Ausstellung

Mutiges Zeugnis sexualisierter Gewalt

Wander-Austellung „Was ich anhatte“ in der Stadtbücherei. Eine Ausstellung zu sexualisierter Gewalt: Schuld ist nicht das Opfer! V.l. Christine Warning und Anja Haussels (Fachberatungsstelle gegen sexualisierte Gewalt), Anja Möldgen (Gleichstellungsbeauftragte Berg. Gladbach), Dr. Nadja Kischka-Wellhäußer (Gleichstellungsbeauftragte Leichlingen)
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Wander-Austellung „Was ich anhatte“ in der Stadtbücherei. Eine Ausstellung zu sexualisierter Gewalt: Schuld ist nicht das Opfer! V.l. Christine Warning und Anja Haussels (Fachberatungsstelle gegen sexualisierte Gewalt), Anja Möldgen (Gleichstellungsbeauftragte Berg. Gladbach), Dr. Nadja Kischka-Wellhäußer (Gleichstellungsbeauftragte Leichlingen)

Bis Freitag ist die Ausstellung „Was ich anhatte. . .“ in der Stadtbücherei zu sehen.

Von Theresa Demski

Sonja ist gerade neun, als ihr Stiefvater sie zum ersten Mal sexuell missbraucht. Welches Kleid sie damals trug, das weiß die junge Frau auch heute noch. Es war ein Blümchenkleid, eines, das Mädchen halt im Sommer tragen. Dieses Kleid, oder zumindest ein ähnliches, hängt nun bis Freitag im Ausstellungsraum der Stadtbücherei in Wermelskirchen.

Und daneben hat Sonja ihre Geschichte aufgeschrieben – von dem Versuch, gegen ihren Stiefvater vorzugehen; von der Verurteilung auf Bewährung; ihrer Machtlosigkeit und jenem Moment, als sie wieder Herrin ihrer eigenen Geschichte wurde. Sonja ist eine von zwölf Frauen, die der Autorin und Dokumentarfilmerin Beatrix Wilmes ihre Geschichte erzählt und ihr Kleidungsstück zur Verfügung gestellt haben. Mit einem Aufruf in den sozialen Medien hatte Beatrix Wilmes sich an Frauen gewandt, die in ihrem Leben sexualisierte Gewalt erfahren haben. Unzählige Frauen schickten daraufhin ihre Geschichten und ihre Kleidungsstücke an die Autorin. Als Kuratorin der Ausstellung „Was ich anhatte…“ wählte Beatrix Wilmes aus. Das Ergebnis können Besucher nun in der Stadtbücherei sehen.

Jogginghosen und Sommerkleider, Nachthemden und Unterwäsche, eine Pfadfinderuniform haben es in die Ausstellung geschafft. „Diese Ausstellung ist sehr persönlich“, sagt Nadja Kischka-Wellhäußer, Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Leichlingen, gestern Morgen bei der offiziellen Eröffnung in der Stadtbücherei. Für Betroffene gebe es deswegen auch eine Triggerwarnung: Die Ausstellung könne Erinnerungen und Traumata wachrufen. Und auch für die Besucherinnen und Besucher, die bisher nicht von sexueller Gewalt betroffen sind, kann ein Besuch zu einer emotionalen Herausforderung werden.

Nina stellte ihr Sommerkleid für die Ausstellung zur Verfügung

Frauen erzählen schonungslos und ehrlich von ihren Erfahrungen – in Beziehungen, am Samstagabend in der Stadt, in der Familie. Mona berichtet von dem Vergewaltigungsversuch eines Jungen, als sie gerade 14 Jahre alt war. Xenia berichtet von der Nacht, als ihr Mann sie vergewaltigte. Nina hat ihr Sommerkleid zur Verfügung gestellt und berichtet von den K.o.-Tropfen in der Bar. Und sie erzählt auch, dass die eigentliche Traumatisierung erst danach begann – als ihr die Polizei nicht glauben wollte, als der Täter schließlich frei gesprochen wurde. Diese Erfahrungen mit Polizei und Justiz finden sich immer wieder in der Ausstellung.

Und trotzdem: Vor allem soll ein Besuch Mut machen. Das gilt für Besucher, die das Thema mit in die Öffentlichkeit nehmen und damit den Spielraum der Täter beschränken. Und das gilt für Betroffene. „Dabei geht es gar nicht in erster Linie darum, dass Frauen die Täter anzeigen“, sagen Christine Warning und Anja Haussels von der Frauenberatungsstelle „Frauenzimmer“. Vielmehr gehe es darum, sich mit seiner eigenen Geschichte auseinanderzusetzen, um heilen zu können. „Wir erleben manchmal, dass Frauen, denen nicht geglaubt wird, den Glauben an sich selbst verlieren“, sagt Anja Haussels. Auch deswegen sei es wichtig, von dem Übergriff oder der Vergewaltigung zu sprechen. „Wir glauben den Frauen, wir hören zu und wir erleben, wie es ihnen guttut, zu sprechen“, sagt Christine Warning. Die Statistik zeigt: Nachdem die Ausstellung in deutschen Städten gastiert hat, nahmen deutlich mehr Frauen das Angebot der Beratungsstellen an. Diese Hoffnung haben auch die Initiatoren im Rheinisch-Bergischen Kreis.

Warum ausgerechnet die Kleider der Frauen das Gesicht der Ausstellung seien? Man wolle so mit dem Mythos aufräumen, Frauen in Miniröcken würden eine Mitschuld an sexueller Gewalt tragen, sagt Nadja Kischka-Wellhäußer. Die Kleidung der Frauen dürfe gar kein Thema sein bei polizeilichen Befragungen oder gesellschaftlichen Vorverurteilungen. Warum die Ausstellung dann die Kleidung zum Thema mache? Warum die Jogginghose immer als Gegenbeispiel zum Minikleid herhalten müsse? Und ob darin nicht dann indirekt doch die Wahl der Kleidung thematisiert werde? „Nein“, sagt Nadja Kischka-Wellhäußer. Es sei ein Fehlschluss von der Kleidung einer Frau auf ihre Verfügbarkeit zu schließen. Und auch Bürgermeisterin Marion Lück betont: „Ich bin fassungslos, dass sich Frauen heute noch rechtfertigen müssen, was sie anhatten, wenn sie vergewaltigt wurden. Egal, was eine Frau trägt, ihr darf nie Gewalt angetan werden.“

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