Bühne

Selten war eine Brotzeit so persönlich

Das Publikum macht mit: Judy Bailey und Patrick Depuhl baten auch Zuhörer aus den Reihen an der Neuschäferhöhe auf die Bühne.
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Das Publikum macht mit: Judy Bailey und Patrick Depuhl baten auch Zuhörer aus den Reihen an der Neuschäferhöhe auf die Bühne.

Judy Bailey und Patrick Depuhl sorgen an der Neuschäferhöhe für einen bewegenden Abend.

Von Theresa Demski

Wenn Judy Bailey singt, dann stimmen die Menschen für gewöhnlich schnell ein. Dann schmettern sie Worshipsongs wie „Jesus In My House“, die in der Szene längst zu Klassikern geworden sind. Judy Bailey und Ehemann Patrick Depuhl sind erneut zu Gast bei der Brotzeit in der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde an der Neuschäferhöhe. Aber alles ist anders. Heute schmettert keiner geistliche Klassiker.

Heute wischen sich Besucher gelegentlich eine Träne aus dem Augenwinkel. Manchmal wissen sie nicht genau, ob sie lachen oder weinen sollen. Und am Ende gehen sie erfüllt und bewegt nach Hause – und merken, dass „Jesus In My House“ überhaupt nicht gefehlt hat. Judy Bailey und Patrick Depuhl zeigen sich an diesem Abend so nah und authentisch, wie das nur selten geschieht. Sie erzählen ihre Familiengeschichten und lassen dabei fast wie nebenbei einen bewegenden Appell zurück – gegen Rassismus, für Frieden, gegen Schwarz-Weiß-Denken und für die Buntheit.

„Ich weiß gar nicht, wer bei uns in der Familie eigentlich der Farbige ist“, sagt Patrick Depuhl irgendwann an diesem Abend. Er, der Blasse? Oder Sie, die Schwarze?

„Ich werde blau, wenn mir kalt ist, rot, wenn ich mich schäme, und pink bei Sonnenbrand“, sagt er, „dann bin ich wohl der Farbige.“ Manchmal ist es dieser heitere, fröhliche Ton, den Depuhl an diesem Abend zu den Texten aus dem neuen gemeinsamen Buch „Das Leben ist nicht schwarz und weiß“ anstimmt. Und manchmal sind die Lieder, die Judy Bailey danach singt, rockig und schnell.

Schmerzvoller Einblickin die Beziehung zum Vater

Zuhörer werden mit Instrumenten auf die Bühne gebeten. Aber gelegentlich verliert sich der leichte Ton. Dann erzählt Depuhl von ihren drei Söhnen. Als der Älteste nach seinem Abi – „0,9 – ich sag ja nur“ – ein Praktikum in der Apotheke antritt, sprechen die Menschen langsam und besonders laut mit ihm. „Man sah ja schon, dass er nicht so gut Deutsch kann“, sagt Depuhl. Oder: „Judy bezahlt, ich bekomme das Rückgeld. Judy stellt eine Frage, ich bekomme die Antwort.“ Rassismus im Alltag, an jeder Ecke. „Es ist schwer, einen Weg aus der Geschichte herausfinden“, räumt er ein, „fangen wir doch damit an, Verantwortung zu übernehmen.“

Und es wird noch persönlicher – als Depuhl die Geschichte seines Vaters erzählt. „Ein Kind, geboren für den Führer“, sagt er und erzählt von der Geburt seines Vaters im Lebensborn-Heim. „Darüber gesprochen hat er nie“, sagt er und gibt einen schmerzvollen Einblick in die Beziehung zum Vater. Und dann: „Wir“, sagt er und deutet auf seine Frau, auf sich und das riesige Foto der drei Söhne auf der Bühne, „wir wären für Heinrich Himmler die Hölle. Die nächste Generation. Schwarz und weiß. Bunt und frei. Unsere Kinder tragen jüdische Namen.“

Danach wird er leise, im Publikum ist es ganz still und Judy Bailey stimmt eine leise Melodie an. Worte treffen die Seele. Danach gelingt ihnen die Rückkehr zum heiteren Ton – zu ihrem Musikprojekt im heimischen Alpen mit Menschen aus unzähligen Nationen. „Frieden“, singt Judy Bailey. Und das Publikum stimmt ein.

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