Schulstart

Schreiben nach Gehör ist längst abgelöst

Die Schule beginnt wieder – und Schreiben nach Gehör ist in der Grundschule endgültig abgeschafft.
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Die Schule beginnt wieder – und Schreiben nach Gehör ist in der Grundschule endgültig abgeschafft. Foto: Sebastian Gollnow/dpa

Wermelskirchens Schulleiterinnen sehen Abnahme der Rechtschreibsicherheit.

Von Theresa Demski

Wermelskirchen. Die Schulleiterinnen der Grundschulen schütteln nur lachend den Kopf. Was die Entscheidung der Politik zum Schreibenlernen für ihren Schulalltag bedeute? „Das ist nichts Neues für uns“, sagt Katrin Wagner, Schulleiterin der Schwanenschule. Die Politik hat in der vergangenen Woche daran erinnert, dass Grundschulen in NRW ab heute das umstrittene „Schreiben nach Gehör“ nicht mehr umsetzen dürfen. Neben dem Verbot hat das Schulministerium den Grundschulen einen Grundwortschatz mit 800 Wörtern auf den Weg gegeben, die nach der Grundschulzeit sitzen müssen.

Ein Rundruf bei Wermelskirchener Grundschulen ergibt allerdings: Das umstrittene „Schreiben nach Gehör“ wird schon seit Jahren, teilweise seit Jahrzehnten nicht mehr umgesetzt – zumindest nicht in der Form, die der Schweizer Pädagoge Jürgen Reichen in den 1980er Jahren mit seinem Konzept „Lesen durch Schreiben“ auf den Weg brachte. Er ermutigte die Lehrer, ihre Schüler weniger zu korrigieren und ihnen stattdessen die Möglichkeit zu geben, selbst zu lernen – indem sie hören, Lauttabellen unter die Lupe nehmen und so schreiben und lesen lernen.

Stattdessen haben die Schulen ihre eigenen Konzepte – die sich natürlich am Lehrplan orientieren. „Wir arbeiten schon lange mit einem Grundwortschatz und der Anlauttabelle“, sagt etwa Dagmar Strehlow-Toussaint, Schulleiterin der Waldschule.

Immer noch würden sie Kinder im ersten Schuljahr erstmal schreiben lassen, sagt Katrin Wagner. „Erst Krabbeln, dann Laufen“, sagt die Schulleiterin. Dann setzen die Lehrer nicht den Rotstift an. Aber schon im ersten Schuljahr gehe es auch um Rechtschreiblehre. Das sähen die Schulbücher vor, das habe sich im Unterricht bewährt, und das sei absolut keine Neuerung. „Unter einen Rechtschreibfehler setzen wir mit Bleistift eine Linie. Die Kinder wissen dann, dass sie das Wort noch mal überprüfen müssen“, erzählt Dagmar Strehlow-Toussaint. „Sie verbessern dann ihre eigenen Sachen.“ Auch Friederike Kelzenberg-Gerloff, Schulleiterin der Dhünntalschule in Dhünn und Dabringhausen, legt Wert auf diese Freiheit: „Die Mischung macht es. Wir wünschen uns, dass die Kinder kreativ sind und nicht bei jedem Wort über die Rechtschreibung nachdenken.“

Grundwortschatz gibt Sicherheit

Wörter, die den Kindern am Anfang noch weniger vertraut seien, dürften auch falsch geschrieben werden: „Dann weisen wir die Kinder darauf hin, dass Erwachsene dieses Wort anders schreiben.“ Der neue Grundwortschatz verändere nicht viel: „Aber wir begrüßen es, dass er festgeschrieben wurde. Das bedeutet für uns Sicherheit.“

Und wie gehen die Schulleiterinnen mit dem Vorwurf weiterführender Schulen und Studienergebnissen um, Kinder würden die Rechtschreibung nach ihrer Grundschulzeit nicht ausreichend beherrschen? „Weiterführende Schulen können ja nicht erwarten, dass die Kinder perfekt schreiben können“, sagt Dagmar Strehlow-Toussaint. Nicht ohne Grund sehe der Lehrplan erst nach Klasse 8 den Abschluss des Rechtschreibeprozesses vor. Und Friederike Kelzenberg-Gerloff glaubt nicht, dass die nachlassende Rechtschreibsicherheit vor allem pädagogischen Konzepten anzulasten sei. „Wir haben manchmal den Eindruck, bei den Kindern kommt die Wichtigkeit der Rechtschreibung nicht mehr richtig an.“ Das habe womöglich auch damit zu tun, dass das geschriebene Wort nicht mehr die Bedeutung wie früher habe. Kinder würden es in ihrem Alltag weniger wahrnehmen. So habe auch das Bedürfnis, richtig zu schreiben, abgenommen.

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