Vorwurf

Rehse bestreitet Pöbeleien bei Telegram

Dieses und andere Postings stellte der Kommentator in die Gruppe „Wermelskirchen Widerstand“ bei Telegram. Screenshot: Anja Carolina Siebel
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Dieses und andere Postings stellte der Kommentator in die Gruppe „Wermelskirchen Widerstand“ bei Telegram. Screenshot: Anja Carolina Siebel
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Unter dem Namen des Fraktionsvorsitzenden der Freien Wähler wurden dubiose Postings veröffentlicht

Von Anja Carolina Siebel

Wermelskirchen. „Widerstand Wermelskirchen“ heißt die Gruppe, die sich vor geraumer Zeit im sozialen Netzwerk Telegram formiert hat. Dort treffen sich seitdem Kritiker der Corona-Maßnahmen, aber auch Impfgegner, Corona-Leugner und zum Teil sogar Nutzer, die sich massiv gegen die in der Bundesrepublik geltenden Gesetze sowie gegen die Regierung positionieren. Und: Die sogenannten „Spaziergänger“, die sich seit Dezember auch in Wermelskirchen zu Montagskundgebungen treffen, um ihre Kritik an der Corona-Politik zu dokumentieren, verabreden sich in dieser Gruppe.

Immer wieder tauchte während der vergangenen Wochen in den Kommentarspalten indes auch der Name „Henning Rehse“ auf, der Name des Fraktionsvorsitzenden der Freien Wähler Wermelskirchen. Dieser Kommentator solidarisierte sich mit den Gruppenmitgliedern und schimpfte mit – vor allem galt seine Kritik den Unterzeichnern der „Wermelskirchener Erklärung für Zusammenhalt und Solidarität, für Demokratie, Aufklärung und Stadtkultur“ und deren Mitinitiator Wolfgang Horn. Der pensionierte Wermelskirchener Journalist betreibt einen privaten kommunalpolitischen Blog im Internet und hatte die Unterschriftenaktion mit ins Leben gerufen.

„Zum Kotzen diese Aktion von Horn“, lautet einer der Kommentare. „1000 Euro für den, der den Drecks-Blog von Horn abschaltet“, ein anderer. Zudem ist immer wieder zu lesen, dass der dort als „Henning Rehse“ oder „Rehse“ sichtbare Kommentator mit den „Spaziergängern“ sympathisiert, ihnen Vorschläge macht, welches Liedgut sie auf ihren Kundgebungen zum Besten geben könnten, und so fort.

Wermelskirchener, die bei Telegram angemeldet waren und Einsicht in die Gruppe „Widerstand Wermelskirchen“ hatten, konnten diese Einträge lesen. Auch einige Kommunalpolitiker, die Henning Rehse ebenso wie Wolfgang Horn am Dienstag damit konfrontierten.

Rehse stritt schon am Dienstag gegenüber dem WGA vehement ab, der Kommentator zu sein, und schrieb in einer Mail unter anderem an die WGA-Redaktion: „1. Ich bin nicht bei Telegram. 2. Ich habe folglich keine Beiträge dort verfasst. 3. Ich distanziere mich von dem Inhalt. 4. Nach meinem Urlaub werde ich prüfen, inwieweit ich unterbinden kann, dass dort jemand die fünf Buchstaben ,Rehse‘ benutzt.“

Seltsam ist, dass die kritischen Telegram-Posts unter dem Pseudonym „Graf von Berg“ als Verfasser zu sehen sind – außer für diejenigen, die die Kontaktdaten von Henning Rehse in der Kontaktliste ihres Smartphones gespeichert hatten. Die sahen dort seinen Klarnamen.

Wolfgang Horn erklärt die Situation so: „Das soziale Netzwerk Telegram greift auf die Kontaktliste des Smartphones zu und ordnet jedem Posting, das jemand aus der Kontaktliste absetzt, den Namen zu, unter dem derjenige im Smartphone gespeichert ist. Auch, wenn derjenige sich bei Telegram mit einem Pseudonym angemeldet hat.“

So sei zu erklären, dass einige Mitleser den Kommentator als „Henning Rehse“ und andere nur als Pseudonym gesehen hätten. In der Tat steht das auch so in den Geschäftsbedingungen des Messaging-Dienstes Telegram. Dort ist zu lesen: „Bei Telegram kannst du Nachrichten in Einzelchats und Gruppen senden, ohne deine Telefonnummer sichtbar machen zu müssen. Standardmäßig ist deine Nummer nur für Personen sichtbar, die du als Kontakt in deinem Adressbuch aufgenommen hast. (. . .) Bitte bedenke, dass die Personen deine Nummer immer sehen können, wenn sie (. . .) sie in ihrem Adressbuch gespeichert haben.“

Für Wolfgang Horn ist der Fall klar: „Sollte diese technische Beschreibung des Chats in Telegram-Gruppen zutreffend sein, woran ich nicht zweifle, dann hätte der Fraktionsvorsitzende der Freien Wähler in Wermelskirchen die Öffentlichkeit und auch mich belogen.“ Horn plane, Rehse aufgrund seiner Pöbeleien bei der Polizei anzuzeigen.

