Mein Blick auf die Woche in Wermelskirchen

Was hilft, wenn alle Gewissheiten hinweggefegt sind

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In Zeiten, in denen eine russische Staatsführung der gesamten Welt offen ins Gesicht lügt, gilt es, die Wahrheitsliebe der ihr unterstellten Medien kritisch zu betrachten, meint Chefredakteur Stefan M. Kob im Wochenkommentar.

Wir sind am Donnerstag tatsächlich in einer anderen Welt aufgewacht, wie es Außenministerin Annalena Baerbock nach dem russischen Angriff auf die Ukraine formulierte. In der Tat konnten sich die Nachkriegsgenerationen nicht mehr vorstellen, dass ein bewaffneter Überfall auf ein anderes Land in Europa außerhalb der Geschichtsbücher stattfindet. Dazu noch ein Konflikt, der aufgrund seiner Irrationalität durchaus das Zeug hat, sich zu einem Flächenbrand auszudehnen: Erste alarmistische Stimmen beschwören das Gespenst eines Dritten Weltkriegs.

Die Frage ist nur: In welcher Welt sind wir eigentlich am Abend zuvor eingeschlafen? Denn die 20er Jahre des neuen Jahrtausends haben fast alle sicher geglaubten Gewissheiten hinweggefegt. Schon auf den Ausbruch der Pandemie konnten wir nur reagieren, indem wir uns wie bei einem drohenden Raketenangriff in unseren heimischen Bunkern verschanzten, die Köpfe einzogen und auf die Entwarnung warteten. Die kam aber nicht. Nicht einmal mit den in einer unfassbaren Geschwindigkeit entwickelten Impfstoffen. Zum einen erweist es sich, dass die moderne Medizin nicht mit dem Mutationstempo der Coronaviren Schritt halten kann und die Impfungen eine Ansteckung nicht wirksam verhindern - wenn auch immerhin schwere Verläufe.

Zum anderen ist es der entfesselten Propaganda in den Echokammern des Internets gelungen, die Vakzine zu diskreditieren, ja zu dämonisieren, sodass eine ausreichende Impfquote nicht mehr zu erzielen ist. Mutmaßlich auch mit keiner wie auch immer gearteten Impfpflicht.

Studiert man die Quellen der Verschwörungsmythen, landet man schnell bei der Erkenntnis, dass auch Sender wie Russia Today an deren Verbreitung im Westen kräftig mithelfen. Das sollte der eine oder andere Impfgegner für sich überprüfen, ob die Motivation dieser “Informationen” nicht schlicht die ist, die Menschen zu verunsichern und die westlichen Gesellschaften zu destabilisieren: ein Mittel der hybriden Kriegsführung, das erschreckend effizient ist.

Wenn die russische Staatsführung der gesamten Welt offen ins Gesicht lügt, was soll man dann von der Wahrheitsliebe der ihr unterstellten Medien halten? 

Erschwerend hinzu kommt, dass auf jede überwunden geglaubte Krise die nächste folgte. In der erhofften Entspannung im Sommer spülte eine Jahrtausendflut nicht nur Häuser, Straßen und ganze Existenzen weg, sondern auch unser Gefühl, dass die moderne Welt spielend mit jeder Herausforderung fertig wird. Hinter der abflauenden Deltawelle stand die schreckenerregende Omikronwand. Den verheerenden Orkanen im Februar folgte der russische Sturm auf Kiew. Die Gewissheit, in einer Welt von Sicherheit und Beständigkeit einzuschlafen, die gibt es schon lange nicht mehr. 

Denn der blutige Angriffskrieg spielt sich direkt vor unserer Haustür ab: Zwischen den beiden Außengrenzen liegen minimal 640 Kilometer Luftlinie. Von Flensburg bis Rosenheim ist es weiter. Auch die Auswirkungen des Krieges spüren wir unmittelbar. Nicht nur als Energieverbraucher, die auf die ohnehin astronomischen Preise noch weitere Aufschläge verkraften müssen. Unsere Stadt wird wieder vor der Frage stehen, wie man sich auf mögliche Flüchtlingsströme vorbereitet. Die Bergische Industrie- und Handelskammer befürchtet, dass die im Städtedreieck dominierende Auto-, Chemie- und Maschinenbauindustrie besonders unter dem Embargo leiden wird – und damit der erhoffte Aufschwung nach Corona ausbleibt. 

Sind da Gebete, wie sie in der Walder Kirche stattfanden, gehisste Friedensflaggen vor dem Rathaus oder Protestmärsche gegen die Kriegstreiberei hilflose, sinnlose Gesten unserer Ohnmacht?

Im Gegenteil: Wenn wir schon in einer Welt aufwachen, die keiner mehr kennt und in der die Furcht droht Überhand zu gewinnen, dann ist es umso wichtiger, dass uns das Gefühl der Gemeinschaft und der Zusammengehörigkeit nicht auch noch abhandenkommt. Wie die Jahrtausendflut plötzlich die Menschen in ihrer Not vereinte und selbstlose Hilfsbereitschaft auslöste, so lassen uns diese Aktionen zusammenstehen, unabhängig von Religion, Parteizugehörigkeit oder Impfstatus. Das wäre immerhin ein Licht im tiefen Dunkel dieser Zeit. 

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