Wermelskirchen

Klimawandel ist nicht das größte Problem: Worüber Landwirte sich ärgern

Torsten Mühlinghaus auf seinem Landwirtschaftsbetrieb vor dem „Gülle-Fass“, einer Maschine, deren Anschaffung einen sechsstelligen Betrag gekostet hat.
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Torsten Mühlinghaus auf seinem Landwirtschaftsbetrieb vor dem „Gülle-Fass“, einer Maschine, deren Anschaffung einen sechsstelligen Betrag gekostet hat.

Ortslandwirt Torsten Mühlinghaus ist nicht besorgt über das Wetter, sondern über die Politik

Von Peter Klohs

Wermelskirchen. Der Klimawandel ist im vollen Gange, Regen ist Mangelware geworden, die Böden sind zu trocken, dazu die Inflation, die Preise steigen in ungeahnte Höhen, und noch der Ukrainekrieg. Man sollte meinen, dass den Landwirten in der Region die Probleme über den Kopf wachsen. Dass dies nicht unbedingt so ist, da das wahre Problem der Landwirte auf gänzlich anderem Terrain zu suchen ist, erläutert der Sprecher der Wermelskirchener Landwirte, Torsten Mühlinghaus.

„Ein trockenes Jahr hat noch nie einen Bauern vom Hof gejagt“, zitiert Mühlinghaus ein älteres bergisches Sprichwort. „Und selbst bei einigen trockenen Jahren in Folge und generell bei allen unvorhergesehenen Ereignissen: Man muss immer einen Plan B in der Tasche haben.“

Ja, die Böden seien trocken, aber die Regenfälle in der Wochenmitte haben ein wenig geholfen. „Das waren immerhin 30 Millimeter. Dem Mais reicht das erst einmal. Das Gras könnte noch ein bisschen gebrauchen.“ Außerdem sei zu viel Regen genau so schädlich wie zu viel Sonne ohne Regen. „Die Mischung macht's.“

Zudem seien die Erträge im Vorjahr, das recht feucht war, sehr gut gewesen, so dass man Rücklagen habe bilden können. „Bisher sieht es für 2022 normal aus“, konstatiert der Landwirt. „Ich erwarte gute Durchschnittserträge.“

Landwirten fehlen Arbeitskräfte - Sorgen bereitet der Wolf

Es fehle an Arbeitskräften, weiß Mühlinghaus, aber das betreffe ja schließlich die gesamte Wirtschaft. „Agrarfacharbeiter werden bei uns gesucht.“ Ein wenig Sorgen macht er sich um die Verbreitung des Wolfs. „Wenn der Wolf in die Kulturlandschaft einwandern sollte, dann kann ich die Weidehaltung für meine Milchkühe einstellen. Der Wolf hat in Kulturlandschaften nichts zu suchen.“

Auch durch Corona ist der Betrieb in Mittelrautenbach vergleichsweise gut gekommen. „Das haben wir hier auf dem Land sowieso nicht so stark mitbekommen wie die Menschen in den Städten“, ist Mühlinghaus sicher. Außerdem sorgt er sich um die explodierenden Preise, im Besonderen für Futter- und Düngemittel. „Und die Zeiten ‚Heute bestellt – morgen da‘, die sind erstmal vorbei.“

Politik sei zu unberechenbar geworden

Aber das wahre Problem der Landwirte ist nicht naturbedingt und auch nicht finanzabhängig. „Unser größtes Problem“, sagt Mühlinghaus, „ist die Unberechenbarkeit der Politik. Wir haben keine Planungssicherheit mehr. Da werden zugesagte Fördergelder von heute auf morgen in andere Bereiche umgelagert, und das ganze dann auch noch ungenügend kommuniziert. So sind Feldbestellungen für 2023 eigentlich gar nicht möglich.“

Die Landwirtschaft, erklärt er, ist ein gut geöltes Getriebe. „Und wenn nun Leute daherkommen und meinen, man könnte hier und da Zahnräder austauschen, ohne die Funktion des Ganzen zu beschädigen, dann irren sie. Das funktioniert so nicht. Und wenn in der Landwirtschaft einmal eine Tür zugemacht worden ist, dann bleibt die geschlossen, glauben Sie mir.“

Extrem ärgert er sich darüber, dass man auf den verschiedenen Ebenen in verschiedenen Zeiten denkt. „Sehen Sie“, sagt er, „unser Familienbetrieb besteht seit 190 Jahren. Wir denken in Generationen. Und die Politiker von heute denken in Wahlperioden. Dass sich das reibt, ist doch klar.“

Landwirt sei der schönste Beruf, den man sich vorstellen könne, erklärt Mühlinghaus: sehr abwechslungsreich zwischen Buchhaltertätigkeit, Feldarbeit und Tierarzt, der man auch sein müsse. „Und da mischen sich jetzt Leute ein, die keine Ahnung von der Materie haben und dafür sorgen, dass die Jugend sich von der Landwirtschaft abwendet.“

Außerdem sorge die momentane Politik dafür, dass Deutschland zum Lebensmittel-Importeur werde. „Und das hätten wir gar nicht nötig. Europa könnte sich mit den eigenen Lebensmitteln sehr gut ernähren. Der Schlüssel heißt: intensive Landwirtschaft.“

Aber trotz aller Probleme wird Torsten Mühlinghaus seinen Betrieb weiterführen. „Zumindest noch ein paar Jahre“, kündigt er an.

Hintergrund

Torsten Mühlinghaus wurde 1967 in Wermelskirchen geboren und hat seinen landwirtschaftlichen Betrieb vom Vater übernommen. Alles in allem kümmert er sich auf rund 120 Hektar um etwa 200 Tiere, alles Milchkühe oder zukünftige Milchkühe. Der Betrieb besteht nunmehr in der siebten Generation. Die Vorfahren der Familie stammten aus dem niedersächsischen Hannoversch Münden.

„Ob ich das zweihundertste Jubiläum noch als aktiver Landwirte erlebe, ist noch nicht klar“, sagt Mühlinghaus. Das wäre 2028. Dann ist er knapp über 60 Jahre alt.

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