Empört zeigt sich auch Stefan Janosi, Fraktionsvorsitzender der Grünen. „Ich habe bereits die Bürgermeisterin über den Vorgang informiert“, sagt Janosi. „Wenn man sich ein bisschen mit dem sozialen Netzwerk Telegram auskennt, dann ist es unstrittig, dass diese Postings vom Telefon des Fraktionsvorsitzenden der Freien Wähler Wermelskirchen abgesendet wurden. Ich würde deshalb erwarten, dass er als gewähltes Ratsmitglied sich zumindest vor dem Ältestenrat oder dem Stadtrat dafür entschuldigt.“

Jochen Bilstein (SPD) ist selbst nicht bei Telegram angemeldet, sagt aber: „Wenn definitiv klar sein sollte, dass die Postings vom Ratsmitglied Henning Rehse stammen, verurteile ich das aufs Schärfste. Man sagt ja im Volksmund: Mit welchen Menschen du Umgang hast, sagt viel darüber aus, wer du bist.“ Stefan Leßenich, Stadtverbandsvorsitzender der CDU, bleibt neutral: „Ich habe das zur Kenntnis genommen. Offenbar steht da Aussage gegen Aussage.“

Rehse selbst bleibt bei seiner Aussage

„Ich persönlich würde als öffentliche Person nicht in solchen Netzwerken anonym kommentieren“, sagt Oliver Platt (BüFo). „Ich weiß nicht, ob Henning Rehse das tatsächlich getan hat“, räumt er ein, Bürgermeisterin Marion Lück wollte sich auf Nachfrage nicht zu den Vorwürfen gegen das Ratsmitglied äußern. Henning Rehse selbst bleibt auch auf nochmalige Nachfrage dabei, dass die Kommentare nicht aus seiner Feder stammen, wenn auch seine Handynummer zweifelsfrei bei Telegram hinterlegt ist. „Dann verwendet jemand Fremdes die Nummer“, sagt der Ortspolitiker. „Zudem handelt es sich für mich bereits um ein schwebendes Verfahren, zu dem ich jetzt nichts mehr sage.“

Nach Bekanntwerden der dubiosen Postings am Dienstagabend war die Telegram-Gruppe „Widerstand Wermelskirchen“ nicht mehr öffentlich sichtbar.

Hintergrund

Telegram ist ein kostenloser Messaging-Dienst zur Nutzung auf Smartphones, Tablets, Smartwatches und PC, der in Russland entwickelt wurde. Nutzer von Telegram können Textnachrichten, Sprachnachrichten, Fotos, Videos und Dokumente austauschen, sowie Sprach- und Videotelefonie zu anderen Telegram-Nutzern verwenden. Ein Impressum verwendet der Anbieter nicht.

Standpunkt

anja.siebel@rga.de

Kommentar von Anja Carolina Siebel

Es mutet schon seltsam an, dass die Hetz-Nachrichten in der Gruppe „Wermelskirchen Widerstand“ bei Telegram offenbar zweifelsfrei von der Handynummer Henning Rehses, dem Fraktionsvorsitzenden der Freien Wähler Wermelskirchen, versendet wurden. Denn das lässt sich verifizieren, wenn man seine Kontaktdaten eingespeichert hat und selbst Mitglied des Netzwerks Telegram ist. Rehse sagt nun, dass seine Mobilnummer offenbar fremdverwendet wurde. Das wird zu prüfen sein. Sollte es sich aber bewahrheiten, dass tatsächlich das Ratsmitglied Rehse die Postings abgesetzt hat, so wäre das ein starkes Stück. Denn er ist nicht Peter Müller oder Hans Schmitz von nebenan. Hennig Rehse ist ein gewählter Ortspolitiker, der angetreten ist, sich für die Belange der Bürger einzusetzen. Er ist somit eine öffentliche Person. Und als solche sollte man sich mit persönlichen Animositäten oder gar Beschimpfungen in der Öffentlichkeit zurückhalten. Henning Rehse ist bekannt als jemand, der seine Meinung nicht hinterm Berg hält. Und das ist im Grunde auch gut so. Das sollte er dann aber öffentlich und konstruktiv tun.

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