Anzugkultur

Sein Verkaufskonzept geht auf

Unternehmer Jörg Michesl lässt sich immer etwas Neues einfallen.
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Unternehmer Jörg Michesl lässt sich immer etwas Neues einfallen.

Unternehmer Jörg Michels hat sein Sortiment noch breiter aufgestellt – Jetzt gibt es auch Lebensmittel.

Von Anja Carolina Siebel

Wermelskirchen. Jörg Michels ging im Herbst 2021 auf volles Risiko. Damals hatte der Wermelskirchener Unternehmer wie berichtet sein seit Anfang der 2000er Jahre in Wermelskirchen existierendes Geschäft Sweetex mit Damenmode geschlossen, um sich voll und ganz auf Herrenausstattung zu konzentrieren – mit einem neuen Geschäft namens Anzugkultur. „Wäre das schiefgegangen, wäre ich jetzt pleite“, sagt Michels. „Oder zumindest annähernd.“ Denn er habe im Herbst und Winter praktisch auf gut Glück Anzüge bestellt – auch fürs Frühjahr. „Man konnte ja damals gar nicht wissen, wann aufgrund der Corona-Pandemie wieder Veranstaltungen und Feste stattfinden und die Menschen wieder im Büro statt zu Hause arbeiten würden. Also wusste ich ja nicht, ob ich auf meiner Ware letztlich sitzen bleibe.“

Dem war nicht so. Aber Michels wäre ja nicht Michels, wenn er sich nicht noch weitere Verkaufskonzepte überlegt hätte. Denn auch in seiner „Hochzeitsstraße“, in der er mit seinem Team seit Jahren erfolgreich Brautmoden und Zubehör verkauft, war es in der Hochphase der Pandemie still geworden. „Ich habe mich dann nicht wie andere in den Sessel gesetzt und gewartet, was jetzt kommt, sondern bin aktiv geworden“, erzählt der Geschäftsinhaber.

Ihm sei von Beginn an klar gewesen, dass der Online-Handel eine zunehmend entscheidende Rolle für Händler spielen müsse. „Das ist einerseits schade“, räumt Michels ein, „denn ich bin gern im direkten Kontakt mit den Leuten. Aber es ist eben auch der Wandel der Zeit, dem man sich beugen muss.“ So lernte er, wie das mit dem Internetverkauf funktioniert. Wie er sich bei Google mit seinen Angeboten am besten platziert, und wie er seine Produkte bei Internetanbietern wie Amazon am besten präsentiert.

Ich habe mich nicht in den Sessel gesetzt, sondern bin aktiv geworden.

Jörg Michels, Händler

Und: Er erweiterte sein Sortiment. Und zwar um diverse Lebensmittel. „Spirituosen wie Whisky, Gin und Rum von erlesenen Marken gibt es bei uns ja schon länger“, sagt der Mann, der sich vor einigen Monaten den Begriff „Bridemaker“ (für „Braut-Ausstatter“) auf die Stirn tätowieren ließ. „Und wir bieten ja auch regelmäßig Tastings, also Probier-Abende, mit Experten an.“ Nun gibt es in Michels' Sortiment aber auch Nudeln, Gewürzmischungen und Schnäpse aus regionaler bergischer Herstellung. „Ich bin immer unterwegs und hole mir Anregungen zu neuen Produkten“, berichtet er. Gerade sei er beispielsweise aus Hamburg zurückgekommen.

Seine Kunden und Bekannten informiert er regelmäßig mit kleinen Videosequenzen über soziale Netzwerke. Mit über 6000 Followern sieht sich Michels schon als Influencer auf seinem Gebiet. „Ich werbe so für das, was ich mache, und stelle neue Produkte vor. Die Gegenwart ist eben digital. Da muss man sich anpassen.“

Michels ist bewusst, dass er mit seiner Art polarisiert, nicht bei allen gut ankommt. Aber das ist ihm auch nicht so wichtig. „Entscheidend ist, dass ich bei denen ankomme, für die ich das hier mache.“ Und das scheint so zu sein. Denn der Wermelskirchener „Influencer“ hat mit seiner Anzugkultur immerhin Kunden aus Aachen, Düsseldorf, Köln und Siegen, die sich regelmäßig an der Carl-Leverkus-Straße einkleiden. „Die schlauen Leute kommen eben aus den Großstädten nach Wermelskirchen“, sagt Michels. „Weil sie wissen, dass wir hier mehr Auswahl haben als Herrenausstatter in den großen Einkaufsstraßen. Die haben zwar alles Mögliche an Herrenbekleidung. Aber eben nicht eine so riesige Auswahl an Anzügen.“

Er habe alles richtig gemacht, dessen ist sich Jörg Michels sicher. „Natürlich kann man als Händler auch so weitermachen wie bisher und die Kunden ausschließlich mit bewährtem Sortiment vor Ort bedienen. Aber das Konzept wird auf Dauer nicht aufgehen. Die Kunden gehen nicht mehr in die Stadt zum Shoppen, sondern unternehmen eher gezielte Einkäufe. Oder gehen eben ins Internet. Und diesem Bedürfnis will ich nachkommen.“

Tattoo

Jörg Michels ließ sich als Brautausstatter den Begriff „Bridemaker“ auf die Stirn tätowieren und erntete mit dieser Entscheidung nicht nur Anerkennung. Das stört ihn indes nicht. „Ich möchte einen hohen Wiedererkennungswert haben, begründet er die Entscheidung.

Standpunkt von Anja Carolina Siebel: Umdenken muss sein

anja.siebel@rga.de

Dass Jörg Michels nicht bei jedem und jeder gut ankommt, das weiß er selbst. Zuletzt hatte er mit seinem ungewöhnlichen Tattoo auf der Stirn von sich reden gemacht. Was andere über ihn denken, das ist dem Wermelskirchener Geschäftsmann aber weitgehend egal. Und das macht ihn aus.

Was er erkannt hat: Als Ladenbetreiber in einer vergleichsweise kleinen Innenstadt kommt man unter Umständen nicht mehr recht weit. Die Bedürfnisse der Menschen haben sich nicht zuletzt durch die Pandemie verändert. Viele bestellen ihre Waren im Internet. So bitter das sicher für die lokalen Händler ist.

Aber auch sie können sich, wie man an seinem Beispiel sieht, ja umstellen. Sich breiter aufstellen. Wahrscheinlich ist das tatsächlich der einzige Weg, um die Innenstädte dauerhaft belebt zu halten. Den klassischen Einkaufsbummel durch die City, den machen leider die wenigsten inzwischen noch. Viel mehr geht es um gezielte Einkäufe.

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