Coronavirus

Bürger kritisieren „Spaziergänge“

„Spaziergänger“ gehen durch die Straßen und demonstrieren gegen die Corona-Regeln und die Impfung. So auch einige Wermelskirchener. Das wird von anderen Wermelskirchenern kritisiert.
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„Spaziergänger“ gehen durch die Straßen und demonstrieren gegen die Corona-Regeln und die Impfung. So auch einige Wermelskirchener. Das wird von anderen Wermelskirchenern kritisiert.

Auf einer Unterschriftenliste haben seit Donnerstag 150 Wermelskirchener unterschrieben.

Von Anja Carolina Siebel

Sie wollen sich dazu bekennen, Teil einer großen Solidargemeinschaft zu sein. Sie vertrauen der Wissenschaft, sprechen sich für die Impfungen gegen das Coronavirus aus. Und: Sie wollen nicht mit „marschieren“ oder mit „spazieren“, wenn „Initiatoren der Impf-Proteste die Pandemie als Vorwand nutzen, Wissenschaftsfeindlichkeit zu verkünden, Unruhe zu stiften, Ängste zu schüren und unsere Demokratie zu gefährden.“

Das betonen die bisher rund 150 Wermelskirchener, die seit Donnerstag auf einer öffentlichen Unterschriftenliste unterzeichneten. Initiiert haben die Aktion einige engagierte Menschen aus der Stadt. Eine davon ist Dorothea Hoffrogge, Vorsitzende der Flüchtlingsinitiative „Willkommen in Wermelskirchen“. „Wir sehen die sogenannten Spaziergänge, zu denen sich montags auch immer mehr Wermelskirchener formieren, mit Sorge“, sagt Dorothea Hoffrogge. Eine große Sorge gelte vor allem jenen, die sich vielleicht aus gesundheitlichen Bedenken bisher nicht hätten impfen lassen, und „mitgezogen“ würden. „Wir beobachten, dass diese Veranstaltungen häufig von politisch rechts orientierten, teils radikalen Menschen begleitet, wenn nicht initiiert werden“, sagt Wolfgang Horn, der ebenfalls zu den Ideengebern der Unterschriftenliste zählt. „Das könnte die Mitläufer stark beeinflussen.“

Initiatorin sieht Demokratie gefährdet

Dorothea Hoffrogge geht noch weiter: „In fast 60 Jahren, in denen ich auf dieser Welt lebe, habe ich niemals unsere Demokratie in Gefahr gesehen. Jetzt leider schon. Deshalb sehen wir uns veranlasst, zu handeln und Gesicht zu zeigen.“

Und damit sind sie bei Weitem nicht alleine in der Stadt. Unterzeichnet haben die Liste Menschen aus sämtlichen Gesellschaftskreisen: Ärzte, Journalisten, Pfarrer, Lehrer, Mitglieder demokratischer Parteien, Kulturschaffende, Künstler und etliche Privatpersonen.

Auch die Stadtspitze hat sich angeschlossen. Unter anderem die Bürgermeisterin und ihre beiden Stellvertreter. „Uns war wichtig, zu dokumentieren, dass die ganz große Mehrheit der Menschen kein Problem mit den politischen Maßnahmen der Regierung zur Bekämpfung der Corona-Pandemie hat“, unterstreicht die Bürgermeisterin. „Der überwiegende Teil der Menschen möchte mit einer Impfung gemeinschaftlich dafür Sorge tragen, die Pandemie zu bekämpfen und sich gegenseitig zu schützen. Deshalb möchten wir einer Minderheit nicht das Feld überlassen.“ Marion Lück betont indes auch, dass die „Spaziergänge“ in Wermelskirchen bisher friedlich abgelaufen seien und jeder innerhalb einer Demokratie ja auch das Recht hätte, seine Meinung öffentlich kundzutun. „Mir erschließt sich aber nach wie vor nicht, warum sie das nicht in Form einer angemeldeten Demonstration oder Kundgebung machen“, sagt Marion Lück.

Schon bald könnte es eine Gegendemonstration geben

Eine Gegen-Kundgebung könnte es bald aber schon in der Stadt geben. Und zwar auf Initiative der Unterzeichner der Unterschriftenliste gegen den Widerstand. Stefan Leßenich, CDU-Stadtverbandsvorsitzender und stellvertretender Bürgermeister, will diese Idee zumindest mit den Vertretern der demokratischen Parteien besprechen. „Ich finde, auch wir müssen Flagge zeigen, um vor allem der zum Teil besorgten und sogar verängstigten Bevölkerung zu zeigen, dass ein großer Teil der Menschen die Maßnahmen mit trägt und sich solidarisch verhält.“ Auch Leßenich spricht an, Bedenken zu haben, dass die Gruppierung der Maßnahmen-Kritiker von Radikalen unterwandert würden. „Das sieht man ja in einigen Städten bereits.“

Dorothea Hoffrogge kann sich ebenfalls vorstellen, eine friedliche Kundgebung als Gegenveranstaltungen zu den „Spaziergängen“ zu initiieren. „Wir haben das ja schon öfter zu anderen Anlässen getan“, erzählt sie. „Mit der Flüchtlingsinitiative beispielsweise oder zum Gedenken an die Reichspogromnacht. Ähnlich könnte ich mir das auch vorstellen. Vielleicht auch verbunden mit einer Andacht.“ Dorothea Hoffrogge kündigt an, sich deshalb mit den demokratischen Parteien kurzschließen zu wollen.

Hintergrund

Seit Donnerstag macht die Unterschriftenliste der Wermelskirchener die Runde. „Wir sind aktuell auf dem Weg zu einer überwältigenden Mehrheit, die sich aus purer Vernunft für die Impfung entscheidet. Sollte uns allen in den kommenden Tagen und Wochen eine entschieden höhere Impfquote als heute gelingen, brauchen wir auch keine Impfpflicht. Das heißt, Sie, wir alle haben es in der Hand, in unserer eigenen Hand“, heißt es darin.

Standpunkt: Richtige Reaktion

Kommentar von Anja Carolina Siebel

anja.siebel @rga.de

Die einen brüllen „Wir sind das Volk“, schmieren mit Kreide Parolen auf die Straße und formieren sich zu unangemeldeten „Spaziergängen“. Und die große andersdenkende Mehrheit steht schweigend und entsetzt daneben. „Bloß nichts sagen, bloß den Krawallmachern keine Lobby geben“, hieß es lange. In vielen Städten haben sich die Bürger bereits zu friedlichen Gegendemonstrationen oder pro demokratischen Kundgebungen aufgemacht. Und das soll nun auch in Wermelskirchen passieren. Richtig so. Denn es wird Zeit, dass jenen, die sich unbemerkt in obskuren sozialen Netzwerken namen- und gesichtslos zu ihren vermeintlichen „Spaziergängen“ formieren, Regierung und unabhängige Presse darin aufs Übelste beschimpfen, konstruktiv und gewaltlos Paroli geboten wird. Es wird Zeit, dass aufgeräumt wird mit dubiosen Theorien über die vermeintlich todbringende Wirkung von Schutzimpfungen und den Gerüchten, dass all das auch noch von „ganz oben“ so gewollt sei. Je mehr Menschen sich äußern und öffentlich Kritik üben, umso besser. Und vor allem tun sie es mit Klarnamen und mit Gesicht.

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