Vogelsang

Pädagogen: Behinderte werden vergessen

In der Caritas-Wohnstätte am Vogelsang leben zurzeit 36 Menschen in Wohngemeinschaften. Foto: Anja Carolina Siebel
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In der Caritas-Wohnstätte am Vogelsang leben zurzeit 36 Menschen in Wohngemeinschaften.
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Mitarbeiter der Caritas-Einrichtung am Vogelsang wünschen sich in der Krise mehr Aufmerksamkeit.

Von Anja Carolina Siebel

Wermelskirchen. Wenn Daniela Helmer dieser Tage Fernsehen schaut, ärgert sie sich oft. „Immer wird von den Problemen der Senioren- und Pflegeheime berichtet, aber praktisch nicht über uns als Behindertenhilfe“, sagt sie. Sie und ihr Kollege Stefan Wiersbin arbeiten in der Behinderteneinrichtung der Caritas am Vogelsang. „Wir möchten aber für alle unsere Kollegen sprechen“, betonen sie.

Im Haus am Vogelsang leben derzeit 36 Menschen in fünf Wohngruppen, betreut von 35 Heilerziehungspflegern, Therapeuten, Erziehern und Sozialpädagogen. „Wir wurden am 18. März mit Schließung der Behindertenwerkstätten praktisch vor vollendete Tatsachen gestellt“, sagt Daniela Helmer. Für behinderte Menschen sei ein Alltag mit Strukturen und einem gewissen Rhythmus besonders wichtig. „Das gibt es jetzt natürlich so nicht mehr“, betont Helmer.

„Wir fallen in der Diskussion oft hintenüber.“ Daniela Helmer Caritas-Wohnstätte

Die behinderten Menschen kämen mit der neuen Situation nur schwer zurecht. Sie würden spüren, dass „draußen eine Gefahr“ lauere, könnten diese aber nicht richtig deuten.

„Viele haben sich anfangs gar nicht aus ihren Wohnungen getraut“, erzählt Daniela Helmer. Inzwischen gingen sie manchmal in den Garten oder ein Stück spazieren. Die Mitarbeiter indes stehen vor ganz anderen Herausforderungen. Auch ihnen fehlt beispielsweise Schutzkleidung. „Wir haben vor einigen Tagen endlich Masken bekommen, die uns etwas schützen, aber mit großer zeitlicher Verzögerung“, sagt Helmer.

Das Problem aus Sicht der Caritas-Mitarbeiter: Sie arbeiten nicht in einer Pflegeeinrichtung, die ja zur Zeit im Fokus stehen, was die Versorgung mit Schutzmaterialien angeht. Sondern sie sind eine sogenannte Eingliederungshilfe. „Deshalb“, vermittelt Daniela Helmer ihren Eindruck, „fallen wir oft hintenüber.“

Dabei leben auch in der Einrichtung am Vogelsang pflegebedürftige Menschen. „Die müssen wir waschen und rasieren, da wird es mit dem Abstandhalten schon sehr schwer.“

Abstandsregeln sind für behinderte Menschen ein Fremdwort

Zudem schieben die Mitarbeiter der Caritas derzeit viele Sonderschichten. „Die Frühschicht endete bei uns ansonsten dann, wenn die Bewohner in den Werkstätten waren“, berichtet Daniela Helmer. „Nun müssen sie aber rund um die Uhr betreut werden.“

Und sie benötigen mehr Lebensmittel, deren Beschaffung für die Mitarbeiter ebenso eine Herausforderung sei. „Einkaufen ist zurzeit kein Spaß, und man bekommt nicht alles in den Geschäften. Das stellt uns noch mal vor eine besondere Aufgabe. Denn die Bewohner müssen jetzt ja auch bei uns zu Mittag essen, was sie sonst bei der Arbeit tun.“

Die Zukunft ist ungewiss, auch für Mitarbeiter und Bewohner der Caritas-Wohngruppe. „Ein Signal, wann die Werkstätten wieder öffnen, gibt es derzeit nicht“, sagt Stefan Wiersbin. „Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass das so schnell passieren wird, denn so etwas wie Abstandsregeln kann man vielen Menschen mit Behinderung nicht vermitteln. Sie kennen das einfach nicht. Und in den Werkstätten arbeitet doch eine hohe Anzahl von Menschen.“

Für die Zukunft stellt er eine eher düstere Prognose: „Unsere Gesellschaft wird sich verändern. Einfach zur Normalität zurückfinden, das wird nicht so schnell gehen. Und gerade für unsere Bewohner ist das sehr hart. Sie haben oft keine Angehörigen mehr und ihnen fehlt der Ausgleich und der Halt.“ » Standpunkt

CORONAVIRUS

FÄLLE 30 weitere Corona-Fälle im Rheinisch-Bergischen Kreis sind am Donnerstag und Freitag bekanntgeworden. Die neuen Zahlen verteilen sich wie folgt auf die Kommunen: Bergisch Gladbach (15), Burscheid (3), Kürten (2), Overath (5), Rösrath (1) und Wermelskirchen (4). Im Kreis gibt es 346 Fälle.

STANDPUNKT

anja.siebel @rga-online.de

Ein Kommentar von Anja Carolina Siebel

Wir fallen oft hintenüber“, sagt Daniela Helmer von der Caritas-Behindertenwohnstätte am Vogelsang. Und da hat sie gewissermaßen auch recht. Denn allerorten wird derzeit diskutiert, wie Pflegepersonal mit der Situation am besten umgeht, welche Verhaltensregeln in Heimen gelten sollten und wie alle besser geschützt werden können. An Behindertenwohnstätten, die zu „Eingliederungshilfen“ zählen, geht diese Diskussion oft vorbei. Aber vielleicht ist das insofern entschuldbar, als dass es für die derzeitige Situation tatsächlich keine Blaupause gibt. Sprich: Die Verantwortlichen stehen wie alle selbst erst einmal vor Herausforderungen. Für die Zukunft ist es umso wichtiger, all diese Aspekte in eine solche Krise mit einzubeziehen. 

Ebenso wie es wichtig ist, neben den entscheidenden medizinischen Aspekten die gesellschaftlichen, psychosozialen und natürlich auch die wirtschaftlichen Auswirkungen einer solchen Ausnahmesituation im Auge zu behalten. In der Hoffnung, dass „danach“ unsere Gesellschaft vielleicht nicht dieselbe, aber möglicherweise eine bessere sein wird.

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