Missbrauchs-Fall Wermelskirchen

Missbrauch: Angeklagter aus Wermelskirchen legt Geständnis ab

Ein Aktenordner mit den Hinweis „Sonderheft Lichtbilder“
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Ein Aktenordner mit den Hinweis „Sonderheft Lichtbilder“
  • Anja Carolina Siebel
    VonAnja Carolina Siebel
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Er fand seine Opfer als Babysitter - auch in Solingen. Beobachter verließen zu Prozessbeginn angewidert den Gerichtssaal. Anwälte sagen: Er ist „kein Monster“, sondern „jetzt ein anderer Mensch“.

Update, 17.39 Uhr: Seine Taten räume er vollständig ein, sagte Marcus R. mit klarer Stimme. Kerzengerade saß der in 124 Missbrauchsfällen angeklagte Wermelskirchener am zweiten Prozesstag zwischen seinen beiden Verteidigern und legte ein Geständnis ab. „Die Taten habe ich so begangen; sie sind abscheulich und ich möchte jetzt zur Wahrheitsfindung beitragen.“ Bei seinen Opfern, stellvertretend den Anwälten der Nebenklage, wolle er sich entschuldigen.

Nach einem Jahr in Haft habe er „eine andere Sicht auf die Dinge“, sagte er. „Ich habe mich damals in einer Art Parallelwelt bewegt.“ Das Gericht bat er um eine Therapiemöglichkeit. Er habe sich vor Jahren schon einmal für das Präventionsprojekt „Kein Täter werden“ an der Charité Berlin interessiert. „Ich wusste aber nicht, wie ich eine Teilnahme vor meiner Frau, Familie und Freunden rechtfertigen sollte.“

Marcus R. führte jahrelang ein Doppelleben. Er wuchs mit einer Schwester bei seinen Eltern in Rösrath auf, wo er noch bis ins Erwachsenenalter wohnte. Später zog er nach Wuppertal; zuerst allein, dann mit seiner Noch-Ehefrau, mit der er zwar noch verheiratet ist, laut WGA-Informationen soll aber die Scheidung eingereicht sein.

Beruflich erfolgreich und in einer „Parallelwelt“

Marcus R. war beruflich erfolgreich, arbeitete als IT-Fachmann, reiste beruflich viel, hatte flexible Arbeitszeiten, fuhr teure Autos, zuletzt einen Tesla. 2016 verbrachte er einige Monate im Silicon Valley, einem der bedeutendsten Standorte der IT- und Hightech-Industrie weltweit.

Missbrauchskomplex Wermelskirchen: Der Angeklagte und seine Verteidiger beim Prozessauftakt im Landgericht Köln am 6. Dezember 2022.

Im Oktober 2018 heiratete er; eigene Kinder hatte das Paar nicht. Aber Marcus R. habe Kinder gemocht, erzählte er vor Gericht. „Und zwar unabhängig vom sexuellen Interesse. Kinder in der Familie oder von Freunden waren für mich auf sexueller Ebene tabu. Ich habe mich aber gern mit ihnen beschäftigt.“ 2020 zog das Paar nach Wermelskirchen.

Und dann sei da seine „dunkle Seite“ gewesen, von der niemand gewusst habe, berichtete Marcus R. „Meine erste pädophile Tat war die im März 2005“, berichtete er. Wie berichtet, gab sich der Mann als Babysitter aus und suchte in entsprechenden Plattformen im Netz nach Eltern oder Alleinerziehenden, die nach einem Betreuungsangebot fragten. „Am liebsten“, gestand er dem vorsitzenden Richter, „waren mir Jungen im Alter von 0 bis 8.“ Ob denn die Eltern nicht misstrauisch gewesen seien, „als Sie da mit Ihrem Tesla vorfuhren und dann acht Euro die Stunde für ein Mal Babysitten kassierten?“ Er habe damals noch keinen Tesla gehabt, sagte der Angeklagte. Misstrauisch seien die Eltern aber nicht gewesen. „Ich habe meine Taten ja begangen, als die Kinder geschlafen haben. In den Wachzeiten habe ich mit ihnen gespielt, gelesen, etwas unternommen. Ich habe sie gern gehabt. Vor allem die, die ich länger betreut habe.“

Auch er sei bei den Kindern beliebt gewesen. Nur vereinzelt habe es Abneigung gegeben, wie bei einem Jungen, der seiner Mutter erzählt hatte, Marcus R. hätte „Fotos von ihm gemacht“. Die Mutter engagierte ihn daraufhin nicht mehr.

