„Sie fehlt uns“: Wie Alzheimer alles veränderte

Am 6. April 1973 heirateten Elke und Peter Opitz (Name geändert) in der Johanneskirche am Hohenhagen. 1975 wurde ihr Sohn geboren. „Sie fehlt uns“, sagt Opitz über seine Frau, die an Alzheimer leidet. Foto: Opitz/Repro: mw
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Am 6. April 1973 heirateten Elke und Peter Opitz (Name geändert) in der Johanneskirche am Hohenhagen. 1975 wurde ihr Sohn geboren. „Sie fehlt uns“, sagt Opitz über seine Frau, die an Alzheimer leidet.

Peter Opitz (80) erzählt, wie sich seine Frau immer mehr zurückzog – und wie ihm die Gruppe von Susanne Heynen hilft

Von Melissa Wienzek

Die selbstbewusste Frau, die Peter Opitz am 6. April 1973 in der Johanneskirche in Remscheid geheiratet hat, gibt es heute nicht mehr. Denn Elke Opitz (73, Namen geändert) leidet seit vier Jahren an Alzheimer, einer Demenzerkrankung. Seitdem hat Peter Opitz seine Frau Stück für Stück verloren. Heute spricht sie kaum noch mehr als „Ja“ oder „Nein“ mit ihm. Ob sie ihn erkennt, wenn er sie täglich im Haus am Park besucht, weiß der 80-jährige Remscheider nicht. „Da ist alles weg.“

Als sie vor vier Jahren die Diagnose Alzheimer erhielten, habe ihm das den Boden unter den Füßen weggezogen, gibt der Rentner zu. Bis ein Arzt überhaupt die Diagnose gestellt habe, sei es ein langer Weg gewesen. „Der Arzt sagte nur: Das ist altersbedingt.“ Als seine Frau ihm erklärte, sie wolle sich um keine Bankgeschäfte mehr kümmern, obwohl sie das immer gern und ordentlich getan habe, sei er stutzig geworden. „Sie wollte plötzlich alle Verantwortung abgeben“, erzählt Peter Opitz.

Es wurde immer schlimmer, Elke Opitz immer vergesslicher, sie baute immer mehr ab. Vater und Sohn wussten sich nicht mehr zu helfen. Peter Opitz wandte sich an die Stadt. Andrea Wild von der Pflegeberatung gab ihm den Tipp, sich der Selbsthilfegruppe „Hör mir zu!“ von Susanne Heynen anzuschließen. Hier konnte er sich nicht nur mit anderen Betroffenen austauschen, sondern erhielt vor allem wertvolle Tipps, was zu tun ist. Stichwort Bürokratiedschungel.

„Unsere Gesellschaft will das Thema immer nur runterdrücken.“

Peter Opitz über Demenz

„Oft fühlte ich mich von Behörden im Regen stehengelassen“, sagt Peter Opitz. In der Gruppe konnte er neuen Mut schöpfen. „Denn unsere Gesellschaft will das Thema Demenz immer nur runterdrücken“, sagt er. „Als Angehöriger fällt man in ein Loch. Kein Arzt sagt, wo man Hilfe bekommt. Und dass man nicht nur seinen Partner, sondern auch seine Freunde durch diese Krankheit verliert“, erklärt Susanne Heynen.

Zunächst wurde Elke Opitz in der Tagespflege betreut. „Das war zuerst schwer für mich. Ich habe mich gefühlt, als würde ich sie abschieben“, gibt ihr Mann zu. Die Familie fuhr noch gemeinsam in den Urlaub, besuchte Museen, saß zusammen im Stadtpark und genoss die Natur. Elke Opitz ging zu verschiedenen Therapien und weiterhin zur Tagespflege. Als Corona ausbrach und die Tagespflege zunächst geschlossen war, sei dies für seine Frau besonders schlimm gewesen, erzählt Peter Opitz. „Ihr fehlte es, in der Stadt zu sitzen und sich die Leute anzugucken.“ Pfingsten 2020 brach sie dann zu Hause zusammen, randalierte, schrie. „Ich habe Frau Heynen dann sonntags morgens um 4 Uhr angerufen, weil ich nicht weiter wusste“, erzählt Peter Opitz. „Ich bin immer erreichbar für meine pflegenden Angehörigen“, sagt die Ehrenamtlerin Heynen. Die Leiterin der Selbsthilfegruppe, die selbst einen an Demenz erkrankten Mann hat, gab den Tipp, sich an den Notdienst im Tannenhof zu wenden. Dort nahm man Elke Opitz sofort auf. „Wir setzten sie dort in den Rollstuhl – und seitdem ist sie im Rollstuhl geblieben“, erzählt der Remscheider, der 1957 zur Feilenhauerlehre von Sylt aus nach Remscheid kam. Auf der Arbeit hat er auch seine Elke kennengelernt.

Ein Schicksalsschlag jagte nun den nächsten: Elke Opitz stürzte im Tannenhof und musste daraufhin notoperiert werden. Auf eine erste Schädel-OP folgte eine weitere im Bethesda-Krankenhaus Wuppertal. Wegen Corona konnte ihr Mann sie noch nicht mal besuchen. „Als sie wieder im Tannenhof war, sagte mir der Arzt, sie bräuchte eigentlich noch eine dritte Operation, aber die hätte keinen Sinn mehr. Sie hätte höchstens noch eine Lebenserwartung von vier Wochen.“ Dann hieß es plötzliches Nierenversagen, Peter Opitz eilte hin. „Doch dann hat sie sich wieder berappelt.“ Elke Opitz kam ins Pflegeheim Haus am Park – ebenfalls ein Tipp von Susanne Heynen. Über die App „Heimfinder“ konnte sie freie Plätze ausmachen. „Ich habe lange mit mir gekämpft, ob ich das wirklich machen soll“, gibt Peter Opitz zu. „Nun bin ich froh, dass sie dort gut untergebracht ist.“ Die Rente reicht allerdings nicht, um das Heim zu bezahlen.

Peter Opitz besucht seine Frau jeden Tag. Wenn Elke Opitz nicht in ihrem Bett ist, sitzt sie im Aufenthaltsraum im Rollstuhl, beobachtet das Treiben um sie herum. „Manchmal huscht dann ein Lächeln über ihr Gesicht“, sagt Peter Opitz und fügt hinzu: „Sie fehlt uns.“

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