Geflüchtete aus der Ukraine

Warmes Willkommen in schweren Zeiten

Vorige Woche war ein Bus mit Hilfsgütern zur polnischen Grenze gefahren und hatte auf dem Rückweg Ukrainer mitgebracht. Hier die Helfer von „Willkommen in Wermelskirchen“.
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Vorige Woche war ein Bus mit Hilfsgütern zur polnischen Grenze gefahren und hatte auf dem Rückweg Ukrainer mitgebracht. Hier die Helfer von „Willkommen in Wermelskirchen“.
  • Anja Carolina Siebel
    VonAnja Carolina Siebel
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60 Geflüchtete aus der Ukraine machten am Donnerstag einen Zwischenstopp in Hilgen-Neuenhaus.

Wermelskirchen. Sie waren auf der Durchreise in Wermelskirchen. Aber bis sie Donnerstagnacht mit dem großen Reisebus weiterfuhren Richtung Leira in Portugal, hatten die 60 Kriegsflüchtlinge eine sichere Unterkunft: im Gemeindesaal der Evangelischen Kirche Hilgen-Neuenhaus. Dort war es wieder das große Team der Initiative „Willkommen in Wermelskirchen“, der Kirchengemeinde und der Stadtverwaltung, das sich kümmerte.

Bereits am Mittwochabend stellte eine Gruppe des Wermelskirchener Roten Kreuzes auf Initiative der Stadt 60 Feldbetten auf. Zwar fuhr der Bus mit den 60 Menschen, darunter meist Frauen und Kinder, die aus verschiedenen größeren Städten in der Ukraine stammen, bereits heute in den frühen Morgenstunden wieder zum nächsten Zwischenstopp in Frankreich. Aber zum Essen, Ausruhen und Rasten und zur Ruhe kommen blieb im Bergischen etwas Zeit.

Das Rote Kreuz hatte am Vorabend bereits 60 Feldbetten für die Menschen aufgestellt.

„Wir arbeiten hier Hand in Hand“, sagte Dorothea Hoffrogge von „Willkommen in Wermelskirchen“. Und meinte das durchaus wörtlich. Denn schon mehrere Stunden vor der Ankunft hatten mehr als 100 Helfende sich wieder bereitgemacht. Um zu kochen, zu backen, zu werkeln, zu organisieren.

Gemeindeköchin sorgt erstmal für warme Suppe

Karin Peter aus Bergisch Gladbach, die als Gemeindemitglied in Neuenhaus und Pädagogin am Berufskolleg auch aktiv bei „Willkommen in Wermelskirchen“ mitmacht, stellt sich als „Gemeindeköchin“ vor. Und man merkt ihr an, dass sie das mit Leidenschaft tut. Für andere da sein, ihnen Gutes tun. Und so sorgte sie dafür, dass die in Wermelskirchen rastenden Menschen zur Ankunft erstmal eine warme Suppe bekamen, später ein Abendessen. „Wir sind überwältigt von der Unterstützung aller, aber auch hiesiger Unternehmen“, erzählt sie. Und nennt beispielsweise die Bäckerei Kretzer oder die Metzgerei Daum & Eickhorn. „Da müssen wir bloß anrufen, dann fragen die schon, was wir brauchen.“ Für Karin Peter ist es auch etwas, was Wermelskirchen und Umgebung ausmacht. „Diese Hilfsbereitschaft haben wir auch schon 2014, als die Kriegsflüchtlinge aus Syrien herkamen, bemerkt, erinnert sie sich. „Da machen die Helfer hier auch keinen Unterschied.“

Zwischen ihren Kochtöpfen hört Karin Peter viele traurige Geschichten der Menschen aus den Kriegsgebieten. „Sie zeigen mir Bilder von ihrer Stadt, wie sie damals aussah und wie sie heute, im Krieg, aussieht. Das ist schon erschütternd.“ Aber es mache ihr auch Mut und tröste, „Teil eines großen Ganzen zu sein“, einem Netzwerk, das einfach helfe.

Dolmetscherin kam 2014 nach Burscheid

Teil dieses Netzwerks ist auch Tanja Nazarenko aus Burscheid. Sie hilft als Dolmetscherin aus. Im Jahr 2014 kam die 30-Jährige mit Mann und Kind aus Chmelnyzkyj in der Ukraine nach Deutschland. „Nach der Annexion der Halbinsel Krim fühlten wir uns nicht mehr sicher dort. Uns war klar, dass da etwas brodelt und wir nicht mehr bleiben möchten“, erzählt sie. Ob es noch jemanden gäbe, der zurückgeblieben sei in der alten Heimat. „Mein Papa“, sagt sie traurig. „Er ist 55 Jahre alt und rechnet jetzt damit, dass er noch im Krieg kämpfen muss. Wir telefonieren jeden Tag. Noch ist es recht ruhig bei uns in der Heimat. Aber es hat auch schon Einschläge gegeben; zum Beispiel in einen Fernsehturm.“

Dorothea Hoffrogge, die zurzeit all ihre Freizeit für die Flüchtlingsunterbringung und -betreuung opfert, sagt, sie sei „absolut berührt“ von so viel Engagement. „Wir haben ein riesiges Netzwerk aus 300 Ehrenamtlern, die alle zum Gelingen beitragen“, berichtet sie. Und das müsse nicht immer etwas Großes sein. „Es sind alles kleine Rädchen, die dann ein Ganzes ergeben. Das ist einfach faszinierend zu sehen und macht uns auch stolz und zufrieden.“ | Standpunkt

Initiative

„Willkommen in Wermelskirchen“ ist eine Initiative von Christen für Flüchtlinge und Asylsuchende in Wermelskirchen. Die Mitglieder möchten Zufluchtsuchende unterstützen, sich in der Gesellschaft zurecht zu finden. Das Gestalten einer Willkommenskultur sehen sie in der Tradition des christlichen Glaubens. Gastfreundschaft, Nächstenliebe, Barmherzigkeit und Fürsorglichkeit sind Werte, für die sie eintreten.

Standpunkt

anja.siebel@rga.de

Kommentar von Anja Carolina Siebel

Es ist zurzeit ein Wechselbad der Gefühle, das viele durchmachen. Entsetzen über die Kriegsereignisse und die schlimmen Schicksale der betroffenen Menschen auf der einen, Dankbarkeit über den Zusammenhalt und das große Engagement der Helfenden auf der anderen Seite. „Wir arbeiten Hand in Hand“, sagt Dorothea Hoffrogge von „Willkommen in Wermelskirchen“. Und das sagt sie nicht nur so, sondern das funktioniert auch genau so. Wer nach der Ankunft der 60 geflüchteten Menschen am Donnerstag einen Blick in die große Küche in der Stephanus-Gemeinde wagte, konnte das genau sehen. Es war ein buntes Treiben, aber alles und jeder hatte seinen Platz und seine Aufgabe. Dabei war erst wenige Stunden vor ihrer Ankunft bekannt geworden, dass die Menschen, die auf Initiative des Goethe-Instituts gekommen waren, einen Zwischenstopp im Bergischen einlegen wollten. Und doch hat wieder einmal alles reibungslos funktioniert. Die Initiative „Willkommen in Wermelskirchen“ hat längst und schon vor Jahren bewiesen, was sie leisten kann. Und das wird in solchen Zeiten immer deutlicher. Chapeau!

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