„Wenn die Kinder größer waren, habe ich die Taten im Schlaf begangen. Bei Säuglingen und behinderten Kindern auch im Wachzustand.“ Er räumte ein, dass das „besonders schlimm“ sei. Und er räumte auch ein, dass er das wohl so gemacht habe, um nicht Gefahr zu laufen, dass die Kinder etwas vom Missbrauch erzählen.

Alle seine Taten, bis auf eine 2019 in Berlin, habe er gefilmt. Er habe eine „Sammelleidenschaft“ und deshalb das gesamte Material archiviert. „Es ging mir weniger darum, das nochmal anzuschauen, als eher darum, es einfach zu haben.“

Zu vier anderen pädophil veranlagten Männern habe er freundschaftliche Kontakte gepflegt, sei mit zweien sogar einmal in den Urlaub geflogen. Sexuelle Kontakte habe es auch zu ihnen gegeben. „Ein Ring waren wir aber nicht. Die anderen Männer, mit denen ich gechattet habe, waren mir unbekannt.“

Der Prozess wird am Donnerstag und in der kommenden Woche fortgesetzt und dauert voraussichtlich noch Monate.

HIntergrund

Dem 45-Jährigen aus Wermelskirchen, der als Hauptbeschuldigter im Missbrauchskomplex „BAO Liste“ gilt, wird sexueller Missbrauch in 99 Fällen vorgeworfen – davon in 89 Fällen schwerer sexueller Missbrauch. Die Taten haben sich laut Staatsanwaltschaft nicht in Wermelskirchen ereignet.

Update: Im Prozess zum Missbrauchsfall Wermelskirchen lässt sich der Angeklagte zur Stunde ein. Die Verteidigung hatte ein Geständnis angekündigt.

Zu Beginn des zweiten Prozesstages entschuldigte sich der Angeklagte aus Wermelskirchen bei den Opfern. Er habe „in einer Parallelwelt“ gelebt. Das sei ihm nach einem Jahr in Haft bewusst. Er bezeichnet sich selbst als kontaktfreudigen offenen Menschen. Im sozialen Umfeld knüpfe er - abseits der „dunklen Seite“, wie er es nannte - gern Kontakte. Sein Freundeskreis sei klein, aber eng.

Er hatte engen Kontakt zu vier anderen pädophilen Männern, zu denen er auch sexuelle Kontakte pflegte.
Wir berichten an dieser Stelle weiter.

Unser Bericht vom 6. Dezember: Köln/Wermelskirchen. Es waren unfassbare und an Grausamkeit kaum zu überbietende Details, die zwei Staatsanwältinnen am Dienstagmorgen im Sitzungssaal 7 des Kölner Landgerichts verlasen. Rund zwei Stunden dauerte die Verlesung der Anklageschrift zum Missbrauchskomplex Wermelskirchen; zum Teil verließen Zuhörende mit den Worten „Das ertrage ich nicht mehr“ den Saal.

Klein, schmächtig, unscheinbar, mit Brille und hellblauem Hemd. So saß er da zwischen seinen beiden Anwälten, der in inzwischen insgesamt 99 Fällen (124 Einzeltaten) zum Teil schweren sexuellen Missbrauchs an Kindern angeklagte 45-Jährige. Er hatte zuletzt mit seiner Ehefrau in einer beschaulichen Straße in Tente in einem Einfamilienhaus gelebt.

Ein Monster, so betonte der Kölner Strafverteidiger Christian Lange, einer der Anwälte des Angeklagten, sei der 45-Jährige nicht mehr. „Der, der jetzt hier sitzt, ist ein anderer Mensch als der, der diese Taten begangen hat“, las Lange aus einer vierseitigen Stellungnahme vor, die er offenbar zusammen mit dem Angeklagten ausgearbeitet hatte.

