Ukraine-Krieg

Pilot bringt Hilfsgüter an die ukrainische Grenze

Das Team mit Pilot Dirk Rafael (l.) entlädt das Flugzeug in Mielec.
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Das Team mit Pilot Dirk Rafael (l.) entlädt das Flugzeug in Mielec.
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Dirk Rafael brachte medizinisches Equipment und Medikamente nach Mielec, Polen.

Von Susanne Koch

Wermelskirchen. Sehr hohe Aufmerksamkeit und Konzentration wurden in dieser Woche von Dirk Rafael gefordert. Erst am Dienstag wurde das CDU-Mitglied von der Ukraine Air Rescue angerufen und gefragt, ob er Mittwoch Hilfsgüter bis nach Mielec, das ist der südöstlichste Flughafen in Polen, fliegen könnte. „Ich konnte spontan zusagen“, sagt der Diplomingenieur und Projektleiter bei Ford. „Denn mit Ford habe ich abgemacht, dass ich zwei Tage für diese Zwecke im Jahr freibekomme.“ Das sei schon ein tolles Entgegenkommen seines Arbeitgebers.

Sehr hohe Aufmerksamkeit und Konzentration, weil der Flug viel von ihm verlangte, waren nötig. „Ich muss die ganze Zeit den Luftraum beobachten, das Wetter, deswegen auch Umwege fliegen, den Kontakt zu den Bodenstationen halten, der dann schließlich nur auf Englisch erfolgte“, sagt Dirk Rafael. Er hatte sich bereits im Frühjahr bereiterklärt, medizinische Hilfsgüter an die ukrainische Grenze zu bringen. „Es sind alleine in Deutschland um die 100 Piloten, die dafür rufbereit stehen“, sagt Dirk Rafael. Weltweit seien es noch viel mehr. Die Ukraine Air Rescue ist ein Projekt der Europäischen Donau-Akademie. Sie wird unterstützt von Ärzte ohne Grenzen und Blau-Gelbes Kreuz. „Sie bekommen aus den Krankenhäusern gemeldet, welche Hilfsgüter in den Krankenhäusern gebraucht werden.“

Punkt 8 Uhr stand Dirk Rafael am Mittwoch in Dinslaken auf dem Flugplatz. „Ich startete erst einmal Richtung Mainz“, sagt der 57-jährige Hobby-Pilot, der seit 1986 Motor- und Segelflugzeuge fliegt. Er hat Erfahrung aus über 1400 Flügen und 800 Flugstunden in Eigenverantwortung. „Es lag noch eine dichte Wolkendecke über dem Taunus“, erzählt Dirk Rafael. „Zehn Minuten später hatte ich das Wolkenloch dahinter erreicht und auch schon den Flugplatz in Mainz-Finthen.“ Dort wurden die medizinischen Hilfsgüter verladen. „Die Krankenhäuser melden immer das, was sie am meisten brauchen“, sagt der Diplom-Ingenieur.

Insgesamt 250 Kilogramm Hilfsgüter, Kanülen, Infusionszubehör, OP-Zubehör, OP-Instrumente, Notfallequipment, Insulin, Asthmaspray, Hustenmedikamente, Blutzucker- und Blutdruck-Messgeräte, Natrium-Chlorid sowie Verbandsmaterial wurden an diesem Tag auf zwei Flugzeuge verladen.

Dirk Rafael ist Mitglied der Gemeinschaft für Luftsport in Dinslaken – und er hatte Glück, dass am Mittwoch und Donnerstag ein Flugzeug zur Verfügung stand. Von Mainz aus flog der Ingenieur nach Kulmbach, um das Sportflugzeug ein letztes Mal vollzutanken. „Dann flogen wir bei schönstem Wetter – blauer Himmel mit weißen Tupfern – hintereinander los.“ Doch das Wetter blieb nicht so, der direkte Kurs durch Tschechien blieb durch die in den Bergen aufliegende Bewölkung versperrt. „Immer wieder mussten wir auf dem Flug tiefhängenden, dichten Regenwolken und Gewitterschauern ausweichen“, erzählt der Sportpilot. Sie flogen über Bautzen, an Chemnitz und Dresden vorbei und erst dann in einer Rechtskurve über die polnische Grenze. Sie passieren erst Wroclaw, Katowice und Krakau. „Die Bord-zu-Bord-Kommunikation mit dem anderen Piloten Axel war sehr hilfreich, um den kürzesten Umweg besser einschätzen zu können“, sagt der 57-Jährige. „Zu meiner Freude bot der Controller von Krakau an, durch die Kontrollzone von Katowice durchqueren zu dürfen und direkt nach Mielec abkürzen zu dürfen.“

Statt Erholung bedeutete dies aber Stress pur. Die Wolken sanken immer tiefer ab. „Es war wie eine Fahrt mit 200 km/h über eine Buckelpiste. Aber nach einigen Minuten war ich durch die Waschanlage, hatte ein frisch gewaschenes Flugzeug, und war um die Erfahrung reicher, dass Automatikschultergurte nicht immer vorteilhaft sind.“ Nach über sechs Stunden in der Luft dann die erfolgreiche Landung: Das Flugzeug wird entladen und die zwei Piloten verbringen die Nacht im Hostel. Bis es dann wieder zurück nach Deutschland geht.

Hintergrund

Ukraine Air Rescue (UAR) ist eine Hilfsorganisation, die Privatpiloten im März 2022 nach dem Überfall auf die Ukraine durch die russische Armee gründeten. Das Ziel ist es, medizinische Hilfsgüter für die Ukraine mit Privatflugzeugen schnell an die ukrainische Grenze zu fliegen.

Standpunkt: Ehrenwert

susanne.koch@rga.de

Das können nicht viele Menschen machen: Denn nur wenige haben den Pilotenschein. Es ist aber sehr ehrenwert und auch ein bisschen mutig, wenn man sich den Flugbericht anhört, was Dirk Rafael an zwei Tagen dieser Woche geleistet hat. Und die Fluggebühren und alles, was finanziell dazu gehört, spendet er auch noch der Ukraine Air Rescue. So kommt es, dass die Hilfsgüter ohne weitere Zusatzkosten da angekommen sind, wo sie von bedürftigen Krankenhäusern angefragt wurden.

Der Flug von Dirk Rafael nach Mielec, dem südöstlichsten Flughafen von Polen, direkt in der Nähe der ukrainischen Grenze, ist wieder ein Beispiel dafür, wie Menschen in Notzeiten zusammenstehen und ehrenamtlich Hilfe leisten. Es zeigt, dass jede und jeder mit dem, was sie oder er leisten kann, ein bisschen dazu beitragen kann, dass die Welt sich ein bisschen freundlicher zeigt. Und vielleicht doch immer näher zusammenrückt.

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