Lockdown

Händler fürchten komplette Schließung

Wolfgang Müllenmeister (Holzwürmchen) nimmt die Krise mit schwarzem Humor. Archivfoto: Jennifer Preuß
+
Wolfgang Müllenmeister (Holzwürmchen) nimmt die Krise mit schwarzem Humor. Archivfoto: Jennifer Preuß
  • Anja Carolina Siebel
    VonAnja Carolina Siebel
    schließen

Das Prinzip Click and Meet funktioniert bei den meisten gut – Die Kunden nehmen es auch an.

Wermelskirchen. Wolfgang Müllenmeister erträgt die Krisensituation mit einem gewissen Zynismus. „Den Lockdown“, sagt der Spielwarenhändler vom Holzwürmchen an der Kölner Straße, „den nenne ich immer Schließmuskelkrampf. Meine Kunden müssen meistens darüber lachen.“ Das Coronavirus und dessen Ausbreitung nehme er durchaus sehr ernst, die politischen Entscheidungen indes könne er schon lange nicht mehr nachvollziehen. Sorge bereitet Müllenmeister eher nicht seine eigene Existenz: „Ich komme schon durch, auch finanziell“, sagt er. Immerhin hat er mit seinem Geschäft, in dem er seit Jahren hochwertige Spielwaren verkauft, ein kleines Monopol in der Stadt.

Sorge bereitet Müllenmeister aber die Stimmung der Menschen. „Sie lugen hier teilweise herein zur Ladentür, als hätten sie beim Hereinkommen etwas zu befürchten. Ich rufe dann immer ,Willkommen im Freistaat Holzwürmchen‘ und dann lachen wir und das Eis ist gebrochen.“

Sorge bereiten ihm auch die Kinder. „Wenn ein heute Achtjähriger schon seinen siebten und jetzt auch seinen achten Geburtstag nicht feiern durfte, dann ist das schon traurig“, findet der Unternehmer. „Ich habe hier zu normalen Zeiten 50 bis 60 Geschenke-Körbe für Kindergeburtstage stehen; jetzt sind das gerade einmal drei.“ Er sehe gestresste Mütter, denen die Kombination aus Homeoffice und Homeschooling über den Kopf wachse. „Das ist alles nicht lustig“, sagt Müllenmeister.

Gestressten Eltern begegnet derzeit auch Jochen Schmees in seinem Ladenlokal. Das Geschäft in seinem Krämerladen, etwas oberhalb des Holzwürmchens an der Kölner Straße, leide unter dem Lockdown, berichtet der Jungunternehmer. Zwar durfte er seinen Laden die ganze Zeit über offen halten, weil er Lebensmittel verkauft. „Aber man hat gemerkt, dass die Leute eben nicht täglich in der Stadt sind und mal eben reinschauen.“ Viele Eltern, die sonst Stammkunden seien, deren Kinder jetzt aber tagsüber zu Hause lernen und spielen müssten, seien zu gestresst, um in Ruhe im Unverpackt-Laden zu shoppen. „Manche Mütter kommen dann abends, wenn der Papa auf die Kinder aufpassen kann, aber eben nicht alle.“

Im Krämerladen können Kunden online bestellen

Schmees bietet seinen Kunden deshalb neuerdings die Möglichkeit, online zu bestellen. Er liefert die Waren mit seinem Lastenrad aus. „Das ist gerade erst angelaufen, ich muss mal schauen, wie das angenommen wird“, sagt er.

Stefan Rojewski, Textilunternehmer und Sprecher der Wermelskirchener Einzelhändler, kann sich indes über Betrieb in seinen beiden Bekleidungsgeschäften Male und Female an der Telegrafenstraße nicht beklagen. „Seit unsere Kunden mit Termin einkaufen dürfen, läuft es richtig gut“, sagt er. Nicht alle Kunden würden sich vorab einen Termin holen. „Das müssen sie auch nicht; wir dürfen ja pro 40 Quadratmeter einen Kunden hereinlassen. Das sind pro Geschäft fünf bis sieben Kunden. Die können wir auch so reinlassen, wenn sie vor der Tür stehen.“ Rojewski hofft, dass die Geschäfte nicht in absehbarer Zeit durch die hohen Inzidenzen wieder schließen müssen. „Inzwischen wird das alles zäh“, sagt der Geschäftsmann. „Beim ersten Lockdown voriges Jahr wussten wir ja noch, wir haben jetzt vier Wochen zu, und können dann normal weiterarbeiten. Derzeit ist alles unklar und undurchsichtig. Das zehrt schon an den Nerven.“

Ulrike Schnütgen (Quick-Schuh) hofft zusammen mit ihren Mitarbeitern ebenfalls, dass sie ihr Geschäft weiter zumindest mit dem Click-and-Meet-Konzept geöffnet haben darf. „Die Kunden sind froh, endlich wieder ein bisschen shoppen zu können. Gerade jetzt, bei dem tollen Frühlingswetter.“ Ulrike Schnütgen wäre auch damit zufrieden, wenn die Kunden sich vor dem Einkauf testen lassen müssten. „Sie haben ja dann immerhin einen ganzen Tag, an dem sie einkaufen und sich frei in der Stadt bewegen können. Ich finde es ohne Test natürlich unkomplizierter, aber immerhin wäre diese Lösung besser als eine erneute Schließung.“

Hintergrund

Die Notbremse, die gemäß Corona-Schutzverordnung wieder Schließungen und Einschränkungen vorsieht, gilt aktuell noch nicht für den Rheinisch-Bergischen Kreis. Ab wann diese Einschränkungen gelten, hängt von der Inzidenzzahl ab. Liegt diese dauerhaft über 100, kann das Land die Notbremse aussprechen. Das ist beispielsweise aktuell für 31 Kreise und Städte verfügt worden. Eine Übersicht über betroffenen Kommunen gibt es auf der Internetseite des NRW-Gesundheitsministeriums.

Standpunkt

Von Anja Carolina Siebel

anja.siebel@rga.de

Das Argument wird häufig angeführt. Und irgendwie ist es auch – wie so manches dieser Tage – nicht wirklich logisch. Während sich in den großen Discounter-Märkten und Lebensmittelgeschäften gerade zu Stoßzeiten nach Feierabend oder an Samstagen die Menschen nur so knubbeln, dürfen die Einzelhändler, die keine Lebensmittel verkaufen, ihre Kunden nur eingeschränkt bedienen. In einigen Städten, unter anderem in Remscheid, ist bereits die sogenannte Notbremse in Kraft. Das heißt, man kann nur im Internet die Ware bestellen und dann im Geschäft abholen. Durch die Läden gehen und stöbern? Ist nicht mehr. Die Frage ist, warum gerade im Einzelhandel dann nicht zumindest mit der Teststrategie arbeiten, statt zu überlegen, die Läden wieder komplett dichtzumachen – der Rheinisch-Bergische Kreis behält sich das derzeit abhängig von der Inzidenz noch vor. Mit negativem Schnelltest, FFP2- oder medizinischer Maske und gebührendem Abstand dürfte es doch nicht riskanter sein, sich ein paar Schuhe zu kaufen als dicht gedrängt mit 20 Mann den Ostereinkauf an der Supermarktkasse zu bezahlen.

Das könnte Sie auch interessieren

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

Medizinerin eröffnet neue Hautarztpraxis
Medizinerin eröffnet neue Hautarztpraxis
Medizinerin eröffnet neue Hautarztpraxis
Zehn Fragen an Ilhan Bielefeld
Zehn Fragen an Ilhan Bielefeld
Zehn Fragen an Ilhan Bielefeld

Kommentare