Verteidigung: Angeklagter im Missbrauchskomplex „kein Monster“

Der Wermelskirchener, der seinen Familienstand weiter mit „verheiratet“ angibt, wolle sich am 2. Prozesstag - dem 7. Dezember - noch einmal selbst öffentlich zu den Taten äußern, die er vollständig einräume. Er habe, so Lange, ganz bewusst zur Aufklärung der Taten beigetragen und wolle „mit der Vergangenheit aufräumen“.

Die Taten, die die Staatsanwältinnen nicht ohne die Schilderung aller grausamen Details abwechselnd verlasen, sprechen eine deutliche Sprache. Der 45-Jährige soll sich im von den Ermittlern erfassten Zeitraum von März 2005 bis September 2019 auf perfide Art und Weise Kontakt zu Kindern verschafft haben – zum Teil zu Säuglingen. Er soll dabei diverse Online-Plattformen genutzt und Kontakt zu Müttern oder Eltern aufgenommen haben, die einen Babysitter suchten.

Opfer in Solingen, Bergisch Gladbach, Ennepetal, Köln, Berlin und Wuppertal

Die Opfer des in Rösrath aufgewachsenen Angeklagten sollen in Solingen, Bergisch Gladbach, Ennepetal, Köln und Berlin leben. In seiner Wohnung in Wuppertal, in der er vor seinem Umzug nach Wermelskirchen gelebt hatte, soll ebenfalls ein Missbrauch mit einem schutzbefohlenen Kind geschehen sein. Zwei Fälle betreffen Solingen.

Die Strategie des 45-Jährigen ähnelte sich in allen Fällen: Zum Großteil soll er die Kinder während seiner „Betreuungszeit“ im Schlaf überwältigt, ihnen zum Teil ein in der Apotheke rezeptfrei erhältliches Schlafmittel verabreicht und sich dann in einer nicht schilderbaren Weise an Kindern und Babys vergangen haben, sie vergewaltigt und gequält haben. Das jüngste Opfer des Angeklagten soll gerade einmal vier Monate alt gewesen sein.

Zweite Masche, die dem Angeklagten vorgeworfen wird: Er soll sich via Chat mit anderen pädophilen Tätern verabredet und sie zu sexuellen Handlungen motiviert haben, zu denen diese dann Kinder und Jugendliche vor der Kamera gezwungen haben sollen.

Jede seiner Taten habe der 45-Jährige gefilmt und archiviert

Besonders perfide: In drei Fällen, einem davon in Solingen, soll sich der Wermelskirchener an Kindern mit körperlicher und geistiger Behinderung vergangen und deren Unfähigkeit ausgenutzt haben, sich gegen die Gewalt zu wehren. Der Fall in Solingen soll sich bereits 2010 ereignet haben. Die Mutter des schwer körperlich und geistig behinderten Kindes hatte über eine Babysitter-Plattform im Internet nach einem Babysitter gesucht - so hatte der Angeklagte aus Wermelskirchen Kontakt zu seinem Opfer knüpfen können.

Wie kamen die Ermittler ihm auf die Spur?

2019 soll der Mann laut Anklage Kontakt zu einem ebenfalls angeklagten Täter in Berlin gehabt haben, mit dem er gemeinsam Videos von sexuellen Handlungen mit Kindern gefilmt und im Netz veröffentlicht haben soll. Über diesen Mann entstand für die Ermittler schließlich der Kontakt nach Wermelskirchen, wo der 45-Jährige am 3. Dezember 2021 während einer beruflichen Videokonferenz in seinem Haus verhaftet wurde.

