Einzelhandel

Jörg Michels: Das Geschäft hat sich verändert

Findet das Geschäft mit Männermode „heutzutage entspannter“: Jörg Michels. Foto: Anja Carolina Siebel
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Findet das Geschäft mit Männermode „heutzutage entspannter“: Jörg Michels.
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„Bridemaker“ hat nach der Corona-Zeit bemerkt, dass die Kundenbedürfnisse andere geworden sind.

Wermelskirchen. Frauen sind anspruchsvoller in der Auswahl ihrer Kleidung. Das ist kein allgemeingültiger Satz, aber es ist die Erfahrung, die der Wermelskirchener Unternehmer Jörg Michels, Betreiber der Hochzeitsstraße und des Modegeschäfts Sweetex, insbesondere nach der Corona-Zeit gemacht hat. „Wir als Einzelhändler vor Ort können den besonderen Wünschen – vor allem der Kundinnen – oft nicht mehr nachkommen.“

Daran habe zuvorderst der Internethandel großen Anteil. Denn: „Die Frauen haben ein bestimmtes Teil vor Augen, zum Beispiel eine Strickjacke. Sie äußern bei mir im Laden diesen Wunsch und ich bestelle 20 verschiedene Jacken. Oft mache ich dann die Erfahrung, dass sie auch mit diesem Angebot nicht zufrieden sind, weil sie sich einfach etwas anderes vorgestellt hatten. Im Internet machen sie es sich da einfacher. Bestellen zehn Jacken und nehmen schließlich die, die ihren Wünschen entspricht. Da komme ich einfach nicht mehr mit.“

Die Frau, die durch die Stadt bummelt und „einfach mal hier und da schaut“ gebe es nur noch sehr selten. „Alle sind viel zu beschäftigt und haben für sowas keine Zeit mehr.“ Zudem habe er beobachtet, dass Wermelskirchen längst nicht mehr die Einkaufskultur besitze, die noch vor zehn Jahren gegeben war. „Man muss gerne laufen, wenn man hier einkaufen geht. Es ist nicht alles dicht beieinander. Damals waren die Bedürfnisse andere.“

Als Händler muss man auch entertainen können.

Jörg Michels

All das zusammengenommen bewegte Jörg Michels zu dem Schritt, den er schon vor einigen Monaten bekanntgegeben hatte: Er gibt das Damen-Sortiment in seinem Laden an der Carl-Leverkus-Straße komplett auf. Und macht daraus die „Anzugs-Kultur“, Ein Geschäft mit Anzügen für den Herren. Am A-la-Carte-Wochenende Ende Oktober läuft der Ausverkauf der kompletten Damenmode im Geschäft. „Was dann nicht weggeht, muss ins Osterfeuer“, scherzt er. Innerhalb einer Woche soll dann die obere Etage des Ladenlokals mit einer weiteren Anzugsabteilung bestückt werden. Am 5. und 6. November soll Eröffnung sein.

Die „Anzugs-Kultur“ soll ein Teil von Michels’ Hochzeitsstraße werden. Denn der Unternehmer ist vorwiegend mit Brautmode im Geschäft. „Während die Braut ihr Kleid aussucht, kann der Bräutigam dann künftig entspannt bei uns seinen Anzug kaufen.“ Einen besonderen Höhepunkt für den Einkauf der Herren hat sich Michels auch schon ausgedacht: „Wir werden eine große Ecke mit Whisky, Gin und Zigarren einrichten, an der sich die Herren bedienen können“, kündigt der Unternehmer an. Er will dort auch regelmäßig Whisky- und Gin-Tastings anbieten und die edlen Tropfen auch verkaufen.

20 Mitarbeiterinnen – alles Frauen – werden auch weiterhin in der Hochzeitsstraße beschäftigt sein – und in der „Anzugs-Kultur“ mitarbeiten. „Uns ist die kompetente Beratung sehr wichtig“, sagt Michels. Wichtig sei ihm indes auch immer das Drumherum. „Als Händler muss man auch entertainen können. Wenn der Mann beim Anzugskauf sein Bier oder seinen Whisky trinken und vielleicht eine Zigarre rauchen kann, das ist schon eine ganz andere Atmosphäre, als wenn er einfach nur einkaufen würde.“

Während des Corona-Lockdowns voriges Jahr habe er sich Gedanken gemacht, wie er sein Unternehmen künftig aufstellen könnte. „Da kam einiges ans Licht, was noch geht und was eben nicht mehr. Die Damen-Branche gehört für mich dazu. Ich möchte ja zufriedene Kunden – und ich selbst möchte auch zufrieden sein. Wenn ich die Wünsche praktisch nie erfüllen kann, dann frustriert das die Kundinnen und mich auch.“ Bald soll es zudem einen Online-Handel bei Michels geben. Dazu will er aber noch nicht allzu viel verraten. | Standpunkt

Unternehmer

Jörg Michels polarisiert gerne und überrascht immer wieder mit ungewöhnlichen Ideen. Jüngst ließ er sich als Brautausstatter den Begriff „Bridemaker“ auf die Stirn tätowieren und erntete mit dieser Entscheidung nicht nur Anerkennung, sondern auch Kritik und Schelte. Das stört ihn indes nicht. „Ich möchte einen hohen Wiedererkennungswert haben und dann habe ich vor dem Spiegel gestanden, festgestellt, dass ich nicht jünger werde, aber da kam mir dann die Idee für das ungewöhnliche Tattoo“, erzählt Jörg Michels.

Standpunkt

Kommentar von Anja Carolina Siebel

anja.siebel@rga.de

Ob nun Frauen tatsächlich die schwierigeren Kunden sind, das sei mal dahingestellt. Fakt ist aber, da hat Jörg Michels wohl recht: Die Ansprüche der Käufer haben sich in den vergangenen Jahren drastisch verändert. Große Einkaufszentren und nicht zuletzt der Internethandel versprechen bequemes Shoppen, quasi aus einer Hand, oder gleich von Zuhause aus. Die Corona-Lockdowns haben da ihr Übriges getan. Denn Einkaufen in den Geschäften war lange Zeit nicht möglich. Und viele werden sich an den Klick im Internet gewöhnt haben. Für den lokalen Einzelhandel macht es das nicht einfacher. Er muss sich auf die veränderten Bedürfnisse einstellen. In Wermelskirchen kommt tatsächlich hinzu, dass die Wege nicht kurz, die Läden nicht dicht beieinander sind. Das mag für manche kein Problem, für manche sogar attraktiv, für andere aber eher unbequem sein. Ladenschließungen aufgrund der Corona-Krise gab es in Wermelskirchen gottlob bisher nicht. Damit das so bleibt, ist aber Kreativität seitens des Handels nötig. Um den anspruchsvollen Kunden auch weiter gerecht werden zu können.

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