Poetry-Slammerin möchte die Sprachlosen unterstützen

Texte, die verändern: Angie Frowein pflegt die Wortkunst und nimmt an Poetry Slams im ganzen Land teil. Foto: Theresa Demski
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Texte, die verändern: Angie Frowein pflegt die Wortkunst und nimmt an Poetry Slams im ganzen Land teil.

Angelique Frowein dichtet und steht immer öfter auf der Bühne – Sie will helfen in Zeiten, in denen einem zuweilen die Worte fehlen

Von Theresa Demski

Kürzlich war sie in Berlin unterwegs. In kleinen Kneipen und gemütlichen Sälen. Und kurz bevor der Moderator ihren Namen nannte, wägte Angelique Frowein ab. Welcher Text würde auf dieser Bühne funktionieren? Womit würde sie beim Publikum punkten können?

In der Tasche hatte sie einen flotten Text über Praktikanten, der für gewöhnlich für große Heiterkeit sorgt. Aber dort steckte eben auch das Blatt mit den Zeilen, die an die Wochen des Homeschoolings Zuhause in Wermelskirchen erinnerten – in denen Kinder und Eltern an ihre Grenzen stießen, in denen auch Angie Frowein zuweilen mit dem Alltag kämpfte und sich um ihre Kinder sorgte. Der lustige Praktikant? Oder das nachdenkliche Homeschooling?

Die 39-Jährige entschied sich für den nachdenklichen Text. „Ich bin nur einmal da, und ich will etwas weitergeben, will nicht nur oberflächlich unterhalten“, sagt sie. Auch dann, wenn die Punkte womöglich an andere gehen. Nicht jedes Publikum weiß den Tiefgang zu schätzen. In Berlin war das anders: Das Publikum war begeistert und wählte die Wermelskirchenerin ins Finale, sie ging mit dem zweiten Platz nach Hause – und mit neuen Erfahrungen im Gepäck.

„Es ist spannend, diese besondere Künstlerszene kennenzulernen“, sagt Angie Frowein. Immer öfter steht die zweifache Mutter inzwischen auf Poetry-Slam-Bühnen, nachdem sie in der Katt ihre ersten literarischen Gehversuche absolviert hatte – kurz bevor die Pandemie startete. Sie lernte andere Wortkünstler wie Anna-Lisa Tuzcek kennen, mit der sie inzwischen gemeinsam zu Wortgefechten in der ganzen Republik aufbricht – in Wuppertal und Berlin, in Koblenz und Gelsenkirchen.

Auch in Wermelskirchen findet Angie Frowein immer öfter eine Bühne, um ihre Texte weiterzugeben. Neulich trat sie gemeinsam mit Denisa Blömker auf dem Rhombus-Gelände auf, vergangenen Sommer stand sie beim Juca-Beach auf der Bühne. „Ich musste einfach meine Gedanken loswerden“, sagt sie. Die Corona-Krise und vor allem ihre „Nebenwirkungen“ hätten sie von Anfang an sehr bewegt.

„Es wäre schön, andere zu ermutigen, ihre Gefühle aufs Papier zu bringen.“

Angie Frowein, Poetry-Slammerin

Beim täglichen Joggen hörte sie immer wieder den „Piano Man“, und plötzlich war ihr klar: Sie würde ihren eigenen Text schreiben – angelehnt an die geselligen Kneipenbilder, die Billy Joel in seinem Song malt, aber nun eben im Zeichen der Corona-Pandemie. Angie Frowein schrieb. Mitten in der Nacht, während neben ihr die Kinder schliefen. Sie dichtete und tippte, grübelte und erschuf. Und am nächsten Tag stand sie beim Juca-Beach auf der Bühne – mit ihren Worten und Gedanken.

„Ich freue mich dann sehr über die Resonanz der Menschen“, sagt sie. Es gehe ja nicht darum, ihr eigenes Leben auszubreiten, sondern darum, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen – über Eindrücke, Gefühle und Wahrnehmungen. Und oft folgt auf ihre poetischen Worte das Bekenntnis ihrer Zuhörer oder Leser: „Genau. Genau das wollte ich sagen, aber mir fehlten die Worte“. Darin steckt ihre Motivation: „Wenn ich fröhlich oder wütend bin, ängstlich oder sorgenvoll, dann denke ich mir oft: Vielleicht geht es auch anderen so“, sagt die gelernte Industriekauffrau. Und dann beginnt sie ihre Begabung zu nutzen – auch, um den Sprachlosen die Worte zurückzugeben.

Im Grunde habe Sprache für sie schon immer diese reinigende Wirkung gehabt. Schon als Kind. Wenn ihr alles zu viel wurde, dann stand sie manchmal bei ihrer Oma in der kleinen Küche und begann zu schreiben. „Ich zog mich zurück und fühlte mich mit guten Worten wohl.“ Waren sie erstmal auf dem Papier gelandet, dauerte es meistens nicht lange, bis sie den Wunsch hatte, ihrer Familie die Worte vorzutragen.

Emotional, persönlich – aber ohne jegliche Angriffe

Später entwickelte sie einen Blog für ihre Gedanken, bevor sie den Poetry Slam, die Dichtkunst, und kurze, knackige Texte zu Melodien für sich entdeckte. „Ich bin emotional, und ich bin persönlich“, sagt sie. „Aber ich greife nicht an und ich behalte mir vor, meine Meinung auch zu ändern.“ Damit gehe sie auf die Bühnen, und damit stellt sie sich auch dem Wettbewerb.

Natürlich sei es nicht immer einfach, wenn ein Text nicht beim Publikum ankomme. „Aber da muss ich dann durch“, sagt sie. „Das gehört dazu und daran wachse ich.“ Und weil Angie Frowein um die Macht des Schreibens weiß, weil sie die Momente kennt, in denen die Worte auf dem Papier die Spannung in der Seele lösen, wünscht sie sich auch für Jugendliche eine Ausdrucksmöglichkeit. „Hoffentlich können wir bald Workshops anbieten“, sagt sie. „Es wäre schön, andere zu ermutigen, ihre Gefühle aufs Papier zu bringen.“ Genau dort wolle sie dann anderen Mut machen.

Hintergrund

Veranstaltungen: Inzwischen ist die 39-Jährige auch als Teilnehmerin und gelegentlich als Moderatorin beim Slam im „Underground“ in Wuppertal zu Gast. Auch in Wermelskirchen bieten sich immer mal wieder Bühnen für Poetry Slammer – wie zum runden Geburtstag des „Zeilensprungs“ am 6. März 2022 um 19 Uhr im Katt-Bistro.

Blog: Mehr bei Facebook und Instagram und unter:

www.angiefrowein.de

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