Unsere Straße: In Staelsmühle lebt eine intakte Gemeinschaft Alteingesessener

Das Dhünnsche Freibad in der Staelsmühle: Dieses Bild stammt aus der Sammlung von Herbert Heidemeyer, der gut mit der Dorfgeschichte vertraut ist.

Durchgangsverkehr ist für die Anwohner in der Staelsmühle zum Glück ein Fremdwort. Was für den zufälligen Besucher wie ein Refugium gestresster Großstädter am Rande Dhünns wirkt, ist tatsächlich überwiegend eine intakte Gemeinschaft Alteingesessener - und hat eine jahrhundertelange Geschichte.

1520 hat ein Stael von Uhlenbroich - das ist bei Opladen - in die Familie der Adligen von Berensterz (Bergstadt) eingeheiratet, deren Ländereien sich bis ins Tal der Kleinen Dhünn erstreckten. Abgabelisten aus der Mitte des 16. Jahrhunderts belegen, dass es damals dort schon Fruchtmühlen (Getreide) gab, die oft auch oder ausschließlich Knochen gemahlen haben.

Die Dhünnsche Mühle ist nur noch Geschichte; die Knochenmühle hat kein Mühlrad mehr; nur die Staelsmühle ist dank der Initiative von Dr. Peter Knüppel wieder "klappernde" Erinnerung. Er hat in die Familie Siebel eingeheiratet, die im Vorfahren Peter Siebel schon vor der 1723 erfolgten Übergabe der Berensterzschen Besitzungen in bäuerliche Hand an dieser Stelle eine Mühle errichtet hatte.

In fünfter Generation ist der 72-jährige Helmut Siebel einer der Mühlen-Nachfahren, der in die Familie Arns eingeheiratet und rund um das Haus Staelsmühle 7 bis 1996 rund 30 Jahre lang einen landwirtschaftlichen Betrieb unterhalten hat.

Das Haus ist ein echter Hingucker. Es wurde von den Brüdern Arns, die Zimmerleute waren, im ersten Viertel des 19. Jahrhunderts innen wie außen als Spiegelbild errichtet.

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Das Holz dafür wurde frisch geschlagen und bearbeitet; das Fundament entstand aus hiesiger Grauwacke, und für die Gefächer kam der Lehm aus zahlreichen Lehmkuhlen in der Umgebung. Kartoffeln, Getreide, Futteranbau und Grünlandwirtschaft gehörten jahrzehntelang zu Helmut Siebels Alltag wie ein paar Schweine und bis zu 25 Kühe.

Außerdem stand auf seinem Hof bis in die 1960er-Jahre der gekörte Ortsbulle für die Rinderzucht. Klaus-Dieter Buse, Wermelskirchens lebendes Geschichtsbuch und neben Helmut Siebel der älteste Staelsmühler, der seine schulische Laufbahn noch in der Dhünner Schule absolviert hat, erinnert sich lebhaft: "Wenn wir heimlich den Deckakt beobachtet und die Eltern gefragt haben, warum der schwere Bulle die arme Kuh besteigt, kriegten wir die Antwort: Das ist ein Test. Wenn die Kuh einknickt, wird sie geschlachtet..."

Helmut Siebel ist auch noch zum Pflügen aufs Feld mit dem Pferd gezogen und hat mit Pferd und Wagen über die unbefestigte Straße die Milch bis an den Dorfmarkt transportiert, wo sie für die weitere Verarbeitung nach Opladen abgeholt wurde. In den letzten Jahren seiner bäuerlichen Tätigkeit wurden alle zwei Tage 1.300 Liter vom Hof per Rohrleitung in den auf der asphaltierten Straße wartenden Tankwagen gepumpt.

Mitte der 1980er Jahre verbürokratisierten Milchkontingentierung und Schreibkram immer mehr die Landwirtschaft, und nach der Hofaufgabe hat Helmut Siebel alles Land verpachtet. So weiden heute als einzige Großtiere in der Staelsmühle nur noch Pferde und ein Esel direkt neben dem Siebelschen Haus.

Als Hobby pflegt Helmut Siebel heute Traktoren; neben einem Hanomag R 19 aus dem Jahre 1955 gehören ihm ein Werseler und ein Eicker "Königstiger", die er als Mitglied der Hückeswagener Freunde alter Traktoren auch in Schuss hält und gerne zu Traktoren-Oldtimertreffen fährt.

Sohn Carsten Siebel ist, angeregt durch seinen Patenonkel, seit sieben Jahren leidenschaftlicher Imker. Sein Handwerk hat er unter anderem bei Hans Hermann Koch gelernt. Es ist kein Lehrberuf - nur die Anmeldung beim Veterinäramt braucht es -, aber Carsten Siebel hat sich immer wieder durch Lehrgänge an der Landwirtschaftsschule in Münster und auf dem Lehrbienenstand in Bechen fortgebildet. Mit aktuell acht Bienenvölkern - vier bis fünf ist die Regel - liegt er über dem Durchschnitt, leidet aber in diesem Jahr unter dem langen Winter.

