Von „Schwebi“ bis Reiten: Förderung ist vielfältig

Wohlfühlerlebnis bei 35 Grad Wassertemperatur: Bei der Firma Hesselbach führt die Hilda-Heinemann-Schule ihr Schwerstmehrfachbehinderten-Schwimmen, kurz: Schwebi, durch. Derzeit ist es wegen Corona allerdings nicht möglich. Archivfoto: Roland Keusch
+
Wohlfühlerlebnis bei 35 Grad Wassertemperatur: Bei der Firma Hesselbach führt die Hilda-Heinemann-Schule ihr Schwerstmehrfachbehinderten-Schwimmen, kurz: Schwebi, durch. Derzeit ist es wegen Corona allerdings nicht möglich. Archivfoto: Roland Keusch

Die Hilda-Heinemann-Schule macht ihren Schülern besondere Angebote – Die Persönlichkeitsentwicklung steht im Vordergrund

Von Melissa Wienzek

Fußball, tanzen, Jonglage, ja, sogar klettern und Bowling spielen im Bowl-In sind Teil des schulischen Angebots der Hilda-Heinemann-Schule. Die Förderschule mit dem Schwerpunkt geistige Entwicklung hat eigentlich für jeden Schüler etwas zu bieten, in Ergänzung zum regulären Lehrplan. „Bei allem steht die Vermittlung von lebenspraktischen Inhalten im Vordergrund – mit so viel Hilfe wie nötig, so wenig Hilfe wie möglich“, erklärt Sonderschullehrerin Gaby Krüger. Denn das übergeordnete Ziel heißt auch hier: Eigenständigkeit. Um das zu erreichen, darf aber bitte auch der Spaß nicht zu kurz kommen.

Und den haben die Schüler ganz bestimmt in ihren Arbeitsgruppen und Angeboten. Momentan dürfen die klassenübergreifenden Projekte wegen Corona allerdings nicht stattfinden. Aber sobald es wieder geht, können die Schüler wieder loslegen.

Da gibt es zum einen das therapeutische Reiten auf dem Erlebnisbauernhof Rocholl in Höhrath. Dieses Projekt wird von den „Helfenden Handwerkern“ unterstützt. Wenn der Schulbus „Rudolph“ vorfährt – der mit der roten Nase –, gibt es kein Halten mehr. Denn die Begegnung mit den Tieren löst regelmäßig Jubel aus. Eine ausgebildete Reittherapeutin sorgt nicht nur dafür, dass die Kinder sicher aufs Pferd und wieder runterkommen, sondern lässt die Kinder auch kleinere Aufgaben auf dem Rücken der Pferde bewältigen. Ringe werfen, die Balance halten, eigenständig umdrehen – das klappt. Und gibt den Schülern Selbstvertrauen. Praktisch nebenbei wird mit dem therapeutischen Reiten auch die Rückenmuskulatur gestärkt, fallen Sorgen ab, darf mit dem Pferd gekuschelt werden. „Ein Schüler von uns hat dort sogar ein Praktikum gemacht. Er war hinterher richtig glücklich und zufrieden“, erzählt Sonderschullehrer Matthias Wiese.

Beim Schwimmen gibt es sogar vier Ebenen: das „Schwebi“-Schwimmen für schwerstmehrfachbehinderte Schüler, den Anfängerkurs, die Schwimmergruppe und schließlich die Königsdisziplin, die „Special Olympics“.

„Anders als beim Schwimmunterricht an anderen Schulen sind die Lehrer hier immer mit im Wasser.“

Matthias Wiese, Lehrer

Für Schüler mit einer schweren Behinderung, die niemals richtig schwimmen lernen werden, bildet das „Schwebi“ die Teilhabe an der Gesellschaft. Lehrer Matthias Wiese selbst trägt die Schüler dann zu Wasser, nachdem er sie mit einem speziellen Dusch-Rolli aus der Dusche geschoben hat. Er ist Rettungsschwimmer und hat früher selbst solche ausgebildet. Auch die Integrationskräfte gehen dann mit ins 35 Grad warme Wasser der Firma Hesselbach. „Das ist Wellness pur“, sagt Wiese. Die Schüler lernen nun Druck, Wärme und Temperaturunterschiede kennen – und dass der eigene Körper plötzlich ganz leicht ist. Schließlich spürt man im Wasser nur ein Zehntel seines Körpergewichts. „Wir bringen den Schülern damit nicht nur das Element Wasser näher, sondern bei Kindern mit einem Spasmus bewirkt diese andere Art der Lagerung sowie die Wärme des Wassers auch, dass sich die Muskulatur entkrampft“, erklärt Gaby Krüger. Ein Gewinn also auf so vielen Ebenen. Mittwochs ist für gewöhnlich Anfängerschwimmen im Sportbad am Park angesagt, vier Lehrer und maximal 15 Schüler sind dabei. „Anders als beim Schwimmunterricht an anderen Schulen sind die Lehrer hier immer mit im Wasser“, erklärt Wiese. Auch hier geht es um das Heranführen ans Element Wasser, aber auch um das eigenständige Schwimmen in Richtung Seepferdchen.

„Vor zwei Jahren ist eine Schülerin von uns sogar in Abu Dhabi als Inline- Skaterin gestartet.“

Matthias Wiese

Wer sich über Wasser halten kann, darf mit Matthias Wiese ins Tiefwasser übergehen. „Hier kommt plötzlich Panik dazu: Man spürt keinen Boden mehr unter den Füßen. Ich hangle mich dann mit dem Schüler in Ruhe am Rand entlang, dann gibt er mir erst eine Hand, und ich versichere ihm, dass nichts passiert, dann die nächste Hand – und wir können trainieren.“ Auch im H2O wird geschwommen. Hinzu kommt die soziale Komponente: „Ich muss mich auf die Schüler verlassen können, denn Oma Müller zieht nebenan auch ihre Bahnen“, sagt der Lehrer. Als Abenteuer organisiert Matthias Wiese in regelmäßigen Abständen zudem mit der Tauchschule „fun under pressure“ ein Gerätetauchen. Mancher Schüler entwickle ungeahnte Fähigkeiten. Ein Schüler habe beispielsweise ungeheure Angst vor dem Tauchen gehabt – es aber schließlich doch geschafft. So gelingt Persönlichkeitsentwicklung.

Die besonders begabten Inline-Skater, Fußballer und Schwimmer treffen sich bei den „Special Olympics“. Zweimal war die Hilda-Heinemann schon auf Bundes- und Landesebene dabei. „Vor zwei Jahren ist eine Schülerin von uns sogar in Abu Dhabi als Inline-Skaterin gestartet“, erzählt Wiese nicht ohne Stolz. „Und als die Fußballer in Hannover im Stadion ihre Medaillen bekamen, herrschte eine tierische Atmosphäre. Für unsere Schüler war das ein super Erlebnis, das sie wahrscheinlich nie wieder vergessen werden.“

Ein Video, das Matthias Wiese gedreht hat, gibt es hier:

www.rga.de

Das könnte Sie auch interessieren

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

Anka Zink bringt Katt zum Lachen
Anka Zink bringt Katt zum Lachen
Anka Zink bringt Katt zum Lachen
Neun Fragen an Norbert Drekopf
Neun Fragen an Norbert Drekopf
Neun Fragen an Norbert Drekopf

Kommentare