Boom ist zu Ende

Wermelskirchener interessieren sich nicht für Nachhaltigkeit

JJochen Schmees startete 2019 motiviert in die Selbstständigkeit.
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Jochen Schmees startete 2019 motiviert in die Selbstständigkeit.
  • Anja Carolina Siebel
    VonAnja Carolina Siebel
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Jochen Schmees überlegt seinen Krämerladen zu schließen.

Wermelskirchen. Keine drei Jahre ist es her, da war das Thema Nachhaltigkeit in aller Munde. Auch in Wermelskirchen. Jugendliche zogen unter dem Motto „Fridays for future“ freitags durch die Innenstadt, um für Klimaschutz und Klimawandel aufmerksam zu machen. In Wermelskirchen eröffneten zuerst der Krämerladen mit unverpackten Waren, später dann der Bioladen Naturata in der Telegrafenstraße. Und: Es gab Aktionen in der Stadt, die nachhaltiges Leben und das entsprechende Umdenken unterstützen sollten. Zum Beispiel sollte Plastikmüll vermieden werden, indem Einzelhändler mehrere Produkte unverpackt zum Verkauf anboten.

Nachhaltigkeit im Bergischen Land

Und heute? Scheint das zumindest zum Großteil alles kein Thema mehr zu sein. So sieht das Jochen Schmees, der seit 2019 den Unverpackt-Krämerladen an der Kölner Straße betreibt. Er überlegt, aufzugeben, seinen laden zu schließen. Einen entsprechenden Post setzte er im sozialen Netzwerk Instagram ab: „Should I stay or should I go“ (Soll ich gehen oder bleiben) fragt er dort.

Und berichtet davon, dass die Umsätze seit Beginn des Jahres noch weiter zurückgegangen seien. Schon damals hatte Jochen Schmees schon einmal beklagt, dass seine Geschäfte nicht mehr gut laufen würden. „Seitdem hat sich aber nicht viel getan“, sagt er heute. „Die Leute schreiben zwar immer, dass sie das bedauern würden, wenn ich nicht mehr vor Ort wäre, aber das war es dann auch. Kunden hat mir das nicht mehr beschafft.“

Seinerzeit hatte Schmees auch die Neueröffnung des Bio-Supermarktes an der Telegrafenstraße dafür verantwortlich gemacht, weil er an Konkurrenzgeschäft gedacht hatte. „Aber inzwischen glaube ich eher, dass Nachhaltigkeit für die Leute derzeit eher eine untergeordnete Rolle spielt“, sagt der Unternehmer. „Die Krisen, die immer teurer werdenden Lebensmittel - all das beschäftigt die Menschen jetzt viel mehr.“

Bio-Supermarkt Naturata schließt zum Ende des Monats

Jochen Schmees arbeitete, bevor er den Krämerladen eröffnete, erfolgreich in der IT-Branche. „Ich überlege gerade, ob ich das wieder machen sollte - und mir dann ein paar Freiräume für den Laden schaffe. Ich würde dann einfach eingeschränktere Öffnungszeiten anbieten.“ Ganz schließen, einfach aufgeben, das möchte er eigentlich nicht. „Ich stehe nach wie vor hinter der Idee, weiß auch, dass das der richtige Weg ist. Nur vielleicht gerade nicht die richtige Zeit.“

Auch der Bio-Supermarkt Naturata an der Telegrafenstraße schließt zum Ende des Monats. Wie Matthias Latz, einer der vier Geschäftsführer des Unternehmens mit Hauptsitz in Köln, bestätigt, hätten die Wermelskirchener den Bio-Supermarkt nicht angenommen.

In Köln und letztlich auch in der Dependance in Burscheid würden die Geschäfte zwar noch akzeptabel laufen - immerhin können die sieben Mitarbeiter, die in Wermelskirchen gearbeitet hatten, übernommen werden -, dennoch seien auch bei Naturata die Umsätze erheblich zurückgegangen. „Nachhaltigkeit ist zurzeit nicht das Thema der Menschen“, sagt auch Matthias Latz. „Sie haben, wie man so schön sagt, andere Sorgen. Das spüren wir auch, klar. Unsere Läden gibt es aber seit 40 Jahren. Wir sind eigentlich immer schon durch Höhen und Tiefen gegangen.“

Die Grünen haben sich bundesweit primär für Klimaschutz und Nachhaltigkeit stark gemacht. Auch in Wermelskirchen unterstützte die Partei die Fridays-for-Future-Kundgebungen und die Aktion gegen den Plastikmüll. „Es ist schon schade, dass das zurückgegangen ist, weil es ja nach wie vor wichtig und ein entscheidendes Thema ist“, sagt der Grünen-Fraktionsvorsitzende Stefan Janosi auf Nachfrage. Er führt die Enttäuschung der Menschen auch ein wenig auf die Grünen-Akteure auf Bundesebene zurück: „Beispiel Tankrabatt. Da ist sicher einige schiefgelaufen, was die Menschen so nicht nachvollziehen können.

Krämerladen

Der Krämerladen an der Kölner Straße hat montags bis donnerstags jeweils von 9 bis 12.30 Uhr und 14.30 Uhr bis 18.30, freitags von 9 bis 18.30 Uhr und samstags von 9 bis 14 Uhr geöffnet.

Der Online-Shop ist unter www.kraemerladen.bio.de zu finden

Standpunkt von Anja Carolina Siebel: Bittere Konsequenz

anja.siebel@rga.de

Wir haben eine über zweijährige Corona-Krise hinter uns, die noch nicht vorbei ist. Und wir erleben einen Krieg in Europa, dessen genaue Auswirkungen wir heute noch nicht kennen. Dass Spritpreise und Kosten fürs tägliche Leben rasant nach oben schnellen, ist nur eine. Schon die Corona-Krise hat Existenzen bedroht und zum Teil Jobs gekostet. Finanzielle Unbeschwertheit gibt es für viele nicht mehr. Natürlich ist es da nachvollziehbar, dass einige sagen: „Nachhaltigkeit kann ich mir in meinem Leben nicht mehr leisten.“

So bitter das klingt: Wir werden sie uns aber leisten müssen. Denn wenn wir nicht jetzt damit beginnen, einen wesentlich schärferen Blick auf Klima- und Umweltschutz richten, werden uns in der Zukunft vermutlich noch viel härtere Krisen ereilen, mit denen wir nicht mehr ohne weiteres fertig werden. Dass Nachhaltigkeit an Bedeutung verliert, lässt nicht unbedingt für die Zukunft hoffen.

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