Kritik an „Spaziergängern“

100 Bürger setzen Zeichen für Demokratie

Die Veranstaltung am Montagabend auf dem Rathaus-Vorplatz dauerte eine knappe Stunde. Fotos: Doro Siewert
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Die Veranstaltung am Montagabend auf dem Rathaus-Vorplatz dauerte eine knappe Stunde.

Eine Bürgerinitiative hatte zu einer angemeldeten Kundgebung am Rathaus eingeladen.

Von Anja Carolina Siebel

Demokratie, Zusammenhalt und Gesundheit – das waren zentrale Begriffe am Montagabend auf dem Vorplatz des Rathauses. Dort hatte die „Bürgerinitiative für Solidarität und Gesundheit“ zu einer angemeldeten Kundgebung eingeladen. Es ging den Veranstaltern darum, in der Corona-Pandemie ein Zeichen zu setzen – für die geltende Demokratie, für das Impfen und gegen Wissenschaftsfeindlichkeit und Hass.

Wissenschaftsjournalist Armin Himmelrath führte als Moderator durch die Veranstaltung.

Der Journalist Armin Himmelrath führte als Moderator durch die knapp einstündige Veranstaltung. Der Wermelskirchener kritisierte deutlich die sogenannten „Spaziergänger“, die sich auch an diesem Abend wieder in der Innenstadt versammelt hatten, um gegen die Corona-Maßnahmen zu demonstrieren. „Wir marschieren da nicht mit“, zitierte Himmelrath aus der Erklärung, die die Bürgerinitiative dieser Tage verfasst hatte und auf der bisher 300 Wermelskirchener unterschrieben haben.

„Die Mehrheit der Menschen in Wermelskirchen, im Bergischen und in ganz Deutschland verhält sich vernünftig, solidarisch und rücksichtsvoll“, sagte Himmelrath. Restaurants und Einzelhändler würden Schutzmaßnahmen umsetzen, Kultureinrichtungen hätten zum Wohl aller Menschen ihren Betrieb stark eingeschränkt oder ganz eingestellt. „Viele Unternehmen versuchen, mit Impfungen, Quarantänen und Tests ihre Produktion auch in der Pandemie aufrecht zu erhalten. Viele haben Angst um ihre Existenz“, so Himmelrath weiter.

Pandemie-Bekämpfung ist „Aufgabe für die Gesellschaft“

Und: „Wir alle wissen, dass die Bekämpfung der Pandemie eine Aufgabe für unsere ganze Gesellschaft ist. Wir können die Pandemie nur gemeinsam bewältigen, wenn wir solidarisch handeln und im Vertrauen auf die Errungenschaften und Empfehlungen der Wissenschaft neben dem eigenen Schutz vor allem den jener Menschen im Auge behalten, die sich wegen ihres Alters, ihrer Vorerkrankungen, ihrer Behinderung selber nicht ausreichend schützen oder etwa auch impfen lassen können.“

Bürgermeisterin Marion Lück war zusammen mit dem ehemaligen Stadtoberhaupt Rainer Bleek zur Veranstaltung gekommen – und ging auch zusammen mit ihm ans Mikrofon. Sie berichtete davon, schon mehrfach E-Mails mit Drohungen erhalten zu haben, auch an diesem Tag wieder. „Ich lade die Menschen, die so etwas tun, auch weiterhin ein, mit mir, mit uns ins Gespräch zu kommen. Kritik an den Maßnahmen ist zu akzeptieren, aber nicht auf diese Weise.“

Rainer Bleek rief dazu auf, sich Hass und Hetze friedlich entgegenzustellen: „Demokratie muss wehrhaft sein“, sagte der ehemalige Bürgermeister. „Wir müssen der Verbreitung falscher Tatsachen etwas entgegenstellen.“ Bleek lud jene, ein, die ob der momentanen Situation unsicher oder ängstlich seien, niederschwellige Hilfsangebote anzunehmen und sich bei Ärzten zu informieren.

Die Teilnehmer brachten Plakate mit, auf denen sie unter anderem für das Impfen warben und sich gegen so genannte „Querdenker“ aussprachen.

Besucher erinnern an Corona-Tote

42 Grablichter erinnerten die Besucher an die 42 Toten, die die Pandemie in Wermelskirchen gefordert hatte. Armin Himmelrath lud dazu ein, bei einer Schweigeminute dieser Verstorbenen zu gedenken.

Der ehemalige WGA-Redakteur Thomas Wintgen erinnerte in seiner Ansprache an die Masernimpfungen, die Ende der 1960er Jahre bei einer Minderheit der Gesellschaft ähnlich in der Kritik standen wie heute die Corona-Immunisierungen. Manfred Jetter, Pfarrer der Evangelischen Stadtkirchengemeinde, berichtete von „viel Unsicherheit und fehlendem Zusammenhalt, das alles bekommen auch wir in unserer Gemeinde zu spüren.“ Jetter wies darauf hin, dass die Gesellschaft auch nach der Pandemie noch zusammen agieren müsse und lud zu Gespräch uns Solidarität ein: „Das können wir auch bei uns in der Gemeinde, wir bieten an, zu uns zu kommen und sich zu öffnen.“

Nach einer Stunde, gegen 19 Uhr, war die Veranstaltung zu Ende. Zu diesem Zeitpunkt brachen die „Spaziergänger“ gerade zu ihrer Kundgebung vom Schwanenplatz aus auf.

Hintergrund

Seit zwei Wochen macht die Unterschriftenliste der Bürgerinitiative die Runde. „Wir sind auf dem Weg zu einer überwältigenden Mehrheit, die sich aus purer Vernunft für die Impfung entscheidet. Sollte uns allen in den kommenden Wochen eine entschieden höhere Impfquote als heute gelingen, brauchen wir auch keine Impfpflicht. Das heißt, Sie, wir alle haben es in der Hand, in unserer eigenen Hand“, heißt es darin.

Standpunkt: Nicht müde werden

Kommentar von Anja Carolina Siebel

anja.siebel @rga.de

Es waren immerhin rund 100 Menschen aus Wermelskirchen und der Umgebung, die sich am Montagabend am Rathausplatz eingefunden hatten. Aber es waren immer noch zu wenige, die dieses Zeichen gegen Hass und Hetz setzten. In Zeiten, in denen sich Menschen ohne Gesicht und Namen zusammenrotten, um bei unangemeldeten, sogenannten „Spaziergängen“ ihren Unmut kundzutun, in denen Journalisten, Lehrer und Personen der Öffentlichkeit bedroht und beleidigt werden – und in denen nichts Geringeres als die Demokratie in Frage gestellt wird, wird es Zeit aufzustehen. Der ehemalige Bürgermeister Rainer Bleek hat ganz recht, wenn er sagt, Demokratie müsse wehrhaft sein. Das kann sie vor allem auch ohne Gewalt und Hetze. Aber mit Deutlichkeit. Die Veranstalter der angemeldeten Kundgebung am Montag haben das gezeigt. Und damit auch bewiesen, dass es noch einen gewissen Zusammenhalt gibt. Schön wäre aber gewesen, wenn sich mehr Menschen hätten aufraffen können, mitzumachen. Denn wer soll es sonst sein, der sich Wissenschafts- und Regierungsfeindlichkeit mutig entgegenstellt?

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