Versöhnen, aber nie vergessen

Großformatige Portraits von Zeitzeugen im Kreishaus: Was die Interviewten erlebt haben, sollen auch diese jungen Gymnasiasten einmal weitergeben können. ©
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Großformatige Portraits von Zeitzeugen im Kreishaus: Was die Interviewten erlebt haben, sollen auch diese jungen Gymnasiasten einmal weitergeben können. <br /> <i>©

Von Überlebenden des Nazi-Terrors hat Marie-Louise Lichtenberg einen Auftrag erhalten. "Geben Sie unsere Geschichten weiter. Denn von uns wird bald keiner mehr leben." Anneliese Knoop-Graf, deren Bruder als Mitglied der "Weißen Rose" 1943 ermordet wurde, war die Erste, die die Wermelskirchener Buchautorin inständig bat, die Erinnerungen von Zeitzeugen der Gräuel festzuhalten.

Drei Tage vor dem Gedenktag zur Befreiung des KZ Auschwitz, reichte Lichtenberg gestern Morgen im Bergisch Gladbacher Kreishaus deren Botschaften weiter. Wieder einmal.

Zur Eröffnung ihrer bekannten Foto-Wanderausstellung "Zwischen Glück und Grauen, Galdap und Gernika", die auf einem Interview-Buch mit 29 Holocaust-Opfern basiert, trugen Zehnt- und Elftklässler des Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasiums zwei Textpassagen vor. Gymnasiasten lasen in Deutsch und Französisch Ausgewählt hatten die Schüler Odette Bernhard, die im Sommer 1944 als junge Mutter von vier Kindern in Frankreich von der Gestapo gescheucht wurde, weil ihr Mann Robert in der Résistance (Widerstand) aktiv war. In Deutsch und Französisch lasen sie ihre Auszüge.

Die Gymnasiasten wurden damit einer Besonderheit des Interview-Buchs gerecht. Die Hauptschullehrerin war für ihre Recherchen durch Europa gereist. Weil das Vergessen nicht an Landesgrenzen halt machen sollte, wurden ihre einfühlsamen Porträts in fünf Sprachen übersetzt.

Die Schüler hatten sich als weiteres Schicksal Elke-Hannah Dutton ausgesucht. Ihre Eltern hatten sie 1938, damals 14 Monate alt, mit ihrem achtjährigen Bruder von Prag nach London ausfliegen lassen, um dem Zugriff des NS-Regimes zu entgehen. In einer Pflegefamilie und einem Quäker-Kinderheim wurden beide untergebracht. Vater Heinz, ein Jude, überlebte zwar die Deportation nach Theresienstadt, starb aber später in Auschwitz.

Mutter Irmgard folgte ihren Kindern nach England und teilte dort das bittere Los vieler Flüchtlinge: kaum Geld, mangelnde Sprachkenntnisse und Gefängnis wegen Spionage-Verdacht. Die langen Kriegsjahre hätten sie und ihr Bruder nie verkraftet. "Wir waren gefrorene Kinder", zitierten die Gymnasiasten. Marie-Louise Lichtenberg war die Erste, für die Elke-Hannah Dutton nach all den Jahrzehnten ihr Leiden aufarbeitete. "Sie hat sich ihr ganzes Leben nie mit der dunklen Vergangenheit auseinandergesetzt, alles verdrängt, für mein Buch-Projekt erstmals geöffnet", erklärte die 59-jährige Pädagogin den Ausstellungsbesuchern.

Der Kontakt war per Zufall entstanden. Auf der Leipziger Buchmesse, die Lichtenberg jährlich mit ihrem Schulleseclub besucht, hatte sie eine Cousine der Britin kennengelernt. "Trotz schwerer Hüftprobleme bin ich nach London geflogen, um sie zu interviewen", meinte Lichtenberg. Die Begegnung am Flughafen ließ die Schmerzen vergessen. "Es war sehr bewegend." Und am Ende habe sie von Elke-Hannah sogar Fotos und einen Stapel Dokumente in die Hand gedrückt bekommen.

Fragestellerin wie Interviewpartner forderte die Erinnerung an das Unfassbare alles ab. "Viele Schicksale haben mich an den Rand dessen gebracht, was ich glaubte, leisten zu können", stellte Lichtenberg gestern noch einmal fest. Bei den Opfern rissen alte Wunden auf. "Alle haben mir bestätigt, dass die Gespräche gut taten, weil sie halfen, Frieden schließen zu können." Den Zuhörern im Kreishaus schilderte die engagierte Geschichtslehrerin ihre Beweggründe. Seit 1990 beschäftigt sie sich mit den Folgen des Nationalsozialismus, 2006 besuchte sie privat erstmals Polen und Auschwitz. "Da wurde mir klar, dass ich mich dem Thema künstlerisch nähern will." Wie, vermittelte ihr ein Schüler, der Hugo Höllenreiners Biografie "Denk nicht, wir bleiben hier" in den Unterricht mitbrachte.

Der Sinto, der vier Konzentrationslager überlebte, brachte die Wermelskirchenerin auf die Idee: Sie wurde zur Zeugin der letzten Zeitzeugen. Zwei Jahre gab sie sich für die Realisierung des Buches, nach fünf war es fertig. Haben Sie bei Ihren Gesprächen Verbitterung oder Hass gespürt, wollte ein Herr im Publikum wissen. Nein, nie", antwortete Marie-Louise Lichtenberg: Davor habe ich größte Hochachtung. Allen Befragten ging es um Versöhnen und Verzeihen."

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