Gedenken

Stolpersteine erinnern an Deportationen

Armin Himmelrath führte die Teilnehmer zu Gedenkstätten in der Innenstadt.
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Armin Himmelrath führte die Teilnehmer zu Gedenkstätten in der Innenstadt.

Armin Himmelrath machte bei einem Stadtrundgang die Spuren des Nationalsozialismus sichtbar

Von Peter Klohs

Wermelskirchen. Die Spuren aus der Zeit des Nationalsozialismus sind in Wermelskirchen nur selten offensichtlich, und es bedarf eines kundigen Begleiters, der auf einem Gang durch die Innenstadt kenntnisreich Fakten und Begebenheiten schildert.

Der Bildungs- und Wissenschaftsjournalist Armin Himmelrath ist ein solcher. Im Namen der Stadt Wermelskirchen und der Volkshochschule Bergisch Land begrüßte Himmelrath am Sonntagmittag gut 40 Interessierte, die anlässlich des Holocaust-Gedenktages zur Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau an einem Stadtspaziergang rund um die Katt teilnahmen, um Einzelheiten aus der unseligen Zeit zu erfahren.

Armin Himmelrath kennt die Stadt und ihre Geschichte sehr gut, ist er doch selbst im Jahr 1967 in Wermelskirchen geboren und beschäftigt sich seit Dutzenden Jahren mit dieser Thematik.

Zehn Stolpersteine gebe es in der Stadt, erzählte er zum Beginn der gut 100-minütigen Wanderung, die am Städtischen Gymnasium begann und endete. Als erste Bilddokumente reichte der Journalist Zeugnisse herum, die am heutigen Gymnasium, das ab dem Jahr 1938 Horst-Wessel-Schule hieß, ausgegeben wurden und bei nicht wenigen der Teilnehmenden fassungsloses Kopfschütteln verursachten. Zu der Schülerin Ingeborg Mebus steht beispielsweise in deren Zeugnis: „Sie lässt es an Härte gegen sich fehlen.“

Im Gymnasium, so Himmelrath, sei auch heute noch eine Gedenktafel angebracht. „Damals wurden die Schülerinnen und Schüler an dieser Tafel eingeschworen“, berichtete er, „und daran erinnert, im Zweifel ihr Leben für das Land herzugeben.“ Das Motto in dieser Zeit war „Trotzen, Kämpfen, Lachen, Sterben“.

An der Berufsschulstraße machte Himmelrath auf das Haus der Familie Voigt aufmerksam, die damals die Politik der NSDAP verteidigte und damit im krassen Gegensatz zu ihren Nachbarn, der Familie Fastenrath, stand. Fastenraths waren Kommunisten und wurden 1945 in das KZ Flossenbürg nach Bayern deportiert, wo sie auch ermordet wurden.

Ein Stolperstein vor dem Haus Nummer 3 erinnert an diese Familie. Auf dem Parkplatz der Katt erinnerte Armin Himmelrath an das Schicksal der Zwangsarbeiter, die es auch in Wermelskirchen gab. „Und es waren nicht wenige“, weiß der Journalist zu berichten. „Teilweise waren es über 1000.“

Er erzählte von der Schuhfabrik Siebel, die in Tente ansässig war. Der Sohn der Familie war in Weißrussland stationiert und organisierte von dort aus, dass rund 30 weißrussische Mädchen im Alter von 13 bis 15 Jahren in seine Heimatstadt verbracht wurden, um dort seinen Eltern im Geschäft zu helfen. „Das bedeutete damals zehn Stunden arbeiten, sechs Tage in der Woche.

„Sonntags war frei, und die Mädchen fuhren oft nach Radevormwald. Aber letzten Endes war es egal, wo sie sich bespucken lassen mussten“, berichtete Himmelrath.

Ja, sagte Himmelrath auf Nachfrage, es habe auch organisierten Widerstand gegeben, kirchliche Aktivitäten vielerlei Art. „Aber wenig.“

An der Kölner Straße gab es ein jüdisches Haushaltswarengeschäft

Der Journalist berichtete von Kaufleuten, die beim Öffnen ihres Geschäftes den „normalen“ Bürgern ein „Guten Morgen“ zuriefen, und dann anfügten: „Für die Beamten ein ‚Heil Hitler‘.“

An der Dörpfeldschule, wusste Himmelrath, wurden Anfang der 1940er Jahre die Schülerinnen und Schüler, die nicht im Bund deutscher Mädchen (BDM) oder in der Hitler-Jugend (HJ) waren, an jedem Morgen geschlagen und denunziert. „Das hielten viele Kinder nicht lange aus und baten ihre Eltern recht schnell, in eintreten zu dürfen“, erzählte Himmelrath.

An der Kölner Straße, unweit der WGA-Redaktion, gab es ein jüdisches Haushaltswarengeschäft. Ein paar Meter weiter liegen drei Stolpersteine vor dem Haus Nummer 2. Dort wird der Familie Kahn gedacht, die 1932 in die Niederlande auswanderte, wo die Familie später von den Nazis verhaftet, nach Auschwitz deportiert und dort hingerichtet wurde.

Hintergrund

Um eine jüdische Gemeinde gründen zu können, bedarf es zehn erwachsener jüdischer Männer. „Die gab es in Wermelskirchen nicht“, wusste Armin Himmelrath zu berichten. „Deshalb hat es in Wermelskirchen nie eine jüdische Gemeinde gegeben.“ Auf dem Weg durch die Innenstadt fiel eine Hakenkreuzschmiererei in der Nähe der Dörpfeldschule auf. „Wenn Sie das beim Ordnungsamt anzeigen möchten“, sagte der Journalist, „jederzeit gerne.“ Dem kamen einige Gäste nach.

Standpunkt

anja.siebel@rga.de

Kommentar von Anja Carolina Siebel

Es gibt nur noch wenige Zeitzeugen. Jene, die Opfer der Gräueltaten der Nationalsozialisten wurden, und sich schließlich zum Ende des Zweiten Weltkrieges aus den Konzentrationslagern befreien konnten. Sie berichten häufig in der Öffentlichkeit, gerade auch vor Schulklassen, über ihre traumatischen Erlebnisse. Leider sterben diese Zeitzeugen, die die Grausamkeiten der Nazis buchstäblich hautnah erleben mussten, aus Altersgründen nach und nach. Und deshalb ist es umso wichtiger, dass es Menschen wie Armin Himmelrath gibt, die mit Fachwissen die Menschen darüber aufklären, was damals geschehen ist. Es ist noch einmal etwas ganz anderes, zu sehen und zu erleben, dass auch in der eigenen Stadt – praktisch fast vor der eigenen Haustüre – Menschen aufgrund ihrer Herkunft geächtet, ausgegrenzt und gequält wurden. Dieses Thema ist auch heute noch mehr als aktuell. Denn rechte Gewalt, Hass und Hetze gibt es weiterhin. Und sie nehmen leider auch aufgrund der für viele belastenden Situation der Corona-Pandemie wieder zu. Also dürfen wir nicht müde werden zu erinnern.

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