Tränen sieht man auch unter der Maske

Pfarrer Philipp Müller von der evangelisch-lutherischen Gemeinde Radevormwald ist Sprecher der Geistlichen in der Bergstadt und unter anderem als Notfallseelsorger tätig. Foto: Claudia Radzwill
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Pfarrer Philipp Müller von der evangelisch-lutherischen Gemeinde Radevormwald ist Sprecher der Geistlichen in der Bergstadt und unter anderem als Notfallseelsorger tätig.

Pfarrer Philipp Müller war als Notfallseelsorger bei der Tragödie in Radevormwald im Einsatz

Von Anja Carolina Siebel

Herr Pfarrer Müller, die Familientragödie von Radevormwald hat großes Entsetzen ausgelöst. Sie waren als Notfallseelsorger vor Ort, haben mit Angehörigen und Freunden gesprochen. Wie fasst man solche unfassbaren Ereignisse in Worte?

Philipp Müller: Es geht darum, für die Betroffenen da zu sein. Das, was sich im Schock bei den Betroffenen zeigt, mit auszuhalten. Oft bleibt nur Schweigen, wenn etwas so Grausames geschehen ist – und das ist auch völlig in Ordnung. Irgendwann kann man dann durch Sprechen auch wieder versuchen, Struktur hereinzubringen, die oft in solch einer Situation bei den Betroffenen vollkommen verloren geht.

Wie häufig sind Sie als Notfallseelsorger im Einsatz?

Müller: Die Notfallseelsorge ist hier bei uns vor Ort ökumenisch organisiert, sowohl evangelische als auch freikirchliche und katholische Pfarrer und Ehrenamtliche aus der Umgebung üben sie aus. Wir evangelischen Pfarrer sind dazu sogar dienstverpflichtet und zwei Wochen im Jahr im Einsatz. Während der Einsatzzeit kann uns die Leitstelle der Feuerwehr Remscheid jederzeit über das Notfallseelsorge-Handy erreichen und wir sind bei Bedarf dann mit vor Ort. Zum Beispiel dann, wenn eine Todesnachricht an Angehörige überbracht werden muss oder eine Reanimation erfolglos verlief. Oder eben, wenn es zu größeren Unglücken und Tragödien kommt.

Gibt es etwas, das Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?

Müller: Natürlich bleiben solche dramatischen Ereignisse wie in Radevormwald immer haften. So etwas vergisst man einfach nicht. Aber für mich als Pfarrer reicht Seelsorge ja noch viel weiter. Einen Großteil bei uns Pfarrern nimmt die Alltagsseelsorge ein. Dazu zählt der Besuch bei den Gemeindegliedern zu Hause, bei Goldhochzeiten oder runden Geburtstagen, genauso wie ein Besuch auf dem Wochenmarkt mittwochs und samstags, zum Austausch mit den Bürgern.

Wegen der Corona-Pandemie ist das alles ja jetzt sicher nur eingeschränkt möglich. . .

Müller: Absolut. Und das bedauere ich wie meine Kollegen sicher auch sehr. Die Besuche zu Hause können, wenn überhaupt, nur sehr eingeschränkt stattfinden. Maske und Abstandsregeln schaffen zusätzliche Distanz, zum Beispiel in Trauergesprächen. Und auch die Besuche in den Seniorenheimen finden kaum statt.

„Es geht ums Zuhören und Aushalten.“

Das bedauern sicher vor allem die Älteren.

Müller: Ja, bei den alten Menschen gibt es oft Gesprächsbedarf, gerade dann, wenn sie allein leben . Das verstärkt sich jetzt in der Pandemie leider natürlich noch. Aber gerade bei den Älteren gab es auch in der Vergangenheit für mich als Pfarrer rührende und schöne Momente, die ich in lebhafter Erinnerung behalte. Zum Beispiel bei Goldhochzeiten.

Viele Menschen sind inzwischen aus der Kirche ausgetreten, viele sind auch nicht gläubig. Nehmen diese Menschen in existenziell bedrohlichen Situationen Ihre Hilfe als Pfarrer trotzdem dankbar an?

Müller: Als Geistlicher in der Notfallseelsorge sollte man da natürlich etwas Fingerspitzengefühl mitbringen – und bemerkt in der Regel schnell, wer Wert auf christliche Riten legt und wer eher nicht. Ich war zum Beispiel jüngst noch als Notfallseelsorger bei einer muslimischen Familie. Auch da geht es in erster Linie um den Beistand, den man ja durchaus auch geben kann, wenn man völlig anderer Konfession ist. Es geht ums Zuhören und Aushalten und darum, mit den Menschen die oft schier unerträgliche Situation zu versuchen, zu ertragen – zumindest in den ersten Momenten. Dazu muss man nicht denselben Glauben haben.

Denken Sie, dass in Situationen, in denen es um Leid geht, sich die Menschen manchmal wieder auf den Glauben zurückbesinnen?

Müller: Das ist sogar öfter der Fall, denke ich. Als Christen haben wir in der Bibel einen Schatz von über 4000 Jahre alter Erfahrung im Umgang mit Leid, Leben, Sterben und Tod mit mir herum. Darin haben Menschen Worte gefunden, die sich im Umgang mit den Grenzfragen unseres Lebens und Seins über die Zeiten als Trost und Hoffnungsspender bewährt haben. In extremen Situationen ist es eine große Hilfe, sich dieses Schatzes zu erinnern.

Wie zeigen Ihnen Ihre Gesprächspartner dieses Vertrauen?

Müller: Ich habe es zum Beispiel noch nie erlebt, dass jemand in einem Trauergespräch abgelehnt hätte, dass ich hinterher noch ein Gebet spreche. Ich erlebe überhaupt viel Respekt und Akzeptanz meiner Arbeit gegenüber.

Derzeit sind viele Menschen auf sich gestellt. Besinnen sich einige in dieser Zeit vielleicht auch wieder mehr auf den christlichen Glauben?

Müller: Also, ich kann nicht sagen, dass wir derzeit besonders viele Kircheneintritte hätten (lacht). Aber die Gottesdienste, die wir ja wegen der Pandemie zurzeit fast ausschließlich online via Youtube anbieten, werden sehr häufig angeklickt. Das lässt ein bisschen darauf hoffen, dass vielleicht später wieder einige mehr vorbeischauen, wenn wir wieder Präsenzgottesdienste abhalten dürfen oder einfach bei den Online-Angeboten bleiben.

Wie vermitteln Sie als Seelsorger zurzeit Ihren Gesprächspartnern Nähe?

Müller: Wir versuchen, auf Abstand Gespräche zu führen. Manchmal per Telefon, oder aber auch direkt, dann auf Distanz, mit einer Maske. Ein bisschen Nähe bleibt bei intensiven Gesprächen immer. Tränen kann man zumindest auch unter der Maske erkennen.

Hintergrund

Zur Person: Philipp Müller kam 2016 als neuer Pfarrer in die evangelisch-lutherische Gemeinde Radevormwald. Der 38-Jährige ist seit einem Jahr Sprecher der Radevormwalder Geistlichen. Wenn er nicht gerade predigt oder am Schreibtisch sitzt, geht er gerne mit seinem Hund spazieren, fährt mit dem Mountainbike durchs Bergische oder segelt mit dem Faltsegelboot über eine der vielen Talsperren.

Tragödie: Zu der Tragödie war es am 12. Februar in Radevormwald gekommen. Ein Familienvater hatte seine Ehefrau, die beiden kleinen Töchter, die Schwiegermutter und dann sich selbst getötet. Die Ehefrau war Lehrerin am Bergischen Berufskolleg in Wermelskirchen.

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