Corona-Pandemie

RBK: Gesundheitsamt muss Prioritäten setzen

Die Corona-Warn-App zeigt derzeit häufig rot. Massiv erhöhte Fallzahlen beschäftigen vor allem die Behörden. Symbolfoto: Christian Beier
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Die Corona-Warn-App zeigt derzeit häufig rot. Massiv erhöhte Fallzahlen beschäftigen vor allem die Behörden. Symbolfoto: Christian Beier

Der massive Anstieg der Corona-Fallzahlen bringt die Behörden an ihre Grenzen.

Von Anja Carolina Siebel

Wermelskirchen/Rheinisch-Bergischer Kreis. Ein Satz war im Gesundheitsamt Bergisch Gladbach dieser Tage öfter zu hören: „Wie sollen wir das noch schaffen?“ Bereits am 24. Januar meldete die Behörde in einer öffentlichen Mitteilung, dass das Lagezentrum in Bezug auf die Nachverfolgung der Corona-Fallzahlen „vorübergehend an seine Kapazitätsgrenze“ gekommen sei. Die Folge: Die Fallzahlen und vor allem die ausgewiesene Sieben-Tages-Inzidenz entsprachen in den vergangenen Tagen höchstwahrscheinlich nicht mehr der Realität.

„Wir sehen deshalb seit Donnerstag davon ab, die Sieben-Tages-Inzidenz zu melden“, sagt Birgit Bär, Sprecherin des Corona-Krisenstabs im Kreis, auf Nachfrage. Auch die Quarantänezahlen würden nicht mehr aufgenommen. Die erfassten Fälle würden aber weiter an das Landeszentrum Gesundheit NRW (LZG) gemeldet. Die Angaben würden voraussichtlich wieder in die täglichen Fallzahlenmeldungen aufgenommen, sobald die Datenlage wieder valide sei.

Birgit Bär erklärt, was unter anderem zu den Schwierigkeiten geführt haben könnte: „Wie fast alle Gesundheitsämter bundesweit haben wir mit personellen Engpässen zu kämpfen.“ Die 14 Helfer der Bundeswehr, die dem Kreis seit Dezember zuarbeiteten, seien Ende Januar mit einem Mal aufgrund von Quarantäne-Maßnahmen weggefallen. „Zudem hatten wir einen ganzen Schwung von Nachmeldungen aus dem Labor“, schildert Birgit Bär das Dilemma.

Mehr Mitarbeiter für das Gesundheitsamt im Rheinisch-Bergischen Kreis

Der Kreis steuerte rasch gegen: Drei neue befristete Mitarbeitende wurden eingestellt, weitere Vorstellungsgespräche laufen. Zudem wurden 15 Mitarbeitende aus der allgemeinen Verwaltung abgezogen, um im Gesundheitsamt mitzuhelfen. Birgit Bär: „Wir versuchen alles, um die personelle Lage besser zu gestalten. Gottlob sind die Bundeswehrsoldaten jetzt auch wieder an Bord.“ Dennoch sei es unmöglich, mit den vorhandenen Kapazitäten die Flut an Fallzahl-Meldungen aus dem Labor eins zu eins abzuarbeiten. Konkret würden sich die Rückstände auf die Eingabe der Fallzahlen in das Softwaretool, den Versand der Informationsschreiben an Kontaktpersonen von Infizierten und das Ausstellen von Quarantänebescheinigungen für Arbeitgeber beziehen.

Die Quarantäne-Regeln mussten deshalb auch wie berichtet angepasst werden. Nach den derzeit gültigen Regeln haben sich Infizierte und deren häusliche Kontaktpersonen selbst unmittelbar in Quarantäne zu begeben und auch ihre weiteren Kontaktpersonen selbst zu informieren.

„Die Situation ist äußerst angespannt“, erklärte dieser Tage dazu auch der rheinisch-bergische Gesundheitsdezernent Markus Fischer. „Aufgrund der immens hohen Infektionszahlen – sowohl im Bereich von Indexfällen wie auch bei betroffenen Einrichtungen im Kreisgebiet – entstehen aktuell Rückstände in der Kontaktpersonennachverfolgung. Diese Rückstände werden schnellstmöglich aufgearbeitet, die Zahlen werden sukzessive nachgetragen.“ Wann eine vollständige Aufarbeitung erfolgt sein wird, stehe derzeit noch nicht fest.

„Sonderlagen“ werden weiterhin akribisch bearbeitet

Akribisch bearbeitet würden indes nach wie vor so genannte Sonderlagen, sprich: Infektionsfälle in Einrichtungen wie Kindertagesstätten, Schulen, Senioren- und Pflegeeinrichtungen oder Behindertenwerkstätten. „Die Zusammenarbeit mit den Einrichtungen funktioniert sehr gut“, sagt Birgit Bär. Vielfach würden beispielsweise positiv ausgefallene Pooltestungen in Schulen oder Kitas gleich dem Amt gemeldet, „so dass wir die Lage schon im Blick haben, ohne Einzelfälle zu kennen“, sagt Bär.

Mit Blick auf die für Mitte März geplante einrichtungsbezogene Impfpflicht, im Zuge derer den Ämtern nicht geimpftes Personal gemeldet werden und die Fälle dann entsprechend bearbeitet werden sollen, werde ihr „ganz anders“ zumute. „Das können wir ohne zusätzliches Personal auf gar keinen Fall leisten.“ Birgit Bär betont dazu: „Wenn man den Schutz des Gesundheitssystems im Blick hat, gehören dazu auch ganz klar die Gesundheitsämter. Denn auch die machen einen maßgeblichen Teil aus.“

Fallzahlen

Im Kreis sind 519 weitere bestätigte Corona-Fälle erfasst worden, davon 77 in Wermelskirchen und 43 in Burscheid. Zudem 217 in Bergisch Gladbach, 39 in Kürten, 41 in Leichlingen, 22 in Odenthal, 46 in Overath und 34 in Rösrath. 3388 Personen gelten als aktuell positiv auf das Virus getestet. 38 Covid-19-Patienten erkrankt sind, befinden sich in einem Krankenhaus in stationärer Behandlung, davon fünf in intensivmedizinischer Betreuung, zwei davon an einem Beatmungsplatz.

Standpunkt: Ein Flickenteppich

Kommentar von Anja Carolina Siebel

anja.siebel @rga.de

Jahrzehntelang führten die Gesundheitsämter bundesweit eine Art Schattendasein. Investiert vom Bund wurde kaum oder gar nicht. Bis die Corona-Pandemie anrückte. Und mit ihr ein Berg an Arbeit für eben diese Gesundheitsämter. Es ist kein Wunder, dass sie inzwischen nicht nur personell an ihre Grenzen stoßen. Und nun soll auch noch Mitte März die einrichtungsbezogene Impfpflicht kommen, in die die Gesundheitsbehörden voraussichtlich ebenfalls maßgeblich eingebunden sein werden. Birgit Bär hat völlig recht, wenn sie sagt, dass zum Schutz des Gesundheitssystems, der ja während der Pandemie von Bund und Ländern immer sehr hochgehalten wurde, auch der der Gesundheitsämter zählt. Auch sie sind ein maßgeblicher Teil davon und tragen entsprechend zu dessen Funktionieren oder eben Nicht-Funktionieren bei. Zurzeit sind sie ein einziger Flickenteppich und können nur mit reduzierter Kraft arbeiten. Es wird deshalb höchste Zeit, dass aufgestockt werden kann bei den Gesundheitsbehörden. Die Pandemie sollte ausreichend Gründe dafür geliert haben.

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