Therapeut: Gewalt hat viele Facetten

Martin Roggenkamp ist der stellvertretende Leiter der Ärztlichen Kinderschutzambulanz an der Burger Straße und selbst Therapeut. Er sagt: „Ein Kind kann die erlebten Traumatisierungen nur verarbeiten, wenn es sich sicher fühlt.“ Diesen sicheren Ort sucht das Team. Foto: Roland Keusch
+
Martin Roggenkamp ist der stellvertretende Leiter der Ärztlichen Kinderschutzambulanz an der Burger Straße und selbst Therapeut. Er sagt: „Ein Kind kann die erlebten Traumatisierungen nur verarbeiten, wenn es sich sicher fühlt.“ Diesen sicheren Ort sucht das Team. Foto: Roland Keusch

Martin Roggenkamp erklärt, womit es die Ärztliche Kinderschutzambulanz täglich zu tun hat

Von Melissa Wienzek

Wenn die Therapeuten dachten, sie hätten während ihrer langjährigen Laufbahn in der Ärztlichen Kinderschutzambulanz schon alles gesehen, werden sie auf einmal wieder eines Besseren belehrt. Und gerade in Corona-Zeiten hat die Schwere der Gewalttaten, mit denen es das Team zu tun hat, zugenommen. Der stellvertretende Leiter der Kinderschutzambulanz, Martin Roggenkamp, erklärt die verschiedenen Facetten der Gewalt, mit denen die Therapeuten tagtäglich konfrontiert werden.

Grundsätzlich lässt sich die Ausprägung von Gewalt gegen Kinder in drei Formen unterteilen, sagt Roggenkamp. „Allerdings sehen wir hier häufig Mischformen. Kinder, die in der Familie körperliche Gewalt erfahren, erleben natürlich zugleich auch psychische Gewalt.“ Und das sei ein entscheidender Punkt. „Denn viele der Kinder, die wir hier sehen, empfinden die emotionale Gewalt, sich von den Elternteilen nicht geliebt zu fühlen, gravierender als die eigentliche körperliche Gewalt.“

Körperliche Gewalt: Eine gravierende Form von Gewalt bereits an Säuglingen ist das Schütteltrauma. „Dies kann man allerdings nicht isoliert sehen“, betont Roggenkamp. „Hier spielt die Überforderung, eine ablehnende Haltung des Elternteils mit rein. Und das merkt auch das Kind auf der Bindungsebene.“ Auch am Arm reißen oder am Beinchen hochheben komme vor. Wenn Kinder mobiler werden, sei es für die Therapeuten schwieriger, Verletzungsmuster zu deuten. In der Arbeit mit den Kindern versucht das Team dann herauszufinden, was wirklich passiert ist – in einem vertrauensvollen Rahmen. Verbrühungen, Verbrennungen, Schläge mit dem Gürtel – all das und vieles mehr erleben die Therapeuten. „Das Gravierendste, das ich zuletzt erlebt habe, war ein vierjähriges Kind, das Verbrennungen vierten oder fünften Grades auf dem Fuß aufwies“, erzählt Roggenkamp. Aufgefallen war es im Kindergarten. Die Erzieher entdeckten die nur spärlich versorgte Wunde beim Schuheausziehen. Sie war kreisrund. Die Erklärung des Vaters: Der Wasserkocher sei umgefallen. „Hier beginnen der rechtsmedizinische Blick und die Frage nach der Plausibilität“, sagt der Therapeut. Heißes Wasser spritze – und sorge nicht für solch ein rundes Muster. Die Therapeuten kamen zu dem Schluss, dass die Verletzung absichtlich zugefügt worden sein musste. Das Kind kam in Obhut.

Daher stehe über allem die Frage: Wie geplant und gezielt ist die Gewaltanwendung? Auch die Tracht Prügel mit dem Gürtel sei keine Affekthandlung, sondern eine gezielte Misshandlung.

Sexuelle Gewalt: Sie bleibt oft lange Zeit unentdeckt. Denn bei den meisten Kindern werden erst einmal keine akuten Verletzungsmuster sichtbar, erklärt Martin Roggenkamp. Kinder werden nach einem akuten Vorfall auch meist nicht direkt vorgestellt. Rechtssicherheit gebe nur die Spurensicherung. Daher arbeitet die Kinderschutzambulanz bei diesem Thema auch eng mit der Rechtsmedizin der Uni Köln zusammen. „Wir erleben hier leider die grausamsten Dinge“, sagt der Therapeut. Ein Phänomen, das in Corona-Zeiten gehäuft auftrat, sei der Inzest unter Geschwistern. Die Frage hier sei: Beruhte es auf Gegenseitigkeit? Zudem spielen Alter der Kinder, Nachdruck und Gewaltintensität eine große Rolle. „Es geht um das Machtgefälle, um Stärke und Unterlegenheit.“ Oft sei es einfach eine Ersatzhandlung: Ein Junge, der über längere Zeit keine normale körperliche Nähe seiner Familie erfahre, verschaffe sie sich dadurch selbst.

Psychische Gewalt: Erniedrigung, eine Stunde die Wand anstarren, Wohlstandsverwahrlosung – betroffene Kinder haben die beste Kleidung, erfahren aber keine Liebe –, Vernachlässigung: Auch hier ist die Bandbreite groß. Psychische Gewalt kann gravierende Schäden anrichten. Wenn wenig emotionale Nähe, Zuneigung oder Respekt herrscht. Die Narben bleiben ein Leben lang. „Ein Kind, das beispielsweise permanent beschämt wird, weil es von der Mutter auf dem Schulhof immer mit ,du Bastard‘ gerufen wird, neigt dazu, den Spieß umzudrehen – und wird selbst zum Täter, der andere beschämt oder provoziert.“ Macht und Überlegenheit spielen hier eine Rolle.

Aus der Traumaforschung wisse man, dass ein isoliertes, einziges Trauma wie einmalig Zeuge von Gewalt zu werden nicht so großen Schaden anrichte wie viele Mini-Traumata, die wie an einer Perlenkette aufgereiht immer wieder vorkommen. Ständige, sich wiederholende Erniedrigung beispielsweise. „Sie können zu größeren emotionalen Schäden führen“, sagt Roggenkamp. Die meisten Kinder, die an der Burger Straße behandelt werden, erleben eben diese wiederholten Traumen. Daher ist es für das Team wichtig, herauszufinden: Welche Schutzfaktoren gibt es? Wie leben die Kinder? „Nur, wenn sich ein Kind sicher fühlt, kann es die erlebten Traumatisierungen auch verarbeiten.“ Diesen sicheren Ort versuchen die Therapeuten für jedes Kind zu finden.

Das könnte Sie auch interessieren

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

Männer leben christliche Werte
Männer leben christliche Werte
Männer leben christliche Werte
Gastronomin: „Vor allem emotional ist es kaum tragbar“
Gastronomin: „Vor allem emotional ist es kaum tragbar“
Gastronomin: „Vor allem emotional ist es kaum tragbar“

Kommentare