Verteidigung betont: Angeklagter gesteht und trägt zur Aufklärung bei

Jede seiner Taten hat der Wermelskirchener offenbar gefilmt und auf dem heimischen Rechner archiviert. Strafverteidiger Christian Lange wollte das zum Anlass nehmen, verminderte Schuld beim Angeklagten zu konstatieren: „Mein Mandant hat durch das Videomaterial dazu beigetragen, dass weitere Fälle aufgeklärt werden konnten“, sagte er. „Wäre das alles ohne Aufzeichnungen passiert, wäre es schwer gewesen, es aufzudecken und andere Täter ausfindig zu machen.“ Sein Mandant habe stattdessen bewusst dazu beigetragen, dass 130 weitere Täter in diesem Komplex gefasst hätten werden können. Der Prozess wird heute und in den nächsten Tagen fortgesetzt.

Zusammenfassung: BAO Liste

Dem 45-Jährigen aus Wermelskirchen, der als Hauptbeschuldigter im Missbrauchskomplex „BAO Liste“ gilt, wird sexueller Missbrauch in 99 Fällen vorgeworfen – davon in 89 Fällen schwerer sexueller Missbrauch. Die Taten haben sich laut Staatsanwaltschaft nicht in Wermelskirchen ereignet.

Prozessbeginn: Spürhund schlug an

Der Prozessbeginn am Montag, 6. Dezember, hatte sich verzögert. Statt wie geplant um 9.15 Uhr begann das Verfahren erst nach 10 Uhr. Ein Sprengstoffhund hatte angeschlagen. Schon nach kurzer Zeit gab es aber Entwarnung.

Missbrauchskomplex Wermelskirchen: Zahlreiche weitere Verfahren

Die Aufdeckung des Falls hatte große Welle geschlagen, weil er - ähnlich wie andere Missbrauchskomplexe der vergangenen Jahre wie etwa in Bergisch Gladbach - zu zahlreichen weiteren Ermittlungsverfahren gegen weitere Beschuldigte führte. Der Angeklagte soll mit einer Vielzahl von Männern kinderpornografische Bilder und Videos «unvorstellbarer Brutalität» getauscht haben.

Missbrauchsfall Wermelskirchen: Wann wird ein Urteil gesprochen?

Der Anwalt des Angeklagten hatte bereits vor dem Prozess angekündigt, dass der Deutsche ein Geständnis ablegen wolle. Am Dienstag, 7. Dezember, wird eine erste Einlassung des Mannes erwartet. Das Landgericht Köln hat zunächst Verhandlungstage bis Ende Februar 2023 terminiert.

Hintergrund: Missbrauchskomplexe Lügde, Bergisch Gladbach, Münster

Der Fall steht in der öffentlichen Wahrnehmung in einer Reihe mit anderen großen Missbrauchskomplexen der vergangenen Jahre - etwa mit Lügde, Bergisch Gladbach und Münster. Ermittler stießen dabei auf zum Teil weit verzweigte Geflechte aus Missbrauchstaten und Tätern. In Bergisch Gladbach etwa waren bei einem Familienvater nicht nur große Mengen kinderpornografischen Materials, sondern auch Chats und Kontakte zu anderen Männern gefunden worden, die im Internet Videos und Abbildungen schweren sexuellen Kindesmissbrauchs austauschten. Das Kölner Landgericht beschrieb die Festnahme bei seinem Urteil gegen den Mann rückblickend als „Erdbeben“ für die Szene.

Den Wermelskirchener hatten Spezialkräfte im vergangenen Dezember festgenommen. Publik gemacht wurde der Fall von den Ermittlern dann im Sommer 2022. Nach damaligen Angaben erfolgte der Zugriff in einer spektakulären Aktion: Um unverschlüsselten Zugriff auf Dateien zu bekommen, sollen Einsatzkräfte den Mann am eingeschalteten Rechner überwältigt haben - während einer Videokonferenz mit Arbeitskollegen. Diese glaubten offenbar zunächst, es handle sich um einen Überfall.

Die mutmaßlichen Taten in dem Komplex und das gefundene Material lösten Fassungslosigkeit aus. „Ein solches Ausmaß an menschenverachtender Brutalität und gefühlloser Gleichgültigkeit gegenüber kleinen Kindern, ihren Schmerzen und ihren Schreien ist mir noch nicht begegnet“, erklärte Kölns Polizeipräsident Falk Schnabel damals.

Prävention von Kinderpornografie - Wie kann ich Kinder schützen?

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