon seit nunmehr 23 langen Monaten. Da ist es kein Wunder, dass es zu psychischen Belastungen kommt, auch bei Kindern und Jugendlichen. Sie waren in der Pandemie lange die, die zurückstecken mussten. Vor allem zum Schutz der Älteren und Kranken wurden sie weitgehend isoliert und vom Schulunterricht und der Kita ferngehalten. Und auch jetzt leiden viele unter der Situation. Regelmäßige Tests, ein ständiges Ansteckungsrisiko und wenig direkten Kontakt zu Freunden tun ihr Übriges. Dass die Beratungsstelle für Eltern, Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene jetzt etwas gegensteuern möchte und mit der Telefonberatung ein niederschwelliges zusätzliches Angebot bereitstellt, um Familien zu unterstützen, ist deshalb Hilfe an der völlig richtigen Stelle. Denn bei allem Verständnis für den Schutz der so genannten vulnerablen Gruppen in der Pandemie, dürfen Kinder und Jugendliche nicht vergessen werden. Sie sind unsere Zukunft – und wir brauchen psychisch stabile und resiliente junge Menschen. Auch und vor allem in der Zukunft.

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