Interview

Soziale Defizite der Kinder haben sich vergrößert

Katrin Wagner, Leiterin der Schwanenschule, erkennt soziale und emotionale Spuren, die Corona bei einigen Kindern hinterlassen hat. Archivfoto: Kathrin Kellermann
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Katrin Wagner, Leiterin der Schwanenschule, erkennt soziale und emotionale Spuren, die Corona bei einigen Kindern hinterlassen hat. Archivfoto: Kathrin Kellermann

Wermelskirchen. Katrin Wagner, Leiterin der Schwanenschule, über das abgeschlossene Schuljahr und den Einfluss der Pandemie.

Von Wolfgang Weitzdörfer

Frau Wagner, sind Sie froh, dass das Schuljahr vorbei ist?

Katrin Wagner: Ja, denn es war ein fraglos anstrengendes und aufregendes Schuljahr – das wird wohl jeder andere Schulleiter auch so sehen. Wir haben zum Ende hin noch sehr viele Aktionen im Sinne von „Aufholen nach Corona“ gehabt. Davon haben die Kinder profitiert, aber es hat noch einmal richtig Kraftreserven gekostet.

Wenn Sie die vergangenen Corona-Monate rückwirkend betrachten, wie würden Sie sie einschätzen?

Wagner: Es hat sich entspannt, weil wir einfach Schule machen durften. Ohne Einschränkungen, ohne Listen oder so. Es gab zwar immer wieder auch Ausfälle, sowohl in der Schüler- als auch der Lehrerschaft. Aber es ist nichts explodiert.

Haben Sie sich in der Pandemie gut unterstützt gefühlt?

Wagner: An der Schwanenschule gibt es ein Team, auf das ich unglaublich stolz bin. Wir haben – egal was passiert ist – gemeinsam reagiert, uns am Wochenende oder abends noch online getroffen, mit überlegt, wie die Vorgaben umgesetzt werden könnten. Das war Teamarbeit vom Feinsten. Was die Politik angeht, ist mir klar, dass es für alle Beteiligten eine Gratwanderung ist – wann schicke ich eine Mail raus, wann gebe ich eine Pressekonferenz? Das ist fraglos eine sehr große Herausforderung, da man sehr kurzfristig agieren muss.

Corona ist nicht weg. Aber jetzt sind wir alte Hasen.

Katrin Wagner

Wie haben die Kinder die zwei Jahre gemeistert?

Wagner: Inhaltlich war das weniger ein Problem. Aus unserer Sicht haben wir einen ganz großen Teil der Kinder da gut durchmanövriert und uns immer wieder viel einfallen lassen, wie wir die Kinder auffangen können. Emotional und sozial merkt man es den Kindern aber schon an. Das fängt schon bei den Kindergartenkindern an, die den dortigen Alltag nicht kennen – das fängt bei so selbstverständlichen Dingen an wie sich in einer Reihe aufzustellen oder eine Schere zu benutzen.

Andere Kinder haben sehr viel mehr Rückhalt in der Familie gehabt und dort die Möglichkeit gehabt, zu lernen. Das ist aber leider nicht in allen Familien möglich gewesen, wenn etwa beide Elternteile arbeiten gehen müssen. Wir haben im vergangenen halben Jahr sehr viel zu den Themen Teamarbeit und Klassenzusammenhalt gemacht. Das ist für viele Kinder auf der Strecke geblieben, weil sie so viel zu Hause gewesen sind und keinen Kontakt etwa zu Gleichaltrigen oder Vereinen hatten.

Wie schwierig war es, die sich so schnell verändernden Vorgaben umzusetzen?

Wagner: Wir haben gemerkt, dass das Ministerium sich bemüht hat, ganz konkrete Vorgaben zu machen. Wenn ich mir das ganz breite Spektrum der Schulen in NRW ansehe, dann haben wir aber ein riesiges Feld unterschiedlicher Schülerinnen und Schüler sowie Eltern. In diesem Zusammenhang gibt es Dinge, die nur wir hier vor Ort erledigen können, das kann uns auch kein Ministerium abnehmen. Und daher waren wir oft auch an den Wochenenden im Einsatz.

War es schwierig, den Kindern die Maßnahmen zu verdeutlichen?

Wagner: Nein, überhaupt nicht. Die Kinder haben das vom ersten Tag an unglaublich gut mitgemacht. Egal, ob wir von Masken, Testungen oder Händedesinfektion sprechen – die Kinder haben das wunderbar mitgetragen. Das hat mich persönlich sehr stark beeindruckt. Größer waren sicherlich die Sorgen der Erwachsenen – sowohl Lehrerschaft als auch Eltern.

Wie groß war die Belastung für das Lehrerkollegium?

Wagner: Die war fraglos riesig. Man muss sich immer bewusst machen, dass die Kolleginnen und Kollegen neben ihren ganz normalen Verpflichtungen das Unmögliche möglich gemacht haben. Wir haben hier quasi wie eine Art Zweigstelle des Gesundheitsamts fungiert, weil ganz viele Anfragen von Eltern zu den unterschiedlichsten Themen kamen.

Wie blicken Sie auf die Zeit nach den Sommerferien?

Wagner: Corona ist ja nicht weg – da müssen wir uns nichts vormachen. Allerdings sind wir jetzt schon ein wenig alte Hasen. Wenn es wieder losgehen sollte, dann ist es kein großes Problem zu sagen: Gut, wir fangen wieder mit den Testungen an. Okay, jetzt gilt wieder Maskenpflicht. Und auch das Händedesinfizieren gehört wieder dazu. Allerdings würde ich mir wünschen, dass ganz allgemein getestet wird, ohne Unterschied zwischen Geimpften, Genesenen oder anderen. Wir haben im kommenden Schuljahr 330 Schülerinnen und Schüler – dann müssten wir tagesaktuelle Listen für alle Kinder führen. Damit wir Schule machen können, würde ich es begrüßen, dass wir einfach morgens alle testen und fertig.

Gibt es auch irgendwelche positiven Effekte der Corona-Pandemie?

Wagner: Ja, sicherlich. Als Schulleiterin denke ich, dass wir als Team bei all den Herausforderungen stark zusammengestanden haben. Das ist ein tolles Gefühl, das so reibungslos hinbekommen zu haben. Viele Menschen haben auch im Privaten gemerkt, dass weniger mehr sein kann. Wir haben auch alle gelernt, dass wir uns mehr zutrauen können als wir meinen – und dass wir das dann auch gemeinsam schaffen können.

Aktionsprogramm

Programm: Das Risiko für Lern- und Entwicklungsrückstände bei Kindern durch die Corona-Pandemie ist groß. Das Bundesfamilienministerium will dem mit dem Aktionsprogramm „Aufholen nach Corona“ entgegenwirken. Das Finanzvolumen umfasst zwei Milliarden Euro.

Säulen:Das Aktionsprogramm umfasst vier Säulen: den Abbau von Lernrückständen, Maßnahmen zur Förderung der frühkindlichen Bildung, Unterstützung für Ferienfreizeiten und außerschulische Angebote sowie die Begleitung von Kindern und Jugendlichen in Alltag und Schule.

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