Einrichtungen sorgen sich um Personalmangel

Impfpflicht wirft Fragen in der Pflege auf - Eine ungeimpfte Mitarbeiterin berichtet

Ab dem 16. März soll die einrichtungsbezogene Impfpflicht gelten. Ungeimpfte Pflegekräfte könnten dann ihren Job verlieren. Foto: Sebastian Willnow/dpa
+
Ab dem 16. März soll die einrichtungsbezogene Impfpflicht gelten. Ungeimpfte Pflegekräfte könnten dann ihren Job verlieren.

Ines M. nimmt ein Berufsverbot in Kauf. Das sind ihre Gründe, sich nicht impfen zu lassen.

Von Anja Carolina Siebel

Wermelskirchen. Ines M. (Name der Redaktion bekannt), von Beruf Betreuungsassistentin in einem Seniorenheim, möchte sich nicht gegen das Corona-Virus impfen lassen. Und zwar deshalb, weil sie den auf dem Markt befindlichen Impfstoffen und ihren Inhalten nicht vertraue, sagt die Wermelskirchenerin. Auch nicht dem erst am Donnerstag von der Ständigen Impfkommission empfohlenen neuen Impfstoff Novavax. „Ich habe mich hinreichend informiert“, berichtet Ines M. „Und was ich gelesen habe, überzeugt mich nicht.“ Zudem sei sie Allergikerin und habe schon bei den Grippeimpfungen „große Probleme mit Nebenwirkungen.“

Wenn ab dem 16. März die von der Bundesregierung beschlossene einrichtungsbezogene Impfpflicht in Kraft tritt, könnte Ines M. deshalb ihren Job verlieren, zumindest aber von ihrer Arbeit freigestellt werden. Denn ihr Arbeitgeber muss den Impfstatus dem Gesundheitsamt weitergeben – und das könnte ein Berufsverbot für Ungeimpfte aussprechen. „Ich bin fassungslos darüber, dass eine Entscheidung über die eigene Gesundheit nicht jedem selbst überlassen bleibt“, sagt sie. Gleichwohl ihr Job ihr Spaß mache, würde sie aber in Kauf nehmen, nicht mehr arbeiten zu dürfen. „Impfen lassen würde ich mich aufgrund dessen auf keinen Fall“, ist die Wermelskirchenerin überzeugt. Und das auch, obwohl sie wisse, dass sie dann auch in keinem anderen Pflegeberuf mehr tätig ein könne.

Bei der Diakonie sind sechs von 200 Mitarbeitenden ungeimpft

Besorgnis aufgrund der neuen Verordnung für Einrichtungen im Pflege- und Gesundheitsbereich macht sich auch bei Peter Siebel breit. Der Geschäftsführer der Wermelskirchener Diakoniestation teilte am Donnerstag einen Offenen Brief der Ruhrgebietskonferenz, einem Zusammenschluss von mehr als 50 Arbeitgebern aus Pflegeeinrichtungen aus der Region. Darin fordern die Einrichtungen eine Aufschiebung der Frist für die einrichtungsbezogene Impfpflicht. Der Aufschub sollte laut Schreiben mindestens so lange dauern, bis bundesweit einheitliche Vorgehensweisen abgestimmt und verabschiedet sind. „Wir teilen diese Ansicht zu 100 Prozent“, sagt Siebel. Er fürchtet, dass es bei einer sofortigen Umsetzung zu Personalmangel in der Pflege noch in der Pandemie kommen könnte. Bei der Diakonie sind von insgesamt 200 Mitarbeitern sechs ungeimpft. Siebel: „Selbst auf die können wir aber nicht ohne weiteres verzichten.“ Er sei überzeugt, dass sich durch die Impfpflicht jene Mitarbeiter nicht zu einer Impfung bewegen lassen würden.

