Initiative

Sexualisierte Gewalt: Netzwerk hilft

Frank Köchling, Geschäftsführer Katholische Erziehungsberatung (v.l.), Barbara Feldmann, Psychotherapeutin bei „MehrBlick“ und Manfred Bartos, Psychologe und Mitarbeiter der Beratungsstelle der Stadt Wermelskirchen.
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Frank Köchling, Geschäftsführer Katholische Erziehungsberatung (v.l.), Barbara Feldmann, Psychotherapeutin bei „MehrBlick“ und Manfred Bartos, Psychologe und Mitarbeiter der Beratungsstelle der Stadt Wermelskirchen.
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Kreisweite Initiative unterstützt Kinder, die sexualisierte Gewalt erfahren haben.

Von Susanne Koch

Zuerst die gute Nachricht: Bisher haben auch die Fachleute keine Hinweise darauf, dass Kinder und Jugendliche von dem Sexualtäter in Wermelskirchen angefasst oder benutzt wurden, der im Dezember in Untersuchungshaft gekommen ist.

Kinder haben Rechte: Es wird ein Netz gestrickt, um die Kinder besser vor sexualisierter Gewalt zu schützen.

Die schlechte Nachricht: „Es ist nicht so einfach, zu sehen, ob ein Kind sexualisierte Gewalt erfahren hat.“ Das sagt die Psychotherapeutin Barbara Feldmann, die in der neu geschaffenen Beratungsstelle „MehrBlick“ in Bergisch Gladbach arbeitet. „Die einen ziehen sich völlig zurück, andere reagieren exaltiert. Es gibt keine klaren Verhaltensweisen“, betont sie.

„Studien haben herausgefunden, dass Kinder und Jugendliche ihre Geschichte erst siebenmal erzählen müssen, bis sie ernst genommen werden“, sagt Frank Köchling, der Geschäftsführer der Katholischen Erziehungsberatungsstelle in Bergisch-Gladbach.

Der Psychologe Manfred Bartos von der Wermelskirchener Beratungsstelle betont zudem: „Wir können die Überparteilichkeit von Erziehungsberatungsstellen, wie beim Thema Trennung und Scheidung, nicht durchhalten, denn die Kinder und Jugendlichen mit sexualisierter Gewalterfahrung brauchen Glaubwürdigkeit, Trost und Fürsorge.“

„Ich habe ja schon gedacht, mich würde nichts mehr schocken, aber das raubt mir die letzte Gutgläubigkeit.“

Frank Köchling, Geschäftsführer

Frank Köchling beschreibt das, was die Gesellschaft jetzt durch die Medien über die Tiefe und Dimension dieser Verbrechen erfährt, als unbegreiflich. „Ich habe ja schon gedacht, mich würde nichts mehr schocken, aber das raubt mir die letzte Gutgläubigkeit“, sagt er tief bewegt. „Vor 20 Jahren war ich viel sicherer bei dem Thema“, sagt Manfred Bartos. „Da ist inzwischen zu viel bekannt geworden“, wurde seine Welt erschüttert.

Die Beratungsstellen haben im Rheinisch-Bergischen Kreis den Arbeitskreis gegen sexualisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen gegründet. „Unsere Beratungsstelle ist neu hinzugekommen“, sagt Barbara Feldmann.

Das Land Nordrhein-Westfalen will, dass das Thema flächendeckend bearbeitet wird. „Das Land trägt mit einem bestimmten Satz 80 Prozent der Personalkosten“, sagt der Geschäftsführer Frank Köchling. „Der reicht nicht immer aus, um eine Stelle zu besetzen. Immerhin sind es aber 89 Millionen Euro jährlich, die das Land NRW dafür in die Hand nimmt.“

Barbara Feldmann und ihre Kollegin teilen sich eine Stelle. „Wir werden für die Kinder und Jugendlichen da sein, die sexualisierte Gewalt erfahren haben“, sagt die Psychotherapeutin. Und eine weitere Stelle wird beim Kinderschutzbund Bergisch-Gladbach angesiedelt. „Die Stelle ist noch nicht besetzt, wird aber anschließend dafür da sein, Multiplikatorenarbeit zu machen, Fortbildungen bei Erziehern, Betreuern, Schulen.“ Erfreulich sei auch, dass das Land NRW noch einmal 100 schulpsychologische Stellen im ganzen Land geschaffen hat. „Da sind dann noch einmal andere Personen, die auf die Kinder und Jugendlichen zu gehen.“

Gut sei, dass jetzt die Netze immer weiter geschlossen werden. „Wir haben trotzdem noch eine ganze Menge zu tun, um den Kindern und Jugendlichen zu diesem Thema gerecht zu werden“, sagt Frank Köchling. „Aber wir arbeiten zuversichtlich daran weiter.“

Hintergrund

Um sexualisierte Gewalt handelt es sich, wenn eine Person des Vertrauens, die Abhängigkeit, Unterlegenheit oder Unwissenheit eines Kindes oder Jugendlichen ausnutzt, um eigene Bedürfnisse nach Sexualität und Macht zu befriedigen. Sie reicht von psychischem Druck bis hin zur körperlichen Gewaltanwendung. Beispiel: Erwachsene zwingen Kinder zu sexuellen Handlungen.

Beratungsstelle für Eltern, Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene, Jahnstraße 20, 42929 Wermelskirchen, Tel. (0 21 96) 10 22, Fax: (02196) 10 23

www.wermelskirchen.de

Katholische Erziehungsberatung e. V., MehrBlick, ab Mittwoch, Tel. (0 22 02) 95 76 60, E-Mail: info@mehrblick-rheinberg.de

Standpunkt: Zuhören ist wichtig

susanne.koch@rga.de

Die Studien sind alles andere als ermutigend: Erst nach dem siebten Mal finden Kinder häufig erst einen Zuhörer, der sie ernst nimmt und anschließend handelt. Daraus können wir als Gesellschaft nur schließen, dass wir Erwachsenen lernen müssen, den Kindern noch besser zuzuhören und sie ernst zu nehmen. Wichtig ist, egal, was Kinder oder Jugendliche erzählen, erst einmal die Ruhe zu bewahren und ihnen zu signalisieren, dass man überlegt, wie man ihnen helfen kann.

Denn die Folgen, die das Kind mit dem Erzählten auslöst, beispielsweise „Mein Onkel hat mich da unten angefasst“, kann es noch gar nicht selbst abschätzen. Es gibt im ganzen Kreis Beratungsstellen, die Eltern oder auch Erzieher, Lehrer, Betreuer ansprechen können, um mit ihnen gemeinsam zu überlegen, was zu tun ist. Sie helfen, die richtigen Schritte zu gehen. Leider stehen oft gar nicht die Kinder im Fokus. Das muss geändert werden.

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