Pandemie

Psychischer Druck wächst in der Corona-Krise

Birgit Ludwig-Schieffers. Archivfoto: Jürgen Moll
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Birgit Ludwig-Schieffers.

Gerade bei Alleinlebenden dreht sich das Gedankenkarussell, sagt Pfarrerin Almuth Conrad.

Von Theresa Demski

In dieser Woche machte Pfarrerin Almuth Conrad spontan einen Besuch im Krankenhaus. Eine Dame aus der Gemeinde hatte bei der Pfarrerin angerufen und erzählt, ihre Freundin werde operiert und sie würde sich über einen Besuch freuen. „In diesen Momenten können wir tätig werden“, sagt Almuth Conrad. „Die große Herausforderung ist aber, in diesen Zeiten überhaupt von der Not der Menschen zu erfahren.“

Die meisten Menschen nämlich blieben mit ihren Gedanken und Sorgen zu Hause alleine. Die Angst vor einer Ansteckung und die Auflagen sorgen dafür, dass sie das Haus nicht verlassen. „Dann haben die Menschen aber auch mehr Zeit zum Nachdenken und das Gedankenkarussell beginnt sich zu drehen“, sagt die Pfarrerin. Vielen fehle eine regelmäßige Umarmung oder der Kaffee zwischendurch. Sie fühlen sich in der Krise alleine.

Dann sei es wichtig, die Flut von Gedanken und Ängsten zu durchbrechen. „Wir Pfarrer wollen ausdrücklich Ansprechpartner sein“, sagt sie. „Wir wünschen uns, dass die Menschen den Schritt schaffen und sich bei uns melden. Dafür brauchen sie kein gebrochenes Bein.“

Viele Menschen seien an dieser Stelle allerdings zurückhaltend. „Vor Corona haben wir sie im Gottesdienst oder bei Veranstaltungen im Gemeindehaus getroffen und haben ein Wort gewechselt“, sagt Almuth Conrad, „diese Möglichkeiten fallen nun weg.“ In Hünger habe der Besuchsdienst vor einigen Wochen den Senioren der Gemeinde ein kleines Geschenk vorbeigebracht. „Das ist unser Schritt auf die Menschen zu“, sagt die Pfarrerin. Andere Kollegen würden Rundrufe durch die Gemeinde starten, um zu signalisieren, dass Gesprächsbereitschaft bestehe. „Manchmal hilft auch ein Hinweis von Freunden“, sagt Conrad.

Medien sind für Jugendliche die Nabelschnur nach draußen

Währenddessen kümmert sich die Psychologische Beratungsstelle der Stadt um Familien, Kinder und Jugendliche. In Corona-Zeiten gebe es nicht mehr Anfragen als sonst, sagt Leiterin Birgit Ludwig-Schieffers. Aber die Folgen der Pandemie würden die Probleme im Alltag doch beeinflussen. „Im ersten Lockdown haben wir noch häufig die Rückmeldung bekommen, dass die Familien die Zeit auch als Chance erleben“, sagt Birgit Ludwig-Schieffers. Inzwischen mache sich aber bemerkbar, dass die Krise seit mehr als neun Monaten den Takt vorgebe. „Sie dauert länger, als wir dachten – und die Wucht der zweiten Welle ist stärker, als wir angenommen hatten“, sagt sie.

Pfarrerin Almuth Conrad.

Dazu käme, dass nun der Winter und nicht der Frühling vor der Tür stehe. „Einigen macht diese Entwicklung große Sorge“, sagt sie. Jugendliche würden mit ihrem Bedürfnis kämpfen, ihre Freunde zu sehen. „Es fällt ihnen schwer, zu verstehen, dass ein Zusammentreffen in der Schule erlaubt, am Nachmittag verboten ist“, berichtet die Fachfrau. Jugendliche, die sich über das Verbot hinwegsetzen, hätten oft mit Belastungen und einem schlechten Gefühl zu kämpfen. „Dazu kommt die Sorge um Großeltern“, sagt Birgit Ludwig-Schieffers.

Im Gespräch mit Eltern, die sich um den Medienkonsum ihrer Kinder sorgen, raten die Fachleute in diesen Monaten zu etwas Großzügigkeit: „Für die Jugendlichen ist das oft die Nabelschnur nach draußen“, weiß Birgit Ludwig-Schieffers. „Die sollte in diesen Zeiten nicht auch noch gekappt werden.“ Angst haben die Menschen auch vor der Krankheit selbst oder einer erneuten Schließung von Schulen und Kindergärten.

„Wir erleben auch, dass sich Kinder mit depressiven Tendenzen in der Krise zurückziehen“, berichtet die Fachfrau. Zwanghafte Strukturen würden sich verstärken: Dann würden Kinder zum Beispiel damit anfangen, sich ständig die Hände zu waschen. „Generell haben wir das Gefühl, dass sich gerade die Jüngeren aber auch schnell an die neuen Regeln gewöhnt haben“, sagt sie.

Standpunkt: Hilfe in Anspruch nehmen

Von Gunnar Freudenberg

gunnar.freudenberg@rga-online.de

In der öffentlichen Diskussion geht es vorwiegend um Fallzahlen, um Inzidenz-Werte, um Strategien für Schulen und Kitas oder um Krankheitsfälle – häufig unter dem Blickwinkel der Viruserkrankung. Dass es in dieser für uns alle herausfordernden Pandemie-Zeit gleichzeitig eine Vielzahl an psychischen Problemen gibt, kommt dabei manchmal etwas zu kurz. Klar ist: Gerade in einer Zeit, in der wir uns alle an Abstandsregeln gewöhnt haben, braucht es Nähe und Seelsorge angesichts der vielen Ängste und Nöte. Das bestätigen auch Pfarrerin Almuth Conrad und Birgit Ludwig-Schieffers, die Leiterin der Psychologischen Beratungsstelle der Stadt, wenn sie über ihre Erfahrungen sprechen. Ob Vereinsamung, Existenzangst, Arbeitslosigkeit, Platzmangel oder die Sorge um erkrankte Freunde und Verwandte – die Wucht der zweiten Welle trifft viele Menschen stärker. Deshalb ist es wichtig, dass die Menschen den Schritt schaffen und die Hilfsangebote bei Bedarf auch in Anspruch nehmen. Und zwar noch bevor sich das Gedankenkarussell zu schnell zu drehen beginnt.

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