Präzise Pizzicato-Polka

Die Solistinnen der beiden Konzerte im Rittersaal von Schloss Burg - von links: Elisabeth Hellwig, Lena Kleinöder, Marie-Claire Dutt und Barbara Wirtz-Böhm.©
+
Die Solistinnen der beiden Konzerte im Rittersaal von Schloss Burg - von links: Elisabeth Hellwig, Lena Kleinöder, Marie-Claire Dutt und Barbara Wirtz-Böhm.<br><i>©

Das Sinfonieorchester der Musikgemeinde Wermelskirchen hat wieder Hof gehalten im Rittersaal von Schloss Burg. Aus der Serenade ist seit diesem Jahr, schlüssig, das "Adventskonzert" geworden. Ansonsten aber hat sich aber nichts geändert.Mal abgesehen davon, dass es ziemliche Aufregung gab während der beiden Tage vor diesem Adventskonzert.

Erst musste Juliane Klisch (16) absagen, erkrankte Oboespielerin aus Remscheid. Am Freitag war es dem 19-jährigen Andreas Gilger ganz blümerant. Der Vorgänger von Roland Nitsch als Stimmführer der Cello-Gruppe studiert Klavier in Essen, und es ist gut hörbar gewesen, dass er auch die alte Musik zu seinen Leidenschaften zählt. Gilger packte alle Kraftreserven zusammen für das Klavierkonzert d-Moll (BWV 1052) von Johann Sebastian Bach. Wer nicht wusste, wie es um ihn stand, hat gar nicht mitbekommen, wie sehr krank er war.

Stattdessen bekam er hin, dass die dramatische Zuspitzung mit den schmerzlich drängenden Synkopen des alla-breve-Kopfsatzes ebenso übersprang wie - nach der reich ornamentierten Melodik des g-Moll-Adagios - das heitere und tänzerische Moment des finalen Allegros mit seinen aktivierenden Impulsen.

Ein höchst beachtlicher Anschlag sorgte für Ebenmaß und sichere Ruhe bei den Tempi, großartig ausgeglichene Läufe sowie kluge Phrasierungen. Gilger verzichtete auf dynamische "Effekte", zumal Bach alle in die Noten geschrieben hat, und steigerte den dritten Satz in sprühene Virtuosität. Das haben die Gäste des zweiten Konzerts leider nicht mitbekommen; Andreas Gilger war dermaßen geschwächt, dass er im Tiefschlaf das Krankenbett hütete, als es wieder losging (gute Besserung); dafür gab das Orchester später eine (Wimmershoff-) Zugabe.

Dr. Isabel Wieland, der Vorsitzenden des Sinfonieorchesters, war es in vielen Telefonaten gelungen, noch "Ersatz" für Juliane Franziska Klisch aufzutreiben: Barbara Wirtz-Böhm, eine Oboenlehrerin aus Burscheid. Die übernahm den Part neben der Geigerin Marie-Claire Dutt in Bachs Konzert für Violine, Oboe und Streicher d-Moll (BWV 1060). Und trat auf, als hätten die beiden schon seit Wochen und Monaten miteinander probiert. Dabei ist diese Bach-Partie für die Oboe alles Andere als "geschenkt": Sie erfordert ein Höchstmaß an Kraft, Konzentration und Ansatz. Sonst scheitern insbesondere die Anforderungen extremer Wechsel vom Diskant in die eingestrichene "Tiefe".

Sauschwere Passagen für die Geige hat insbesondere der virtuose dritte Satz parat, welche Marie-Claire Dutt bravourös meisterte. Im Es-Dur-Adagio nutzten beide Solistinnen die Gelegenheit, sich mit musikalisch schönen Tönen hervorzutun. Das von Alfred Karnowka in beiden Bach-Konzerten geleitete Orchester zog sich eingedenk der vielen Unisono-Passagen gerade des Klavierkonzerts sehr achtbar aus der Affäre.

Ein viertes und fünftes Bravo verdienten sich die beiden weiteren Solistinnen des Adventskonzerts: Elisabeth Hellwig, seit 18 Jahren Flötistin im Orchester, sowie Lena Kleinöder (18), seit vier Jahren im Orchester dabei.

Reinhold Felthaus leitete das Konzert G-Dur für zwei Flöten und Orchester, bisweilen von Flöte und Oboe gespielt, eines von nur drei Konzerten des Opern-Komponisten neben einem für Cembalo und einem weiteren für Oboe. Die beiden Solistinnen taten sich durch eine hohe Übereinstimmung hervor, was die dynamischen, Tempo- und Gestaltungs-Details betrifft, besonders gut hörbar in den von der ersten zur zweiten Solostimme und zurück gereichten motivischen Passagen. Im dritten Satz gefiel mir nicht zuletzt die Kadenz sehr gut, ihres großzügigen Atems wegen. Dankbarer Applaus, zu welchem Felthaus auch das Orchester aufstehen ließ.

Das entließ das Publikum beider Konzerte mit einem Amerikanischen Weihnachts-Medley, von der Geigerin Sylvia Wimmershoff im alpinen Sommer (Österreich) so trefflich arrangiert, dass vom ersten Takt an das Amerikanische spür- und hörbar war. Verarbeitet hat sie populäre amerikanische Weihnachtslieder der 1930er bis 50er Jahre: "Schlittenfahrt", "Frosty, der Schneemann", "Winterwunderland", "Lass es schneien" sowie die bekannte "Weiße Weihnacht", die in diesem Jahr im Bereich des Möglichen liegt.

Der Auftakt nach der Pause gehörte dem "kleinen Orchester", den gut zwei Dutzend Nachwuchskräften. Natalia Bohnet versteht es immer wieder, die Kinder und Jugendlichen zu motivieren und begeistern. Mit "Strangers in the Night" war es schon amerikanisch losgegangen. Bei dem von Egon Bohnet eingerichteten Pizzicato-Polka aus dem dritten Akt von "Sylvia" von Léo Delibes wuchs das "kleine Orchester" über sich hinaus.

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

Bürgermeisterin feiert 50. Geburtstag
Bürgermeisterin feiert 50. Geburtstag
Bürgermeisterin feiert 50. Geburtstag
Ingeborg Eichhorn verweigerte den Hitlergruß
Ingeborg Eichhorn verweigerte den Hitlergruß
Ingeborg Eichhorn verweigerte den Hitlergruß
Roth geht in Rente
Roth geht in Rente
Roth geht in Rente
Wie teuer ist Wohnen zur Miete in Wermelskirchen?
Wie teuer ist Wohnen zur Miete in Wermelskirchen?

Kommentare