Es wären zudem in der Corona-Pandemie nicht nur die Ungeimpften dann freigestellt. „Zurzeit haben wir mit vielen Quarantäne-Fällen zu tun“, berichtet der Geschäftsführer der Diakonie. „Bei uns arbeiten überwiegend Frauen. Wenn es Positiv-Fälle in Kitas oder Schulen gibt und die Kinder zu Hause bleiben müssen, sind es meist sie, die die Betreuung übernehmen. Dienstplan-Sicherheit haben wir also im Augenblick überhaupt nicht.“

Hinzu kämen viele offene Fragen, bestätigt Roland Weigel als Koordinator der Ruhrgebietskonferenz Pflege. Beispielsweise sähe das Gesetz vor, dass von der Impfpflicht abgesehen werden könne, wenn die Versorgungssicherheit gefährdet sei. Unklar sei aber bisher, ob damit die Versorgungssicherheit der Region oder einer einzelnen Einrichtung gemeint sei.

Zugleich müssten die Arbeitgeber für den Gesetzgeber die arbeitsrechtlichen Konsequenzen des Bundesgesetzes, die scheinbar nicht ausreichend bedacht worden seien, klären. Denn bei unterschiedlichen Abläufen und unklaren Kriterien würden die Unternehmen eine Vielzahl von Arbeitsgerichtsprozessen erwarte, die Personalressourcen binden und Geld kosten würden. Ressourcen und Geldmittel, die an anderer Stelle dringend benötigt und in keiner Vergütungsverhandlung seitens der Pflegekassen anerkannt würden.“ Ines M. hofft, dass „irgendwas passiert, was das Gesetz noch abwendet. Denn ich möchte weiterarbeiten. Meine Patienten brauchen mich.“

Hintergrund

Der Bundestag hat am 10. Dezember 2021 das Gesetz zur Stärkung der Impfprävention gegen Covid-19 und zur Änderung weiterer Vorschriften im Zusammenhang mit der Pandemie beschlossen. Am selben Tag hat der Bundesrat in einer Sondersitzung seine Zustimmung gegeben. Demnach soll es eine einrichtungsbezogene Impfpflicht ab 16. März geben, in Anlehnung an die Regeln zur Masernimpfpflicht.

Standpunkt: Nicht durchdacht

Kommentar von Anja Carolina Siebel

anja.siebel @rga.de

Der Ruf nach einer Impfpflicht ist einerseits nachvollziehbar. Immerhin sind die 80 Prozent, die Bundeskanzler Olaf Scholz sich zum Ziel für die kommenden Wochen gesetzt hatte, längst nicht erreicht. Und der Blick in andere Länder zeigt: Mit einer höheren Impfquote ist deutlich mehr an Lockerungen möglich. Aber derzeit schient niemand mehr so genau durchzublicken. Es gibt unzählige offene Fragen in dieser Phase der Pandemie. Zum Beispiel die, ob nach Omikron möglicherweise die ersehnte „endemische Lage“ eintreten könnte. Und in all dieser Unsicherheit – und vor allem mitten in der aktuellen Corona-Infektionswelle, die Mitte März sehr sicher noch nicht auf ein Minimum abgeebbt sein wird, soll nun die einrichtungsbezogene Impfpflicht kommen. Das wird auf jeden Fall noch mehr Unsicherheit bedeuten, vor allem für die Einrichtungen. Das Personal wird fehlen, und das in einer Zeit, in der es ohnehin viele Fehlzeiten aufgrund von Quarantäne-Maßnahmen gibt. Aber das Personal wird ja auch dauerhaft nicht mehr greifbar sein. Die einrichtungsbezogene Impfpflicht ist schlicht zu wenig durchdacht.

Das könnte Sie auch interessieren

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

Aus „Café Tilley“ wird „Süßes Leben“
Aus „Café Tilley“ wird „Süßes Leben“
Aus „Café Tilley“ wird „Süßes Leben“
Pflegekräfte bestehen ihre Ausbildung
Pflegekräfte bestehen ihre Ausbildung
Pflegekräfte bestehen ihre Ausbildung
CVJM Hünger veranstaltet Trödel
CVJM Hünger veranstaltet Trödel
CVJM Hünger veranstaltet Trödel
Er will die Obi-Geschichte fortführen
Er will die Obi-Geschichte fortführen
Er will die Obi-Geschichte fortführen

Kommentare