Grüne Straße

Mutiger Schritt ins neue Leben

Heilerziehungspflegerin Janine Stenka gibt Lisa (24) Tipps beim Pizzateig-Kneten.
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Heilerziehungspflegerin Janine Stenka gibt Lisa (24) Tipps beim Pizzateig-Kneten.
  • Anja Carolina Siebel
    VonAnja Carolina Siebel
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Vier Menschen mit Handicap ziehen bald in eigene Appartements.

Wermelskirchen. Noch ist es für den einen oder die andere ungewohnt, wenn die Eltern nicht in der Nähe sind. „Wo kann ich denn mein Handy hinlegen? Ich will es nicht die ganze Zeit in der Hand behalten“, fragt Sebastian (19). Heilerziehungspflegerin Janine Stenka gibt nur kleine Hilfestellungen: „Du hast doch mehrere Möglichkeiten. Behalte es auf dem Schoß oder lege es irgendwo ab.“

Sebastian wird wie die anderen drei jungen Menschen, die sich am Wochenende im Begegnungszentrum des Bauvereins an der Wielstraße trafen, noch etwas brauchen, bis er selbstständiger im Alltag ist. Aber das lernt die vierköpfige Gruppe junger Menschen mit Handicap gerade. Das Kleeblatt hat eins gemeinsam: Im Januar werden sie alle in ein eigenes Appartement im Neubau am Schwaner Knapp einziehen.

Insgesamt neun Wohnungen für Menschen mit Unterstützungsbedarf entstehen dort wie bereits berichtet. Das Projekt ist eine Kooperation zwischen dem Gemeinnützigen Bauverein und der Evangelischen Stiftung Hephata. Das Wohnhaus soll den Menschen mit Beeinträchtigung ein möglichst selbstbestimmtes Leben in eigenen vier Wänden ermöglichen. Da, wo es nötig und gewünscht ist, assistieren Mitarbeitende der Stiftung Hephata. Bei den Dingen des alltäglichen Lebens, bei der Pflege, bei Haushaltsführung und Freizeitgestaltung.

„Wir lernen uns jetzt schon kennen“, sagt Janine Stenka von Hephata. Sie wird eine von mehreren Mitarbeitenden sein, die in 24-Stunden-Schichten am Schwaner Knapp vor Ort sein werden. „Wie viele wir sein werden, wissen wir nicht. Das hängt von der Anzahl der dort dann wohnenden Menschen und deren Unterstützungsbedarf ab“, sagt sie.

Derzeit sind es die jungen Erwachsenen Sebastian, sein Kumpel Maurizio, Laura und Lisa, die vier Appartements bewohnen werden. „Wir haben mit ihnen schon eine Schnitzeljagd durch die Stadt gemacht, damit sie die Bushaltestellen, Supermärkte und andere wichtige Orte kennenlernen“, berichtet Janine Stenka. Ziel sei es, dass sie so selbstständig wie möglich leben können.

Beim Treffen der Truppe steht nun Pizzabacken auf dem Programm. Laura und Lisa packen schon fleißig beim Teigkneten mit an, während sich Sebastian und Maurizio lieber unterhalten und Neuigkeiten austauschen. Beide sitzen im Rollstuhl. Und beide sind seit einiger Zeit ganz dicke Freunde. „Wir fahren sogar zusammen in den Urlaub. Und bald wohnen wir sogar nebeneinander“, erzählt Maurizio. Und seine Freude über diese Freundschaft ist ihm anzumerken.

Wohnformen haben sich verändert

Lisa und Laura kennen sich auch schon flüchtig - von der Arbeit bei der Lebenshilfe. Beim gemeinsamen Teigkneten lernen sie sich noch ein bisschen besser kennen. „Man, ist das anstrengend. Ich hab bestimmt morgen Muskelkater“, sagt Laura und Lisa lacht herzhaft. Die 24-Jährige könne sich gut vorstellen, demnächst allein zu wohnen, sagt sie selbstbewusst. Sie freue sich darauf, endlich selbstständig und von den Eltern unabhängiger zu werden. Und sie freue sich auch auf die Gemeinschaft mit den anderen Bewohnerinnen und Bewohnern. „Mal schauen, wer noch so dazukommt.“

Janine Stenka berichtet, dass sie ein ähnliches Wohnprojekt in Remscheid betreut. „Wir machen damit sehr gute Erfahrungen.“ Andreas Willinghöfer, Regionalleiter von Hephata Wohnen, kann das nur bestätigen. „Die Zeiten, in denen Menschen mit Unterstützungsbedarf in Heimen gelebt haben, sind weitgehend vorbei. Es ist gut, dass es jetzt andere Wohnformen gibt, die es ihnen ermöglichen, viel mehr selbst zu schaffen. Sein zwölfjähriger Sohn Jasper hat ebenfalls ein Handicap. „Und ich kann mir gut vorstellen, dass er auch er später so selbstständig lebt.“

Hephata würde individuelle Hilfestellungen favorisieren, sagt er. „Das heißt, jeder bekommt so viel Unterstützung, wie er gerade braucht.“

Und wie viel auch ohne Hilfe geht, berichtet Lisa: „Wir helfen uns ja auch untereinander. Das ist doch selbstverständlich.“

Hephata

Die Evangelische Stiftung Hephata mit Sitz in Mönchengladbach wurde 1859 gegründet. Heute assistiert Hephata mehr als 2500 Menschen mit Behinderung auf dem Weg zu Selbstbestimmung und Inklusion. Und das an derzeit über 40 Orten in Nordrhein-Westfalen.

Standpunkt: Bitte mehr davon

anja.siebel@rga.de

Menschen mit Handicap brauchen oft Unterstützung. Sei es, weil sie körperlich eingeschränkt sind, im Rollstuhl sitzen und weniger mobil sind als andere. Oder, weil ihnen Dinge, die für andere alltäglich sind, schlicht schwerer fallen. Was die Helfer der Stiftung Hephata indes verstanden haben: Der Unterstützungsbedarf ist so unterschiedlich wie es die Menschen sind. Manche brauchen mehr, andere weniger. Aber alle haben sie die Chance, ein möglichst selbstbestimmtes Leben zu führen.

Und sind nicht, wie früher häufig, praktisch gezwungen, aufgrund ihres Handicaps entweder sehr lange bei den Eltern oder in einem Heim leben zu müssen. Die Wohnprojekte eröffnen den Menschen völlig neue Möglichkeiten und Lebenswege. Und das hat unschätzbaren Wert. Vor allem auch für ein respektvolles Miteinander und ein Leben in Würde. So, wie sich das eigentlich jede und jeder von uns wünscht. Bitte mehr davon.

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