Missbrauch-Prozess: Ex-Freundin sagt aus

Es ist eine Vielzahl von Akten und Videomaterial, das die Ermittler auswerten mussten. Der Fall Marcus R. wühlt die Gemüter auf. Weil er so viele Kinder so brutal missbraucht hat. Ein Urteil wird erst Ende Februar erwaetet.
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Es ist eine Vielzahl von Akten und Videomaterial, das die Ermittler auswerten mussten. Der Fall Marcus R. wühlt die Gemüter auf. Weil er so viele Kinder so brutal missbraucht hat. Ein Urteil wird erst Ende Februar erwartet.

Die heute 45-Jährige war im Alter von 16 Jahren mit dem Angeklagten liiert.

Von Claudia Hauser

Wermelskirchen. Am vierten Verhandlungstag im Prozess zum Missbrauchsfall Wermelskirchen griff der Angeklagte zum Mikrofon. „Ich habe mir Ihre Worte zu Herzen genommen“, sagte Marcus R. zum Vorsitzenden Richter Christoph Kaufmann. „Mir sind noch einige Dinge eingefallen.“ Kaufmann hatte ihm vorige Woche nahegelegt, noch einmal genau nachzudenken, ob es nicht doch noch mehr Fälle gebe. Mehr als 120 Fälle teils schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern und Beihilfe zum Missbrauch hat R. bereits gestanden. Sein jüngstes Opfer war ein vier Wochen altes Mädchen.

Der Angeklagte räumte jetzt vor dem Kölner Landgericht zusätzlich ein, sich mit zwei Jugendlichen unter 18 Jahren zum Sex verabredet zu haben. Eines der Treffen soll etwa im Jahr 2010 unter einer Autobahnbrücke stattgefunden haben, wie er sagt. Und er berichtete vom vierten Geburtstag eines Mädchens, das er lange als Babysitter betreut und missbraucht hätte. Zu diesem Kindergeburtstag habe er einen „Bekannten“ mitgenommen, ebenfalls pädophil. „Er hat dort dann Kinderfotos gemacht“, sagte R. „Nicht sexuelle Fotos.“

Dieser Bekannte sei auch dabei gewesen, als er an einem Abend auf einen kleinen Jungen aufpassen sollte. „Ich habe ihn mit dem Jungen allein im Zimmer gelassen, während ich in der Küche Essen warm gemacht habe“, erzählte der 45-Jährige. Es ist sein sachlicher Tonfall, der im Prozess immer wieder verstört. Zuvor habe er selbst das Kind missbraucht, sagte er. Richter Kaufmann nahm ihm offenbar nicht ab, dass er sich laut eigener Aussage nicht daran erinnern konnte, ob der Bekannte sich ebenfalls am dem Jungen vergangen habe.

Wie sich durch Nachfragen des Vorsitzenden herausstellte, soll R. den Mann noch zu einer weiteren Familie mitgenommen haben, deren beiden Söhne zu den Opfern gehören. R. hat zugegeben, sie beide über Jahre missbraucht zu haben. „Als wir zusammen dort waren, ging es aber darum, einen Schrank aufzubauen“, sagte R. Zu Taten sei es an diesem Tag nicht gekommen. Der Bekannte habe aber gewusst, „dass ich die Kinder, die ich sitte, auch missbrauche“, wie R. sagte.

Als Zeugin wurde jetzt auch die erste Freundin des Angeklagten vernommen. Die beiden waren ein Jahr ein Paar, als beide 16 Jahre alt waren. Die heute 45-Jährige wirkte angespannt, sie hatte Zeugen-Beistand und antwortete zunächst einsilbig auf alle Fragen.

Fragen zu intimeren Details in nicht-öffentlicher Sitzung

R. habe in seinem Elternhaus eine Einliegerwohnung im Souterrain bewohnt. „Er hatte sein eigenes Reich, das war ein Paradies für Jugendliche, weil die Eltern nur störten, um Essen zu bringen“, sagte die Zeugin. Schon bevor sie ein Paar wurden, war sie oft bei R.  – immer donnerstags zum Pizza essen und Filme schauen mit mehreren Freunden, wie sie erzählte. R. sei immer sehr vernünftig gewesen, habe oft gebügelte Hemden getragen, Golf gespielt und immer gewirkt, als gäbe es in seinem Leben keine Probleme. „Als ob er die Pubertät übersprungen hätte“, sagte sie.

Schon mit 17 habe R. eine eigene Firma gegründet, immer genug Geld gehabt, schilderte die Frau. Per Brief habe er ihr gestanden, dass er sie interessant und süß fände. „Das war niedlich“, sagte die Zeugin. „Auch als wir zusammen waren, stand aber für ihn der Computer und seine Technik immer an erster Stelle.“ R. arbeitete später als IT-Techniker. Er sei auch für die Lehrer in der Schule schon der Ansprechpartner gewesen bei allen Fragen rund um Computer, sagt seine frühere Freundin. In der Zeit mit ihm sei ihr nie etwas aufgefallen, das sie beunruhigend gefunden hätte. Fragen zu intimeren Details der Beziehung stellte der Vorsitzende in nicht öffentlicher Verhandlung.

Die Festnahme im Dezember 2021 und die gefundenen Chats sowie Millionen Bilder und Videos führten im Fall Marcus R. zu einer Vielzahl weiterer Ermittlungsverfahren gegen Beschuldigte. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft sind es mittlerweile mehr als 130. R. selbst gab am Montag noch weitere Namen preis. Ein Ermittler hat im Zeugenstand beschrieben, dass R. beim Zugriff eines Sondereinsatzkommandos gerade in einer Telefonkonferenz mit Arbeitskollegen war, auf einem anderen Gerät aber eine dreistellige Zahl von Kindesmissbrauchsbildern offen hatte.

Im Keller wurden bei der Durchsuchung mehrere Kisten sichergestellt: In einer waren die Hormonpräparate der Ehefrau. Das Paar hatte versucht, ein Kind zu bekommen. In einer anderen Kiste im selben Regal hatte R. seine Hilfsmittel für den Missbrauch der Kinder versteckt.

Ein Urteil im Missbrauchsprozess gegen Marcus R. wird für Ende Februar erwartet.

Hintergrund

Die psychiatrische Begutachtung des Angeklagten übernimmt Nahlah Saimeh, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie. Sie leitete 18 Jahre lang Kliniken für Forensische Psychiatrie. Sie hat sich auf die Begutachtung von schweren Gewalt- und Sexualdelikten spezialisiert und befasst sich mit der Schuldfähigkeitsbeurteilung und Gefährlichkeitsprognose. Sie war auch mit dem „Horror-Haus Höxter“ befasst.

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