"Die Bienen fliegen erst ab 12 Grad Plus und brauchen 21 Tage, um auf die Außentemperatur zu reagieren. Das bedeutet, dass es in diesem Jahr keine Frühjahrstracht geben wird. Aber die Bienen finden hier im Umkreis von drei bis fünf Kilometern auch mit dem entlang der Kleinen Dhünn wachsenden eingeschleppten indischen Springkraut eine sehr abwechslungreiche Nahrung, die einen sehr bekömmlichen Honig ergibt."

"Wenn die Kuh einknickt, wird sie geschlachtet"

Klaus-Dieter Buse, erhielt als Kind erschöpfende Antworten auf denDeckakt eines schweren Bullen

Im dicht gedrängten Hofschaftskern überraschen zwei Hinweisschilder nach "Petershagen 220 km" und " Karlsruhe 360 km" auf dem Anwesen der Familie Wilfried Ulrich (früheres Lambeck-Haus): Heimwehzeichen der gebürtigen Karlsruherin und des Petershageners, die sich bei einem Kuraufenthalt kennengelernt haben und dann in die Dhünnsche Idylle gezogen sind.

Die Hofschaft war auch einmal autark. An der Staelsmühle gab es eine Bäckerei, und ab 1934 gab es bei Helene und Wilhelm Selbach bis Anfang der 70er Jahre im heutigen Haus Nr.9 (vorher Familie Winterhagen) einen Tante-Emma-Laden. Maggi, Essig und Öl wurden nach Bedarf abgefüllt, Kinder fanden Bonbons offen in großen Gläsern, und neben dem Laden trafen sich die Altvorderen Siebels, Müchers und Selbachs Samstagabend zum Klönen beim Schnäpschen.

Auch "Pille" Helmut, der letzte Jagdaufseher, der sein Revier zu Fuß durchstreifte, schaute gerne vorbei. Er deponierte immer Rucksack, Hund und Gewehr vor dem Haus und begegnete Einwänden, wie er die Waffe so draußen abstellen könne, mit dem Hinweis: "Versuch doch mal, die dem Hund wegzunehmen."

Heute ziert das Haus das von Hans-Willi Selbach in Schiefer gehauene Familienwappen: eine Salweide (früher hieß sie Selweide) thront über einem Bach, Pflug und Weberschiffchen, denn wie die meisten Häuser in Dhünn beherbergte auch dieses mal einen Webstuhl.

MORGENS EISKALT UND ABENDS URINWARM

SCHWIMMBAD In den 1930er Jahren bauten Dhünner an der Staelsmühler Straße auf halbem Weg zwischen dem Dorfkern und Staelsmühle ein Schwimmbad mit für Nichtschwimmer und Schwimmer abgeteilten Becken auf dem Gelände des heutigen Sportplatzes des SSV Dhünn. Wie das frühere Eifgen-Freibad war es weitgehend naturbelassen ohne betonierten Boden - den gab es teilweise erst 1955 -, von der Kleinen Dhünn durchfließend gespeist. Klaus-Dieter Buse und Helmut Siebel erinnern sich: "Morgens war das Wasser eiskalt und abends urinwarm."Forellen fanden sich ebenso im Wasser wie Schlingpflanzen, die Helmut Siebel gerne gegen einen kleinen Obolus des Bademeisters entfernte.Für die Jugend hatte das Bad auch einen hohen Aufklärungswert, denn die Umkleidekabinen für Mädchen und Jungen waren nicht räumlich getrennt. So hatte der Bademeister im Winter immer genug damit zu tun, die gebohrten Gucklöcher wieder zu verkleistern... Das vor dem Schwimmbad liegende Häuschen des Bademeisters wurde 1937 an der Kläranlage in der Aue ab- und gegenüber dem Schwimmbad wieder aufgebaut. Es diente der Hitlerjugend als Schießstand. HaEn

TOD IM WALD, PISTOLE NEBEN DEM KOPF

GRAB IM WALD Wer sich von Einheimischen führen lässt, der kann im Wald jenseits der Kleinen Dhünn auch noch Besonderheiten entdecken. Da ist zum einen ein heute noch begehbarer - weil das Schutzgitter verrottet ist - Stollen, der auf ehemaligen Bleiabbau hinweist und für die Staelsmühler seit jeher ein Abenteuerspielplatz war. Zeitweise wurde der Stollen auch vom THW für Übungen genutzt, zum Beispiel für das Errichten von Abstützungen gegen Einsturzgefahr. Heute beanspruchen Fledermäuse den Stollen als Rückzugsgebiet.Am 15. April 1945 fand man die Wehrmachtshelferin Hildegard Klingelnburg tot im Wald, eine Pistole neben ihrem Kopf. Ihr Vater war Pastor in Mettmann, und mit einer Sondergenehmigung wurde die Tote unweit des Fundortes im Wald zur Ruhe gebettet.Das noch existierende und immer wieder mal gepflegte Grab wurde bis Anfang der 60er Jahre auch noch von ihrem Bruder besucht, wenn der in Mettmann tätige Lehrer mit Schulklassen bei Ausflügen in der Scheune an der Mühle nächtigte. Als Krimi-Bestandteil gibt es über die Staelsmühle in Oliver Buslaus "Altenberger Requiem" auf zwanzig Seiten viel Lokalkolorit nachzulesen. HaEn

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