Verdis Entscheidung trifft Händler

Nach Absage des verkaufsoffenen Sonntags : WiW-Vorsitzender André Frowein fürchtet um Jobs

Händler und Ortspolitiker demonstrierten am Sonntag gegen die Entscheidung des Verwaltungsgerichts nach dem Verdi-Antrag. Foto: Markus Schumacher
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Händler und Ortspolitiker demonstrierten am Sonntag gegen die Entscheidung des Verwaltungsgerichts nach dem Verdi-Antrag.
  • Anja Carolina Siebel
    VonAnja Carolina Siebel
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Für Stadt und Stadtmarketingverein ist die Entscheidung von Verdi, den Sonntag zu kippen, nicht nachvollziehbar

Wermelskirchen. Er stellt eine bittere Prognose auf. André Frowein, Vorsitzender des Stadtmarketingvereins WiW sagt: „Der ausgefallene verkaufsoffene Sonntag am 5. September wird Wermelskirchen definitiv Arbeitsplätze kosten.“

Wie berichtet, hatte das in Münster ansässige Oberverwaltungsgericht Nordrhein Westfalen noch am Freitagabend kurzfristig die Veranstaltung gekippt. Auslöser war ein entsprechender Antrag der Gewerkschaft Verdi gewesen. Begründung: Die Stadt habe einen Dringlichkeitsantrag gestellt, hätte aber die Entscheidung für den verkaufsoffenen Sonntag per Ratsbeschluss vorweisen müssen.

Für André Frowein ist das nicht nachvollziehbar. „Und damit spreche ich auch für alle teilnehmenden Händler“, sagt der WiW-Vorsitzende. „Wir hatten wegen der unsicheren Corona-Lage lange keine Planungssicherheit, so dass wir gar nicht früher hätten entscheiden können. Zudem verlangen wir in Wermelskirchen ja nicht wie andere Städte acht oder zehn verkaufsoffene Sonntage, sondern unsere vier, die wir seit Jahren in der Stadt haben. Und der Kirmes-Sonntag hatte sich Pandemie-bedingt ja nur um eine Woche verschoben.“

Stadt war wegen der Corona-Lage lange unsicher

Stefan Görnert, Erster Beigeordneter der Stadtverwaltung, hat ebenso wenig Verständnis für die Gerichtsentscheidung, respektive den Antrag der Gewerkschaft Verdi. „Noch bis Anfang Juni gab die Coronaschutzverordnung des Landes NRW klar vor, dass bis 1. September keine Großveranstaltungen stattfinden können“, berichtet Görnert. „Entsprechend war klar, dass die Kirmes zum gewohnten Datum nicht stattfinden konnte.“

Als sich dann abzeichnete, dass es nach dem 1. September wieder größere Veranstaltungen geben dürfte, habe die Verwaltung mit der Kirmesplanung begonnen und Ende Juni den ersten Antrag für den verkaufsoffenen Sonntag gestellt. Görnert: „Dazu braucht es die Zustimmung von insgesamt sieben Trägern öffentlicher Belange.“ Dazu gehörten unter anderem die Kirchen sowie auch die Gewerkschaft. Einwände habe es nicht gegeben.

„Allerdings“, sagt Stefan Görnert, „waren wir nach diesem 23. Juni keineswegs auf der sicheren Seite mit unserer Planung.“ Viele Fragen seien offen gewesen. Zum Beispiel die, ob sich überhaupt ausreichend Beschicker für die verspätet stattfindende Kirmes finden würden. Immerhin sind die Terminkalender der Schausteller für gewöhnlich das ganze Jahr über ausgebucht. „Hinzu kam, dass die Coronaschutzverordnung damals noch vorgab, dass sich nur bis zu 1000 Personen auf einem Veranstaltungsgelände aufhalten dürfen. Da haben wir uns gefragt, ob und wie wir das managen können.“

Viele Händler in Wermelskirchen hatten sich auf den Sonntag vorbereitet

Als im August die Corona-Infektionszahlen wieder merklich anstiegen, sei kurz im Gespräch gewesen, die Kirmes wieder abzusagen. „Wir haben uns aber dann entschieden, den 20. August und somit die Veröffentlichung der neuen Coronaschutzverordnung abzuwarten. Und die hat uns ja dann alle überrascht.“

Plötzlich war klar: Es ist viel mehr möglich. Und es dürfen sogar mehr Menschen als vorher kalkuliert aufs Festgelände. „Erst da stand für uns fest: Die Kirmes 2021 kann stattfinden. Und erst da haben wir den Dringlichkeitsantrag wegen des verkaufsoffenen Sonntags gestellt“, berichtet Görnert. Es sei also „kurz vor Toresschluss“ gewesen. Für die Gewerkschaft Verdi war das offensichtlich keine hinreichende Begründung. Sie hätte einen entsprechenden Ratsbeschluss erwartet.

Für André Frowein ist das Vorgehen der Stadtverwaltung „völlig nachvollziehbar“. Das der Gewerkschaft Verdi hingegen nicht. Er findet, dass Verdi hätte individueller entscheiden und sich die Situation in Wermelskirchen genauer hätte anschauen müssen. „Dieses Gießkannenprinzip funktioniert doch nicht für kleine Städte, wo sowieso vorwiegend inhabergeführte Läden sind. Diese Entscheidung war nicht arbeitnehmerfreundlich, sondern hat ihnen nachhaltig geschadet.“ Viele Händler hätten sich intensiv vorbereitet und auf die Einnahmen des Sonntags gezählt. „Wer gibt ihnen das zurück? Verdi sicher nicht.“

Hintergrund

Verdi hat sich im Allgemeinen deutlich gegen eine Sonntagsöffnung der Einzelhändler ausgesprochen. Die Gewerkschaft will sich „mit allen Mitteln gegen diesen Generalangriff“ wehren. Der Vorschlag des Handelsverbandes Deutschland (HDE) für eine Öffnung der Geschäfte auch an Sonntagen stößt bei der Gewerkschaft Verdi auf Gegenwehr. Schon seit längerer Zeit sind verkaufsoffene Sonntage immer an Veranstaltungen in der jeweiligen Stadt gebunden, deren Fläche die Verkaufsfläche übersteigen muss.

Standpunkt: Schaden angerichtet

anja.siebel@rga.de

Kommentar von Anja Carolina Siebel

Das war ein Schlag ins Gesicht für alle Wermelskirchener Händler, die am verkaufsoffenen Sonntag teilnehmen wollten. Für Wermelskirchen lässt sich das sicher so sagen, denn die Allermeisten freuen sich auf diese wenigen Tage im Jahr, viele Geschäfte sind zudem inhabergeführt, so dass nicht die Mitarbeiter im Laden stehen, sondern die Betreiber selbst. Für die Gewerkschaft Verdi war das am Freitag kein Grund, den Sonntag wie geplant stattfinden zu lassen. Mit einem erwirkten Gerichtsurteil haben die Gewerkschafter ihn gekippt – und somit den Einzelhändlern einen der umsatzstärksten Tage im Jahr verhagelt. Sicher gibt es dafür Gründe, und sicher steht bei den Gewerkschaften das Wohl der Mitarbeitenden an erster Stelle. Allerdings hätte Verdi in diesem speziellen Fall besser genauer hingeschaut. Denn die Stadt hat mit ihrer abwartenden Reaktion keinen Fehler begangen, sondern sich der unsicheren Corona-Lage gebeugt. Und: In einer Kleinstadt wie Wermelskirchen ticken die Uhren nunmal etwas anders in Köln. So hat der Ausfall des verkaufsoffenen Tages der Mehrheit sicher geschadet als genutzt.

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